Ein Duo kann sein wie ein Orchester. Es kann verschiedenste Klangfarben erzeugen, mal als Aquarell in die Fläche gezogen, dann wieder mit dickem, pastosem Strich gezeichnet, es kann ganz leise am Rande des Verstummens balancieren und in sehr laute Ausbrüche münden, es kann Grooves hervorbringen, kann sie dehnen und stauchen und sie in kaum merklichen Schritten immer weiter verändern, bis sie in einer anderen Zeit spielen oder sich völlig auflösen – die Möglichkeiten sind unendlich.

Im Jazz ist das Duo immer eine besondere Situation, beispiellos fragil und gleichzeitig stark und klar in seiner Spannung. Jeder Ton, jedes Nebengeräusch zählt, umspannt das Spielfeld, definiert Rhythmen, Tonalitäten, Melodien; jede Pause setzt das geknüpfte Netz unter Spannung – oder bringt es zum Zerreißen. Nirgends steht der improvisierende Musiker umfassender auf dem Prüfstand: Im Duo werden alle Facetten seiner Fähigkeiten hinterfragt, Spieltechnik und der eigene Klang, Ideenreichtum und Sensibilität, Empathie und Eigensinn. Man ist sehr allein im Duo, allein mit sich, seinem Partner und der Notwendigkeit, immer wieder, entweder in zarter Harmonie oder auch im ruppigen Gegeneinander, den gemeinsamen Atem zu finden.

Zusammen mit dem Bassisten Stephan Crump hat der Saxofonist und Komponist Steve Lehman gerade ein Duo-Album veröffentlicht, das ihm reichlich Raum bietet, sein musikalisches Vokabular auszubreiten: kantige Bebop-Phrasen und weich modulierte Hintergrundmelodien, das Fauchen des Atems im Saxofon und den Beat der Klappengeräusche, die langen Wellen seines Vibratos und die Raffinesse seines Spiel mit der Mehrstimmigkeit. Schon beim ersten Hören beeindruckt der kernige, gänzlich unaufgeregte Ton, mit dem Lehman seine Phrasen spielt, die Leichtigkeit, mit der er zusätzliche Informationen herbeizitiert, Anklänge an Bekanntes, Anspielungen, Zitate. Doch was wirklich hängen bleibt, ist das Spiel mit einer fast schon orchestralen Vielfalt an Klangfärbungen, die sich permanent wandeln, die in jedem Moment, jedem Spannungszustand anders schillern.

In der New Yorker Musikerszene ist der 32 Jahre alte Lehman einer der Musiker der Stunde; ein Vertreter einer neuen Generation, die dem Jazz ein neues Leben beschert, in dem die erbitterten Debatten um die Wahrung der Tradition und die Reinheitsgebote des Jazz, die in den vergangenen Jahrzehnten die Außenwahrnehmung dieser Musik prägten, nicht mehr sind als eine verblassende Erinnerung. Junge Musiker wie die Gitarristin Mary Halvorson und der Schlagzeuger Tyshawn Sorey, Me’shell Ndegeocello oder Vijay Iyer und Rudresh Mahanthappa , deren Eltern noch in Indien aufgewachsen sind, entwickeln ihre musikalischen Sprachen vor einem viel breiteren Erfahrungshorizont, als dass sie sich in den überlieferten Formen des Jazz kasernieren ließen. Ganz selbstverständlich beherrschen sie ihr Bebop-Handwerkszeug wie die Generationen zuvor, aber sie sind mit Punk und Pop aufgewachsen, mit klassischer und Neuer komponierter Musik, sie hatten Zugang zur Welt der Computer und zu den verschiedenen ethnischen Musiken. Ihnen geht es um die persönliche Kombination von Klängen, die gegenwärtig sind und ihrem musikalischen Hintergrund angemessen. Und im Netzwerk dieser Musiker ist Lehman ein Knoten, in dem viele Schnüre zusammentreffen: geboren in Brooklyn, aufgewachsen in Hartford, gut 120 Meilen nördlich von New York, wo Lehman in Jackie McLean, einem der herausragenden Altsaxofonisten, der im Schlagschatten von Charlie Parker stand und aufgrund von Drogenproblemen die Musikszene in New York hinter sich gelassen hatte, seinen ersten Mentor fand.

Nach der Schule besuchte Lehman die renommierte Wesleyan University, wo er sowohl in Komposition als auch in Französischer Literatur seinen Master machte. Entscheidend war jedoch die Begegnung mit Anthony Braxton , einem der bedeutendsten Komponisten und Konzeptualisten der Jazz-Avantgarde, mit dessen Verbindung von freier Improvisation und sehr ausgefeilten formalen Vorschriften.