DIE ZEIT: Lieber Herbert Grönemeyer, was ist besser, singen oder reden?

Herbert Grönemeyer: Eindeutig singen.

ZEIT: Nach zwölf Grönemeyer-Alben, warum gibt es nun ein dreizehntes?

Grönemeyer: Da könnte ich Ihnen jetzt irgendeinen tollen Grund nennen.

ZEIT: Weshalb machen Sie Musik? Was ist der tiefere Grund?

Grönemeyer: Ich bin Musiker. Musiker nehmen Platten auf. Letztlich ist der Vorgang ein banaler: Ich sitze am Klavier, tagein, tagaus, ganz gleich, was draußen los ist und in welcher Verfassung ich mich befinde, und klimpere und singe vor mich hin und denke mir Melodien aus. Habe ich genug Melodien im Kopf, dann wird es Zeit, ein Album aufzunehmen.

ZEIT: Die Frage, ob es für ein neues Album reicht, hat sich nie gestellt?

Grönemeyer: Das war nie die Frage. Meine Frage war: Schaffe ich es, ein Album zu machen, das knackt, das knallt, das den entscheidenden Schritt nach vorne geht und wirklich etwas Neues bringt? Die letzten Alben, Bleibt alles anderes, Mensch und 12, ergeben, im Rückblick betrachtet, eine Trilogie. Schiffsverkehr war ein Neustart.

ZEIT: Gibt es den Mann bei der Plattenfirma, der Ihnen noch reinredet?

Grönemeyer: Mir sagt keiner irgendwas. Und das ist gut so. Bei meiner Plattenfirma habe ich in den letzten zehn Jahren an die sieben Chefs kommen und gehen sehen. Und diese künstlerische Freiheit, die letztlich eine Verantwortung für meine eigene Arbeit darstellt, die hatte ich von Anfang an: Gleich bei meinem ersten Plattenvertrag – ich war damals 18 oder 19 Jahre alt – habe ich auf die letzte Seite mit der Hand hineingeschrieben: Es wird nichts gemacht, was ich nicht will.

ZEIT: Künstlerische Freiheit, empfinden Sie die als Belastung oder als Glück?

Grönemeyer: Der Antrieb ist der Selbstzweifel: ganz klar. Man bleibt skeptisch, man kämpft, man steht vor einer Wand. Man versucht, etwas zu erfinden, und weiß nicht, ob das klappt. Letztlich macht man das ja alles, um zu gucken, ob man es überhaupt noch kann. Ein Teil in einem sagt, dass man es nicht mehr kann – sonst würde man sich dieser Qual nicht aussetzen. Es ist, so abgeschmackt das klingen mag, eine Forschungsreise in das eigene Ich: Bist du noch spannend? Bist du für dich selber noch spannend? Gelingt das noch einmal, dass man sich für sich selber interessiert, dass man von sich selber überrascht wird?

ZEIT: Und? Welches Zeugnis stellt das Grönemeyer-Album Schiffsverkehr dem Musiker Grönemeyer aus?

Grönemeyer: Ich muss mich – von Album zu Album – immer wieder selber erfinden, meine Mittel sind ja durchaus beschränkt. Einige Melodien fliegen einem einfach so zu, das ist dann ein schönes, ein erhabenes Erlebnis, andere Melodien muss man sich erarbeiten. Ich bin auch Handwerker, ein technisch versierter Handwerker, der mittlerweile auf ein paar Jahrzehnte Berufserfahrung zurückblickt. Wichtig ist, dass ich bei meinen musikalischen Forschungsreisen nicht alleine bin, dass ich einen Ansprechpartner habe: Seit nun 14 Jahren arbeite ich mit meinem Partner Alex Silva zusammen, es ist eine unheimlich erfreuliche und ertragreiche Verbindung. Wir saßen im letzten Jahr an der Filmmusik zu The American, dem Film meines Freundes Anton Corbijn, und sind dann übergangslos in die Arbeit an dem neuen Album gegangen.

ZEIT: Das neue Album ist in drei verschiedenen Studios entstanden, die alle drei Popgeschichte geschrieben haben: dem Studio von Abba bei Stockholm, den Abbey-Road-Studios in London, den Hansa-Studios in Berlin , in denen David Bowie und U2, zuletzt die Pet Shop Boys und REM ihre Platten aufgenommen haben.

Grönemeyer: In den Hansa-Studios unterhalten wir seit Jahren unser festes Studio, mein Partner Alex und ich haben dort eine eigene Etage. Gemischt haben wir das Album in den Studios in New York, in denen Jimi Hendrix sein Electric Ladyland aufgenommen hat.