Am Anfang staunt man ein wenig über Stereotypen, die man von Uwe Timm gar nicht gewohnt ist. Da begegnen sich im vorpommerschen Anklam zwei Männer wieder, die einander um 1965 als Studenten in München kennengelernt und dann aus den Augen verloren hatten. Der eine, der Erzähler, war Lehrer für Deutsch und Geschichte und hat sich nach der Wende mit seiner Familie "freiwillig" in der Ostprovinz niedergelassen, wo er seit der Pensionierung ein Antiquariat führt. Dazu passend trägt er grauen Bart, schlabbrige Cordhosen, kariertes Hemd und runde Nickelbrille. Der andere hat von Deutsch und Mathematik schon früh auf Abfall-Logistik umgesattelt und kommt jetzt als Investor aus Berlin, um das verarmte Anklam mit einer arbeitsplatzträchtigen Sondermülldeponie zu beglücken. So einer ist wettergebräunt vom Segeln, fährt ein Saab-Cabrio und tritt in seiner "schwarzen, knapp geschnittenen Windjacke aus irgendeinem atmungsaktiven Technostoff" samt leuchtend rotem Reißverschlusszipp und schwarzer, weich fallender Hose wie die Karikatur eines Wessis auf.

Real existierende Anklamer wiederum könnten sich durch gastronomische Ost-Schablonen in ihrem Lokalstolz verletzt fühlen: Strammer Max, Hawaii-Toast, Cappuccino mit Sahne. Und über die eingangs platzierten Epitheta "sterbend" und "vergessen" für ihr Städtchen werden sie sich auch nicht freuen. Aber Uwe Timm, der ebenso gewiefte wie gelassene Erzähler, macht das alles wieder gut. Er stellt ein geradezu zärtliches Stadtporträt ins Zentrum seiner Novelle, er rühmt die Besonderheiten des einheimischen Bäckerhandwerks, und die beiden Männer lässt er Erinnerungen auffrischen, die alles andere als klischeehaft sind. Denn erstens: Was die ungleichen Freunde seit Anno Krug verbindet, ist die Liebe ausgerechnet zum Œuvre Arno Schmidts. Und zweitens: Wer weiß heute noch, dass eine Münchner Großversicherung früher in ihrer Kantine einen Freitisch für Studierende unterhielt, auf dass diese später ihre Lebensversicherungen bei dem spendablen Unternehmen abschlössen?

Der Autor, Jahrgang 1940, berichtet aus der unspektakulären, doch untergründig brodelnden Zeit, die zwischen den literarisch hundertfach aufgewärmten Fünfzigern und dem Schicksalsjahr 1968 lag. So ist auch dieser Timm-Text wieder ein Stückchen Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik, anekdotisch aufgelockert und ins Individuelle gewendet, diesmal gespiegelt in der über Jahrzehnte konservierten Verehrung eines anarchisch-pessimistischen Dichtergenies der Nachkriegszeit. Anspielungen auf Arno Schmidt und Zitate aus seinem Werk durchziehen die Erzählung, die zwanglos, mit einer sehr entspannt wirkenden Anmutung von Zerstreutheit, zwischen damals und heute hin- und herspringt.

In Anklam also, wo Rosen, Porree und Kühe in Halbtrauer an der Tagesordnung sind, gedenken die beiden Exkommilitonen des Schmidtianer-Quartetts am Münchner Freitisch. Dazu gehörten außerdem ein Jurist, der als Schlafwagenschaffner jobbte, sowie ein existenzialistischer Jungautor, der Tür an Tür mit dem Erzähler wohnte und auf seiner Schreibmaschine ein – man hört es förmlich – "stotterndes, nachdenkliches, metallenes Picken" ertönen ließ, wenn er nicht gerade mit irgendeinem Damenbesuch ganz anders geartete Geräusche erzeugte. Zu diesem Thema macht der Müllmogul Euler eine Bemerkung von epochaler Wucht: Er sei überzeugt, dass die Leidenschaften in jener "Zeit vor der Pille" intensiver, verrückter und wilder gewesen seien. Mehr noch: "Ich kannte damals niemanden, der in die Oper ging. Nicht allein wegen der Kartenpreise, man erlebte die großen Gefühle, Angst, Glück, zu Hause, kostenlos."

Ja, ist was dran, sagt der Erzähler. Der norddeutsch trockene, lakonische Grundton hat hier gleich drei Quellen, nämlich Uwe Timms Hamburger Herkunft, Mecklenburg-Vorpommern als Schauplatz und den niedersächsischen Nährboden, auf dem Arno Schmidts Kopfgeburten wucherten. Wohltemperiert ist die Mischung, ironisch abgeklärt die Haltung, knapp die Diktion. Dennoch mangelt es nicht an Anschaulichkeit und Tiefenschärfe, wenn der Wahlmünchner Timm ein Schwabinger Happening oder ein Bogenhauser Empfangs-Szenario in den goldenen Frühsechzigern beschreibt, wenn er volksbühnenhafte Zustände beim bayerischen Verfassungsschutz schildert oder das mähliche Erwachen des politischen Bewusstseins im Jahr der Notstandsgesetze skizziert. Den Abfall-Investor lässt er Skurriles aus neuerer Zeit beisteuern, Impressionen von einem Abend mit dem Neurologen Oliver Sacks und dem Theatermann Einar Schleef, die sich hier ganz uncamoufliert wiedererkennen dürften.

Die unerhörte, auch unerhört komische Begebenheit steht in dieser nicht ganz formvollendeten Novelle am Schluss. Es ist die Fahrt von München nach Bargfeld, zum Anwesen des Meisters, die der Erzähler und sein Freund Euler seinerzeit in einem geliehenen, knallroten VW-Cabrio unternommen haben. Da tritt Arno Schmidt dann leibhaftig auf, und sein charakteristisches Gebaren wird mit einem einzigen Satz kommentiert: "So viel zu der Gastfreundschaft von Schriftstellern."

Zwar steht gerade kein Schmidt-Jubiläum ins Haus, aber: "Während wir an unserem Freitisch saßen, hatte Arno Schmidt mit der Niederschrift von Zettel’s Traum begonnen." Und passenderweise war kurz vor dem Erscheinen dieser hinterhältigen kleinen Hommage die Subskriptionsfrist für die im vorigen Jahr gesetzte Neuausgabe des Bargfelder Opus maximum abgelaufen. Uwe Timms schmales, unprätentiöses Büchlein wirkt wie die Antithese zu jenem Monstrum, doch ist der Freitisch überraschend reich gedeckt. Zumindest für jene, die gewisse Reminiszenzen mit dem Autor teilen und ermessen können, wie viel Wehmut in einem fast unbeholfenen Satz wie diesem mitschwingt: "Das war allerdings auch noch eine Zeit gewesen, in der man Zuwendung, ja Liebe durch Literatur gewinnen konnte."