JahrhundertbebenDie Ruhe nach dem Sturm

In Japan beobachtet Georg Blume, wie diszipliniert und geduldig die Menschen die Folgen der Verheerung bewältigen. von 

Überlebt. Ein Mann läuft durch die Trümmer seiner Heimat in dem Ort Watari im Nordosten Japans

Überlebt: Ein Mann läuft durch die Trümmer seiner Heimat in dem Ort Watari im Nordosten Japans  |  © Jiji Press/AFP/Getty Images

Am Montagmorgen um kurz nach zehn Uhr wackelt noch einmal die japanische Erde. Ein Nachbeben der Stärke 6,2 auf der Richterskala. Im Tokyoter Modeviertel Shibuya sitzen zu dieser Zeit die Gäste des Excelsior Caffé dicht gedrängt. Auf den Tischen der kleinen Espressobar im zweiten Stock eines Kaufhauses klimpern plötzlich die Tassen. Das Zirpen von Erdbebendetektoren durchschneidet die verrauchte Luft. Und was nun?

Keiner der Gäste, in der Mehrzahl Frauen, springt auf. Kein Kreischen. Nicht einmal lautere Stimmen. "Das ist ungefährlich", sagt neben mir ein junger Kerl im Al-Capone-Anzug. Er will den Ausländer beruhigen. Vor uns brüten derweil zwei Frauen über einer Modezeichnung, geben ihr mit Bleistiftstrichen den letzten Schliff. Als die Erde bebt, schauen sie sich nur kurz an und stecken dann die Köpfe noch enger zusammen.

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Yoko Suetaka und Mie Kanazawa sind trotzdem tief beunruhigt. "Wir arbeiten sonst zu Hause, aber haben es allein in unseren Buden nicht mehr ausgehalten", sagen sie. Sie wollen unbedingt arbeiten, um sich abzulenken. "Wir zeichnen ein amerikanisches Kleid aus den dreißiger Jahren", sagt Suetaka und erklärt ihre Arbeit. Sie schafft es richtig gut, sich abzulenken.

Das ist japanische Lebenskunst, mitten in der Katastrophe. "Im Prinzip leben die Japaner in der Gegenwart und denken nicht viel an die ferne Zukunft. Deshalb fehlt ihnen die Angst." Das sind Worte des großen japanischen Philosophen Shuichi Kato. Er diktierte sie mir wenige Tage nach dem Erdbeben von Kobe im Jahr 1995, als über 6000 Menschen unter den Trümmern der bis dahin schwersten Nachkriegskatastrophe in Japan starben. Heute ist alles viel schlimmer. Nach dem Beben kam auch noch der Tsunami. Viel mehr Opfer werden unter den Trümmern an der ostjapanischen Küste vermutet. Aber eines bleibt: "In Kobe offenbarten sich die Fähigkeiten der Zivilgesellschaft. In der Notsituation standen die Menschen Schlange, als warteten sie vor einem Museumseingang. Das war sehr rational und sehr solidarisch", beobachtete Kato damals.

Jetzt ist es wieder so. Am Montag zeigt das japanische Fernsehen Bilder von endlosen Schlangen vor Lebensmittelläden. Wieder stehen in den Krisengebieten die Überlebenden Schlange, als wäre nichts geschehen. Schweigend und ohne zu drängeln. Woher nehmen die Menschen diese Ruhe?

Das Erdbeben vom 11. März

In fast 90 Prozent der Fälle werden Tsunamis durch Seebeben ausgelöst. Dabei brechen oder reißen aufeinander stoßende Erdplatten und erschüttern den Untergrund des Ozeans. In Japan taucht die Pazifische unter die Eurasische Platte.

Infografik Erdbeben
Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen

Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen  |  © Anne Gerdes/ZEIT Grafik

Durch solche Erdverschiebungen können gewaltige Wassermassen in Bewegung gesetzt werden. Einmal angestoßen, beginnt eine Kettenreaktion: So wie ein Dominostein den nächsten anstößt, pflanzt sich die Bewegungsenergie im Wasser fort – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Kilometern in der Stunde.

