Sachsen-Anhalt ist Deutschlands Herz. Darüber kann es keine zwei Meinungen geben. Seine "kerndeutschen Lande", so der Dramatiker Einar Schleef, bergen alles, was der Germane braucht: Altmark und Burgenland, den Halberstädter und den Magdeburger Dom, Quedlinburgs Fachwerkpracht, die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg, die Elbauen, das Sangerhäuser Rosarium und natürlich den Harz. Von dessen Zentralmassiv dekretierte ein europäischer Dichter: "Der Brocken ist ein Deutscher." Sprach’s und schrieb 1824 ins Gipfelbuch: "Große Steine, müde Beine, saure Weine, Aussicht keine. Heinrich Heine."

Das ist der Sachsen-Anhalt-Blues. Seine Verfilmung erfuhr er 2003 in Michael Schorrs gottvoller Tragikomödie Schultze Gets The Blues. Eine rheinische Freundin war befremdet von Handlungsarmut und Menschenschlag. Sachsen-Anhaltiner beheimelte die schroffe Redlichkeit von Schultze & Schicksalsgenossen, ihr proletarisches Drecksdeutsch, die sentimentalische Härte, umstellt von den Kalisalz- und Kupferschiefer-Abraumhalden unseres umgebuddelten Landes. In der Restrepublik genießt Sachsen-Anhalt folgenden Ruf: Künstliches Gebilde. Homeland der Arbeitslosen. Alles Nazis.

Tatsächlich ist Sachsen-Anhalt nicht homogen, weder territorial noch sprachlich oder mental. Der Querriegel Harz teilt den ostfälisch erdschweren Norden vom Mansfelder Land und dem Erfurter Becken. Der Nord-Anhaltiner schweigt mit lehmigem Trotz. Der Südmensch schwadroniert in einer drastischen Mundart, die Zugereiste zur Abreise nötigen kann. Der Norden hieß zur DDR-Zeit Bezirk Magdeburg und war landwirtschaftlich geprägt. Der südliche Chemie-Bezirk Halle zählte wirtschaftlich wie ideologisch zur Essenz des SED-Staats. Die mitteldeutsche Arbeitergeschichte wurde als rote Heiligenlegende gepflegt. Und allgegenwärtig war in Einar Schleefs (und meiner) Heimatstadt Sangerhausen der Bauernführer Thomas Müntzer als Namenspatron von Straße, Schule, Kulturhaus, Kupferschacht.

Der Zusammenbruch der großen Kombinate – Chemie, Bergbau, Maschinenbau – traf Sachsen-Anhalt verheerender als Sachsen und Thüringen, deren mittelständische Tradition sich mühevoll erwecken ließ. Mittlerweile sank die Arbeitslosigkeit immerhin auf 13 Prozent. Sinnbild des Wandels war 2010 die Internationale Bauausstellung mit ihrem mutigen Umbau-Projekt "Schrumpfende Städte". Bei Bitterfeld, einst giftigste Stadt Europas , erstreckt sich heute eine Seenplatte. Die neuzeitliche Chemie wird meist von Computern betrieben. Unverändert verlassen Menschen Sachsen-Anhalt, täglich 70, vor allem die Jugendlichen. Es bleiben die Alten. Wer durch die stillen Straßen von Naumburg oder Wittenberg läuft, der möchte Goethes Osterspaziergang umdichten: "Doch an Menschen fehlt’s im Revier – man nimmt geputzte Häuser dafür." Und Weißenfels sieht so marode aus wie 1989.

Politisch schrillte aus Sachsen-Anhalt zweimal bundesweit Alarm. 1994 befreite der frühere evangelische Synodalpräsident Reinhard Höppner (SPD) die PDS aus der parlamentarischen Quarantäne. Bis 2002 regierte er mit PDS-tolerierten Minderheitskabinetten. In Höppners Ära fiel der 26. April 1998, an dem die rechtsradikale DVU bei den Landtagswahlen 12,9 Prozent errang – aus dem Stand, ohne Personalwahlkampf und Prominenz. Der rechte Spuk endete alsbald , auch dank der Bild- Zeitung. Man las, Fraktionschef Helmut Wolf schlage fremde Kinder und habe seine Gattin misshandelt. Unter vorgehaltener Pistole musste sie ein von Wolf zertretenes Wurstbrot vom Teppich schlecken. Das ist in Sachsen-Anhalt unüblich. Wolf verschwand, ersetzt durch den Deutschen Volksgenossen Torsten Miksch. Prompt enthüllte Bild , Miksch habe seinen in Ungnade gefallenen Terrier George in einem trockenen Brunnen entsorgt.

George wurde gerettet – nicht die zerbröselnde DVU. Deren Reste fusionierten mit der NPD. Sie wirbt aggressiv. Ihr Einzug in den Magdeburger Landtag nähme nicht wunder. Rechts wird Mitte. In Krauschwitz wechselte unlängst der SPD-Bürgermeister zur NPD. In Pretzien beehrte 2006 der Bürgermeister (ehedem PDS) eine Sonnenwend-Feuerfeier, bei der auch Das Tagebuch der Anne Frank als verbrennungswürdig in die Flammen flog.

Gefestigte Parteimilieus existieren in Sachsen-Anhalt kaum. Stärkste Partei sind die Nichtwähler. Die Wahlbeteiligung lag 2006 bei 44,4 Prozent (2002: 56,5; 1998: 71,5). Einer wird gewinnen – vermutlich der bisherige Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU) . Der christdemokratische Landesvater Wolfgang Böhmer hat eigentlich den Finanzminister Jens Bullerjahn zum Kronprinzen aufgebaut. Der ist zwar SPD-Spitzenkandidat, doch das stört einen Souverän wie Böhmer keineswegs. Warum er 1990 in die CDU eingetreten sei? Weil die ihn gefragt hätten, sagte Böhmer. Zu DDR-Zeiten war er Chefarzt für Gynäkologie am evangelischen Paul-Gerhard-Stift Wittenberg. Dem Vernehmen nach hat auch der Ministerpräsident Böhmer bisweilen operiert, um den Kontakt zu den Menschen nicht zu verlieren. Nun, mit 75, tritt er ab.

Sachsen-Anhalt, das bedeutet auch ewige Konkurrenz der beiden Metropolen. Magdeburgs landeshauptstädtischer Glamour kränkt das rühmliche Halle. Von dort stammen die großen Liberalen Hans-Dietrich Genscher und Cornelia Pieper. Sachsen-Anhalts politischer Superstar kommt allerdings aus Quedlinburg: Allda saß laut Sage der Sachsenherzog Heinrich der Finkler (876 bis 936) naturburschikos "am Vogelherd", als ihm die deutsche Königskrone angetragen wurde. Sachsen-Anhalt ist stolz auf seine Straße der Romanik und Deutschlands größte Denkmalsdichte. Hingegen hasst nicht nur Jens Bullerjahn den dämlichen Landes-Werbeslogan: "Wir stehen früher auf". Der Titanenkampf Halle–Mageburg wird sportlich ausgetragen, in der 4. Liga. Auch hier gilt unsere goldene Regel: "Die Besten sind wir nicht, aber die Schönsten bleiben wir doch."

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