MegacitiesMetropolen am Abgrund

Zu Millionen zieht es Menschen auf allen Kontinenten in Megastädte, denen Erdbeben drohen. Die Gefahr wird entschlossen verdrängt. von 

Menetekel, das ist ausnahmsweise ein angemessenes Wort für die Verheerung in Japan. Gemeint ist dabei nicht die atomare Katastrophe, die möglicherweise die globale Energiepolitik verändern wird – darüber entscheiden Menschen. Gemeint ist die Warnung vor der Normalität unseres Planeten und damit vor Gewalten jenseits von allem, was wir zähmen, kontrollieren oder auch nur voraussehen können. Die Urkräfte der Natur bedrohen immer mehr Menschen. "Die Katastrophe von Japan wird jetzt in vielen gefährdeten Regionen eine Diskussion darüber auslösen, ob die Bevölkerung dort vorbereitet ist und die Städte sicher sind", sagt der Erdbebenexperte Rainer Kind vom Geoforschungszentrum Potsdam .

Die Katastrophe von Japan ist ein geologisches Unglück neuer Qualität. Es ist seit Jahrzehnten das erste Beben dieser Größenordnung, das ein so hoch entwickeltes und dicht besiedeltes Land trifft, eine moderne Industriegesellschaft mit Autobahnen und Flughäfen, mit petrochemischen und kerntechnischen Anlagen. Ausgerechnet Japan, eine Nation, die sich wie keine andere der Naturgewalten bewusst ist und sich nach Kräften vorbereitet hat. Nun führt ihr Beispiel der Welt vor Augen, dass jede Katastrophenübung, jede Sicherheitsmaßnahme an Grenzen stößt. Trotz aller Vorsorge, aller Technologie kann die Natur uns überwältigen. Und je mehr von uns sich auf engem Raum drängen, desto verwundbarer werden wir.

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Infografik Erdbeben
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Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen  |  © Anne Gerdes/ZEIT Grafik

Weltweit ziehen die Metropolen immer mehr Menschen an. Im Jahr 2015 wird es in hoch gefährdeten Erdbebenregionen mindestens 25 Megacitys geben, Großstädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Dann werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen in Tokyo 36 Millionen Menschen leben, in Mexico-City mehr als 20 Millionen, in Dhaka und Los Angeles je fast 18, in Istanbul immerhin 14 Millionen. Sie alle leben mit der Gewissheit drohender Katastrophen – und der großen Hoffnung, dass sie nicht eintreten.

Die Gefahr wächst, weil die Menschheit wächst. Weil ihr Hunger wächst, nach Nahrung, nach Bildungs- und Aufstiegschancen. Er zieht die Menschen in die Städte. Megacitys sind gesellschaftliche Magneten. Sie verführen dazu, Risiken einzugehen. Auch geologische. Das Wuchern der gefährdeten Metropolen führe dazu, dass künftig jedes Jahr eine Million Menschen durch Erdbeben sterben könnten, warnt der Geologe Roger Bilham von der University of Colorado in Boulder . Die Liste der zehn tödlichsten Naturkatastrophen seit 1950 verzeichnet drei verheerende Stürme und Überschwemmungen – aber sieben Erdbeben.

Tokyo, San Francisco, Istanbul – sie wachsen trotz der drohenden Gefahr. Drei Städte auf drei Kontinenten, sie stehen beispielhaft für unseren Umgang mit dem Risiko und für unsere Psychologie angesichts des Unausweichlichen.

Istanbul – die unvorbereitete Stadt

Das schlimmste Szenario türkischer Geologen lässt sich etwa so zusammenfassen: Im Marmarameer vor Istanbul bricht die Erde auf einer Strecke von 120 Kilometern, ein Beben der Stärke 7,6. Auf die Erschütterung des Meeresbodens folgt ein Tsunami mit bis zu neun Meter hohen Wellen. Beben und Flut treffen auf eine Stadt, die die Gefahr oft verdrängt hat und ihr darum stärker ausgeliefert ist als etwa Japans Ostküste.

Mehr als 13 Millionen Menschen leben in der Stadt am Bosporus. Und viele scheinen kein geologisches Gedächtnis zu haben. 1999 starben bei einem Beben im nur 100 Kilometer entfernten Izmit mehr als 18.000 Menschen. Wenige Wochen später verwüstete ein Beben die Provinzhauptstadt Düzce. Für die nächsten 30 Jahre drohe Istanbul mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent ein Beben mit einer Magnitude von 7,2 oder mehr, sagten die Geowissenschaftler damals. "Das nächste Beben wird kommen, das ist absolut klar", warnt der Geologe Naci Görür seine Landsleute in der Tageszeitung Milliyet. "Es wird keine Flucht und keine Rettung geben."

Leserkommentare
  1. durch Erdbeben dürfte kaum eine realistische Schätzung sein.
    Der wohlhaben Teil der Bevölkerung wird wohl in zunehmend sicher gebauten Häusern leben und die Massen, die in Hütten aus Wellblech und Pappe leben, dürften von diesen kaum erschlagen werden. Die Mittelschicht stirbt aus anderen Gründen aus.
    Tatsache ist allerdings, dass enorme Anballungen von Menschenmassen auch das Risiko massenhaften Sterbens beinhalten. Das ist wohl das einzige Korrektiv.