In Japan ereignete sich am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit (06.46 Uhr MEZ) ein großes Erdbeben der Stärke 9. Zahlreiche weitere Beben erschütterten die Region. Das Epizentrum lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und fast 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokyo. Das Beben löste mehrere Flutwellen aus, die weite Landstriche verwüsteten.

Mehr als 15.800 Menschen starben durch die Naturkatastrophen, mehr als 3.200 gelten weiterhin als vermisst. Rund 120.000 Gebäude wurden zerstört, Hunderttausende weitere zum Teil erheblich beschädigt (Quelle: National Police Agency, Japan).

Der Tsunami

Eigentlich bedeutet das japanische Wort Tsunami "Hafenwelle". Meist ist es aber nicht eine einzige Welle, die ausgelöst durch ein Erdbeben die Küsten trifft, sondern die Erschütterungen lösen gleich eine ganze Serie von Flutwellen aus.

Treffen diese Wellen nach ihrer rasanten Ausbreitung über den offenen Ozean auf flachere Gewässer, türmen sich die Wassermassen meterhoch auf. Als gewaltige Brecher schlagen die Fluten an Land und können so kilometerweit ins Landesinnere vordringen.

Mit Beben muss man auf Japans Hauptinsel Honshu stets rechnen. Das Land liegt im Bereich des Pazifischen Feuerrings. Damit ist ein Vulkangürtel gemeint, der den Pazifischen Ozean umringt.

GAU in Fukushima

Während des Bebens am 11. März 2011 wurde auch das an der Ostküste der Präfektur Fukushima gelegene Atomkraftwerk Fukushima-1 beschädigt. Der anschließende Tsunami zerstörte sowohl die Notstromversorgung als auch wichtige Kontrollmöglichkeiten der sechs Reaktoren.

Grafik Radioaktivität
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Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.  |  © Julika Altmann

Nachdem das Kühlsystem ausfiel, kam es zu mehreren Explosionen durch entzündeten Wasserstoff. Die Wände der Reaktoren 1, 2, 3 und 4 wurden teils schwer dadurch beschädigt. Zudem ereigneten sich Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3. Radioaktivität trat in hohen Mengen in die Umwelt aus.

Das umliegende Gebiet musste evakuiert werden. Noch immer sind Städte und Dörfer in einem Radius von 20 Kilometern um die Atomanlage gesperrt. Mindestens 60.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Der AKW-Betreiber Tepco versucht, die havarierten Reaktoren langfristig unter Kontrolle zu halten. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Es war nicht immer so. In den Wirren des großen Tokyoter Bebens von 1923 ermordeten die Überlebenden 3000 Koreaner. Kato hat mir den Wandel mit dem Vertrauen in die Zivilgesellschaft erklärt. Japan ist heute eine der säkularsten Gesellschaften der Welt. Die Japaner haben im 20. Jahrhundert erst ihre Naturgötter und dann ihren Gottkaiser verloren. Gewonnen haben sie dafür ihre zivile Solidargemeinschaft. Sie stehen Schlange ohne Furcht, am Ende leer auszugehen.

"15.000 Menschen wurden gerettet", kann der japanische Premierminister Naoto Kan noch am selben Morgen verkünden. 100.000 Soldaten sind jetzt im Rettungseinsatz. Mehr noch: Die ganze Welt hilft. Amerikanische Flugzeuge werfen Lebensmittelpakete ab. Das war in Kobe noch anders. Damals zögerte die Koalitionsregierung von Liberal- und Sozialdemokraten tagelang, ausländische Hilfe anzunehmen. Die Weltöffentlichkeit zürnte zu Recht dem japanischen Krisennationalismus. Diesmal aber vergingen nur Stunden nach der Katastrophe, bis Premierminister Kan sein SOS über die Weltmeere funkte. Japan hat also noch mehr gewonnen: Vertrauen in die Weltgemeinschaft.

