Er ist zu einer Marke geworden. Das schüttere Haar. Der Parka. Die vier Zigarettenpackungen am Tag. Die uralten Dinosaurieraugen. Das Schildkrötengesicht. Ein Mann, der Sätze sagt wie: "Ich glaube nicht, dass der Westen wirklich leben will." Oder: "Der Westen ist für ein menschenwürdiges Leben ungeeignet." Sich selbst hat er in Interviews und Romanen als Halbtoten beschrieben. Als jemand, der im eisigen Wasser versunken oder durch einen Panzer aus Leere von der Welt getrennt ist. Die Psychologie würde von Autismus sprechen.

Der Autismus der Marke Houellebecq mag ein persönliches Malheur sein. Er wurde von seinen Eltern vernachlässigt, fand Geborgenheit nur bei der Großmutter. Allen seinen Romanhelden wird es genauso gehen. Die Großmutter aus der guten alten Zeit ist die einzige Glücksfigur in den menschlichen Ruinenlandschaften seiner Bücher. Mütter, zumal berufstätige, sind für ihn der Sargnagel des Lebens. Das hat die Frauen gegen ihn aufgebracht. Dabei ging es vielleicht gar nicht so sehr um die Mütter, die ihren fordernden Aufgaben im Turbokapitalismus nachkommen oder sich im Yogakurs davon erholen. Es ging um den Turbokapitalismus. Und um den Schaden, den er in den Seelen anrichtet.

Deswegen ist der Autismus, der zur Marke Houellebecq unbedingt gehört, auch ein überpersönlicher, ein gesellschaftlicher Autismus. Wenn der Houellebecqsche Held in vergeblichem Liebessehnen den halben Fernen Osten kopuliert, um danach wieder in kosmischer Einsamkeit zu versinken und zwischen unausgepackten Umzugskisten auf tiefgefrorenem Nahrungsindustriemüll herumzukauen, ist er ein von der modernen Gesellschaft Gekreuzigter. Denn es waren nicht nur die Frauenemanzipation und die sexuelle Libertinage, die ihn ans Kreuz geschlagen haben, sondern es war die kapitalistische Moderne, die das alles zusammen hervorgebracht hat. Weil Houellebecq jedoch auf die korrekte Unterscheidung zwischen Folge und Verursacher wenig Wert legte und entfesselte Emanzipation und entfesselte Marktwirtschaft in ein und dieselbe Tonne trat, hat er die Ehre, sowohl für einen rechten als auch für einen linken Fortschrittspessimisten zu gelten. Ein Reaktionär für die einen, ein Kapitalismuskritiker für die anderen. Für den großen Rest ist er einfach ein unglaublich schlecht gelaunter, vollkommen humorloser und verzweifelter Autor.

So geht das seit ein paar Jahren. Seit der Ausweitung der Kampfzone, seinem Romandebüt aus dem Jahr 1994, einem Werk, dessen glühender Moralismus zwischen den Zeilen wühlt, während sich auf der Textoberfläche beinahe nichts regt. Ein aufgeräumter Satz trottet dem anderen hinterher. Das Buch machte Furore, weil es so todtraurig war und die luftdichte Selbstbezüglichkeit des westlichen Lebensstils so gut beschrieb. Stilistisch war es aber nicht allzu weit entfernt von einer Welt, in der man noch Sätze schreiben konnte wie: "Gegen siebzehn Uhr entstieg die Marquise der Kutsche." Das Literarische an der Literatur interessiert ihn nicht. Die ästhetischen Aufbrüche und komplizierten Extravaganzen der literarischen Moderne waren in den Texten Houellebecqs von Anfang an wie ausgelöscht.

Houellebecq hält die Welt nicht für kompliziert. Nur für schrecklich. Und er hatte bessere Reparatur-Ideen für die darbende Menschheit, als sie mit formschönen Kunstwerken zu erheitern. Auch damit hat er sich viele Feinde gemacht. Im Roman Elementarteilchen aus dem Jahr 1998 war zu lesen, dass "die Lösung aller Probleme – einschließlich der psychologischen, soziologischen und gemeinhin menschlichen Probleme – nur technischer Natur sein kann". Der Gentechnik traute er zu, was die moralisch-ästhetische Weltverbesserei nie vermochte, woran Bildung und Bildungsroman sich die Zähne ausgebissen hatten: den Menschen zu verbessern. Hätte man nur den Mut, tiriliert er in seinem Briefwechsel mit dem Philosophen Bernard-Henri Lévy , zu einer "absoluten technologischen Kontrolle des Menschen über die Natur (seine eigene biologische Natur inbegriffen)", dann könnte man nicht nur "eine neue Natur erschaffen", sondern sogar "eine Universalherrschaft der Liebe etablieren".