Sängerin Maike Rosa VogelRomantiks next Topmodel

Es gibt sie noch, die herzerwärmenden Liedermacherinnen. Eine von ihnen kommt aus Berlin und hört auf den Namen Maike Rosa Vogel. von 

"Sich selber spüren": Maike Rosa Vogel

"Sich selber spüren": Maike Rosa Vogel  |  © Joe Dilworth

Flunkern? Ist ihre Sache nicht. Schwindeln? Nicht vorgesehen bei Maike Rosa Vogel. Mogeln und Mauscheln, Tricksen und Täuschen? »Ich hab da einen Knacks«, lächelt sie ein klein wenig verlegen, »ich kann nicht lügen.« Den Knacks hat sie schon seit ihrer Kindheit weg, was mitunter – vor allem natürlich, als Maike Rosa noch ein Teenager war – seine weniger praktischen Seiten hatte. Inzwischen aber ist Maike Rosa Vogel 33 Jahre alt, Liedermacherin, und ihre Unfähigkeit, etwas anderes zu sagen als die Wahrheit, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, führt dazu, dass die Songs auf ihrem zweiten Album Unvollkommen, sagen wir: schwer aus dem Rahmen fallen.

Eine Ironikerin ist wirklich nicht verloren gegangen an der in Frankfurt am Main aufgewachsenen Wahlberlinerin. Wo der Durchschnitt escapiert, betreibt sie stellvertretende Seelenarbeit. Und wo andere sich skrupellos in ein günstiges Licht rücken, um von etwaigen Schwächen abzulenken, stößt sie uns mit jener Unnachsichtigkeit, die gerade romantische Naturen an den Tag legen können, auf direktem Weg in die Mördergrube ihres Herzens. Das Ergebnis sind Lieder, die polarisieren.

Anzeige

Bei Germany’s next Topmodel würde Maike Rosa Vogel wohl kaum die Vorrunde überstehen. Beim großen Rest derer aber, die auch im fortgeschrittenen Alter noch auf der Suche sind, rennt sie offene Türen ein. Man muss erlebt haben, wie sie ihre Gitarre prügelt und mit glockenheller, ungekünstelter Stimme vom Herzen singt. Dem Herzen, das verloren geht, dem Herzen, das auf die Knie geht, dem Herzen, dem man vertrauen lernen soll, und von all den anderen Herzen, »die wissen, wie man Sehnsucht buchstabiert«.

Elf Songs hat Vogel für das Album geschrieben, in sieben kommt das Wort Herz vor. »Ich versuche, es einfach zu halten«, sagt sie fast entschuldigend, »ich bin schon so verkorkst genug.« Noch häufiger, gleich in zehn Liedern, findet sich »Welt«. Es gibt die innere Welt, die eigene und die des anderen. Und es gibt die Welt da draußen. Manchmal finden die Welten in einem einzigen Satz zueinander: »Wir waren so falsch in dieser Welt.« Und ewig schrammelt die Gitarre dazu, nicht gezupft, sondern geschlagen, nach Art der Protestsänger, nur hier und da abgemildert von Klavier, Streichern oder einer einsamen Mundharmonika.

Es ist ein Manifest, das da in elf harschen Songpoemen Gestalt annimmt, eine Kampfansage an die Dogmatiker und Besserwisser, die Terroristen und Aufsichtsratsvorsitzenden, Analysten, Realisten und Gleichmacher, die im Song Faule Menschen ihr überfälliges Fett wegkriegen. Sie sind zu selbstzufrieden, diese Zeitgenossen, um sich zu erforschen, zu ängstlich für die Risiken der Liebe, zu träge für die Mühen der Menschlichkeit. »Es gibt ein wahres Leben im falschen, daran habe ich immer geglaubt«, singt die Vogel, und natürlich weiß sie, dass es »wie ein Klischee« klingt. »Aber das Private ist nun mal politisch.«

Dass Element-of-Crime-Sänger Sven Regener Unvollkommen produziert hat, passt in den Kosmos ihrer Vorlieben, die, eher unfreiwillig, von Biermann und Degenhardt – den singenden Urahnen aus dem Plattenschrank ihrer 68er-Eltern – bis hin zu den freiwilligen, zu Bob Dylan , Conor Oberst und, ja, Sinéad O’Connor reichen, welche Letztere im Videoclip zu Nothing Compares 2 U einst eine echt authentische Träne in eine schockierte Popwelt rollen ließ. Damals spürte die junge Maike Rosa, dass sie mit ihrer Empfindungslage nicht allein dasteht. Und noch heute löckt sie mit ihren Songs wider den Stachel des Zeitgeists. Nein, keine Angst, sie weint nicht auf der Bühne, aber: »Sich selbst spüren«, singt sie, sei doch »das letzte Abenteuer«.

Stilblüten? Die gibt es, aber auch sie wirken wie kongenial dazuerfunden. Wenn die zarte Maike von der »Schönheit ihrer desorientierten Körperlichkeit« singt, erinnert der eckige Duktus an Gespräche, wie sie in den achtziger Jahren an den Küchentischen besetzter Häuser geführt worden sein mögen. Damals war die Nacht jung, der Rotwein billig, das Schweinesystem da draußen irgendwie ziemlich scheiße und schlussendlich doch nur die Liebe die Lösung. Maike Rosa Vogel weiß davon ein neues Lied zu singen.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Bob Dylan | Album | Gitarre | Herz | Kosmos | Sven Regener
    Service