Das alles verhindert die Panik, macht den Rettungseinsatz effizienter. Dabei kommt es immer auch auf den Einzelnen an. Niemand weiß, wie vielen Menschen Miki Endo das Leben gerettet hat. Vielleicht Tausenden. Endo, eine 25-jährige Rathausangestellte in dem Städtchen Minamisanriku an der ostjapanischen Küste, ging am Freitag gleich nach der ersten Tsunami-Warnmeldung zur öffentlichen Sprechanlage ihres Amtes. Ihre Stimme klang eine halbe Stunde lang laut und deutlich durch alle Straßen und Gassen ihres Städtchens: "Bitte fliehen! Bitte fliehen Sie schnell!", rief Endo immer wieder. Kein Befehl, nein, das wäre nicht Endos höfliche, japanische Art gewesen. Nur eine Bitte. Aber ihre Mitbürger folgten ihr, so gut sie konnten. Im Rathaus kletterten die Angestellten auf einen alten Eisenturm auf dem Dach und klammerten sich fest. Endo aber blieb am Mikrofon. Dann rollte der sechs Meter hohe Tsunami über Minamisanriku und begrub unter sich das ganze Städtchen. Von den 17.000 Einwohnern wurden am Montag noch 10.000 vermisst. Doch ein Hubschrauber rettete Endos Kollegen, und auch ihre Mutter überlebte. Sie aber starb.

Leserkommentare
  1. »Haben Sie keine Angst?«, frage ich. Was für eine dumme Frage. Die Reaktorkatastrophe ist trotz der beunruhigenden Explosion noch nicht eingetreten, sie ist Zukunft.

    -

    Wenn die Zukunft zur Gegenwart wird, wird dann mit ihr die Disziplin Vergangenheit sein?

    -

    Hier schon mal Bilder, die Japan dann mehr als 50 Jahre plagen werden:

    http://www.youtube.com/watch?v=rvAJ_u3Q0Hw

    Max Stockhaus

  2. Schöner Artikel, danke.

  3. ... der uns die Mentalität der Japaner vor Augen führt,

    und glaube kaum ein anderes Land der Welt wird mit dieser Katastrophe besser zu leben verstehen, als dieses Land.

    Meine aufrichtige Hochachtung gilt diesem Land,
    auch wenn es so leichtsinnig war ihre Menschen solch einem Risiko auszusetzen.

    Japan wird sich verändern nach dieer Katastrophe.
    Ich hoffe aber, dass dessen innere Werte bleiben.

    Gruß Max Stockhaus

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    wenn alle die die Möglichkeit haben fliehen und nur diejenigen, die keine Möglichkeit haben bleiben müssen.

    • aram62
    • 15. März 2011 13:30 Uhr

    Den jetzt oft und auch hier geäusserten Enthusiasmus über die angebliche Besonnenheit der Japaner angesichts dieser schrecklichen Katastrophe kann ich nicht teilen. Unter welchen psychischen Kosten wird diese stoische Ruhe aufrechterhalten, und welche Folgen wird eine solche Selbstbeherrschung haben, wenn die akute Bedrohung erst einmal abklingt? Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass sich die aufgebaute innere Spannung in einigen Monaten ein Ventil sucht. Dann könnte auch den atomaren Gau ein psychischer Gau folgen.

    • lpr
    • 15. März 2011 13:40 Uhr

    Aus solcher Gegenwartsbeherrschung aber zog der Philosoph Kato in unserem lange zurückliegenden Gespräch den Schluss, dass die Japaner zukunftsuntauglich seien.

    Sehr treffende Analyse.

    Wahrscheinlich wird Japan trotz der Atomkatastrophe ihre Atompolitik nicht viel ändern.

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    "Wahrscheinlich wird Japan trotz der Atomkatastrophe ihre Atompolitik nicht viel ändern."

    ...glaube ich nicht, die KKWs waren selbst eine Antwort auf die Ölkrise in den 70igern.

    Die Frage ist, was sie lernen. Neue KKW-Konstruktionen oder weniger KKW :-)

  4. Das ist mal ein Artikel der "etwas anderen Art", der mir gut gefallen hat und mich hoffnungsvoll stimmt.
    .
    Es ist richtig, dass die Philosophie des Ostens sich auf das "Hier und Jetzt" bezieht, weil im "Hier und Jetzt" die Richtung für die Zukunft gelegt wird. (übe ich auch seit einigen Jahren)

    Das schließt natürlich nicht aus, wie ich finde, das Hier und Jetzt nachlässig oder fahrlässig oder aber sicher und gediegen zu gestalten.