  2. Da haette ich ein aktuelles Beispiel in Taiwan. Ein neuer Reaktor wurde vor einem Jahr gebaut mit etwa 4 mal soviel Plutonium wie in Japan direkt ueber 11 aktiven Vulkanen in einem Erdbeben-Gebiet. In Taiwan bebt es regelmaessig gestern mit 5.9. Die Kuehlwasser-Rohre lecken in dem neuen Reaktor schon seit einem Jahr und ein Worst case szenario wurde noch nichtmals erdacht selbst nach der Katastrophe in Japan nicht.
    Geht das Ding hoch stehen auf engstem Raum 23 Millionen Menschenleben auf dem Spiel weil Taiwan ist klein mit etwa 300 km Laenge und 100 km Breite.

    Antwort auf
  3. "2. Der Mensch sucht das Unglück

    So ist er an sein Verderben oft selber schuld.
    Wer sein Haus ans Wasser baut, darf sich nicht wundern, wenn ihm das Wasser um die Füße spült."

    Das sind ja mal Erkenntnisse...

    Wenn man sich Städte und Dörfer ansieht, fällt eines auf. Sie sind IMMER am Wasser gebaut worden, zumindest in der Vergangenheit. Und Sie dürfen mal raten, warum das so ist. Wasser bedeutet nämlich gleichzeitig Leben. Ohne Wasser, kein Leben.

    Insofern ist es ziemlich einfach gedacht, den Mensch dazu zu bewegen, sich abseits vom Wasser anzusiedeln. Dass ist natürlich mit heutiger Technik möglich, aber versuchen Sie mal, gewachsene Städte wie Istanbul, Los Angeles, San Francisco einfach so in erdbebensichere Gebiete zu transferieren. Es regiert also das Prinzip Hoffnung und die Glaube an die Technik, die es schon richten wird.

    Der Mensch vergisst schnell und hofft, ihn wird es schon nicht treffen.

    Antwort auf
  4. 4. Ach...

    "»Es wird keine Flucht und keine Rettung geben.«"

    Deutschland nimmt die 14 Millionen sicher gerne auf und bietet Ihnen ein Leben in Saus und Braus!

  5. ...bitteschön hat bei diesem Artikel die interaktive Karte zu deutschen Atomkraftwerken zu suchen? Es mag ja sein, dass von diesen eine potentielle Gefährdung ausgeht, aber wird die Karte deshalb jetzt neben jeden Artikel gesetzt?

  6. Die Menscheit denkt, dass Sie besser und klüger ist als die Natur.
    Und wenn solche Katasthrophen geschechen, geraten sie ins Panik.
    Ja, vielleicht sind sie darauf vorbereitet, trozdem ist ihre Chansen in dieser Lage sehr gering.
    Wenn die Menscheit nur ein bisschen in sich sehen, und langsammer leben würde, und nicht nur das wäre wichtig wie grosses Vermögen ansammeln kann, könnte es möglich sein ein ruhigeres Leben zu leben.
    Die Natur sollte man nicht versuchen zu besiegen, sondern respektieren.
    Das ist wohl nur ein Utopie.........

    • RL
    • 22. März 2011 9:45 Uhr

    »In den nächsten 10.000 Jahren wird Tokyo durch Erdbeben vermutlich mehr als zehnmal zerstört werden.«

    Andererseits werden die Japaner ganz aus freien Stücken Tokio in den nächsten 10.000 Jahren mindestens 250 mal abreißen und wieder neu aufbauen. In dieser Hinsicht sind Erdbeben also unbedeutend.

  7. Eine funktionierende Erdbebenwarnung könnte möglich sein!
    Unsere (Weltraum-)Technik erfasst bereits Einflüsse, die mit Erdbeben korrelieren, VOR dem Erdbeben an sich!

    http://www.bueso.de/node/9710

    Die Autoren dieses Beitrags sind zwar gegenüber dem wirtschaftswissenschaftlichen und wirtschaftspolitischen Mainstream absolute Ketzer (Friedrich List / F.D.Roosevelt ähnlich), aber es lohnt dennoch auf jeden Fall sich damit auseinanderzusetzen. In erster Linie ist der Beitrag geologisch und astronomisch.

    Wenn man davon ausgeht, dass sie recht haben, dann kann man damit hunderttausende von Menschenleben retten :)

    Beispiel eines Himmelsphänomens was mit Erdbeben korreliert:
    http://www.youtube.com/watch?v=KKMTSDzU1Z4&feature=related

    In der Türkei sollte man jetzt schon Anfangen eine neue erbbebensichere Stadt zu bauen. Und möglichst viele Firmen und politische Institutionen umzusiedeln. Damit die Türkei beim Erbeben nicht wie Haiti aufhört zu exisitieren.
    Und in Istanbul müsste man beginnen ganze Staddviertel abzureissen und durch erbebensichere zu ersetzten.
    Dass man mit der richtigen Rahmenökonomie Städte aus dem Boden stampfen kann, zeigen die Chinesen (die Friedrich List gelesen haben):

    http://www.youtube.com/watch?v=SLY2__DigIY&feature=related

    Die Frage ist, ob die EU sich für die Türkei als ein brauchbarer Partner bei so was herausstellt. (Die EU ist alles andere als Friedrich List.)

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