    Ob die Japaner nun diszipliniert oder einfach nur pragmatisch sind, weil sie an den gegeben Umständen jetzt nichts ändern können und es besser ist, sich jetzt auf die Situation einzustellen, ist letztendlich egal. Sie meistern sie.

    Wenn es um das Hier und Jetzt geht, sollten sie gelernt haben, dass auch die Vergangenheit Botschaften für das Jetzt hat. Meine wäre die: Raus aus der Atomernergie und jetzt beginnen mit Wind, Wasser, Luft und Sonne.
    Japan ist doch das Land der aufgehenden Sonne.

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    • andkos
    • 15. März 2011 14:42 Uhr

    neben wind/wasser/sonne ist japen prädestiniert für geothemier, nur wird leider wenig umgesetzt

    (wie geothermie in vulk. aktiven gegenden funktioniert, zeigen die isländer recht deutlich)

  5. Ich habe über 20 Jahren mit Japanern gearbeitet und habe 4 Generationen von Managern hautnah miterleben können.

    Meine Beobachtung:
    Diese Gesellschaft ist weder zivil, noch frei. Das Individuum hat sich dem Kollektiv zu unterzuordnen. Kinder werden gedrillt zu gehorchen. Selbständiges und kritisches Denken gilt schon fast als unmoralisch und obszön.

    Alles dreht sich um die Firma. Die Firmen haben das absolute Sagen auch im privaten Bereich der Angestellten. Das geht so weit, dass viele Firmen weibliche Arbeitskräfte nur einstellen, damit die männlchen Angestellten jemanden zum Heiraten finden (wozu sie in der Freizeit keine Zeit haben).

    Mitarbeiter sind es gewohnt für die Fehler ihrer Vorgesetzten geradestehen zu müssen - die Schuld auf sich zu nehmen. So entsteht auch eine Kultur des Vertuschens. Wenn der Chef sagt: "spring aus dem Fenster" dann wird das auch gemacht!

    Ich habe Japaner sagen hören: "Ich weiß, dass wir viel Geld vernichten werden. Ich weiß, dass dieses Projekt so nicht funktionieren wird, aber der Chef will es so. Lassen Sie uns nicht darüber sprechen."

    Hat sich mal jemand die Selbstmordrate in Japan angeguckt? Die spricht Bände.

    Verstehen Sie bitte meinen Kommentar nicht als Kritik. Ich habe ein sehr, sehr großes Mitgefühl für dieses Volk. Und es tut mir im Herzen weh, mit ansehen zu müssen, was im Moment passiert und was noch alles kommen wird.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...das deckt sich mit dem, was ich aus persönlichen Berichten und aus Reportagen gehört habe.

    Gefühle bzw. offene Gefühlsäußerungen werden unterdrückt, das lernen die schon als kleine Kinder, sie können sich jetzt gar nicht anders verhalten, sie wissen nicht wie das geht. Wenn ein Japaner heult, dann muss wirklich grauenhaftes passiert sein.

    Auch die im Artikel aufscheinende Frauendiskriminierung ist allgegenwärtig. Nicht umsonst hat Japan eine der niedrigsten Geburtenraten auf der Welt:
    http://www.faz.net/s/Rub02DBAA63F9EB43CEB421272A670A685C/Doc~EDE286B9897...

    Die aufgeklärten Japanerinnen haben schlicht keinen Bock auf die immer noch stark forcierte traditionelle Rolle. Selbst die Antibabypille wurde erst 1999 eingeführt.

    Dass Japaner keine Angst haben und nur im Hier- und Jetzt leben, kann ich hingegen nicht glauben. Wahrscheinlich sind sie schlicht vertrauensseliger, bedingt durch die autoritären Strukuren und Erziehung, nach dem Motto: wenn was wirklich schlimmes passiert, wird uns schon jemand warnen...

    • andkos
    • 15. März 2011 14:42 Uhr

    neben wind/wasser/sonne ist japen prädestiniert für geothemier, nur wird leider wenig umgesetzt

    (wie geothermie in vulk. aktiven gegenden funktioniert, zeigen die isländer recht deutlich)

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