Mehr als 42 Millionen Personenwagen sind in Deutschland zugelassen, und jedes Jahr werden es mehr. Diese gigantische Ansammlung aus Metall und Kunststoffen bleibt 23 Stunden am Tag ungenutzt. Ihren Wortsinn erfüllen diese Fahrzeuge nur selten, denn meistens stehen sie als ungenutzte Ressource auf Parkplätzen und in Garagen herum. Diese Verschwendung stimmt Michael Minis zuversichtlich, schon weil der Unterhalt permanent Geld kostet: »Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die kein Auto besitzen, aber preisgünstig und für kurze Zeit individuell mobil sein wollen.« Zusammen mit fünf anderen Studierenden hat Minis darum die Internetplattform tamyca gestartet. Diese Abkürzung steht für das Englische »take my car«, also »nimm mein Auto«. Sie will Angebot und Nachfrage der Menschen zusammenbringen, die ein Auto teilen wollen – nicht im klassisch organisierten Carsharing , sondern privat, lokal und vor allem schnell.

Die sechs Gründer studieren an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und der Bucerius Law School in Hamburg. Ihre Leistung besteht aber weniger im Aufbau der Internetpräsenz. Dass Menschen ihr Auto zum privaten Verleih anbieten und andere sie über eine Umkreissuche finden können, ist technisch kein Hexenwerk. Entscheidend ist die Vollkaskoversicherung, die in der Tagesgebühr von 7,50 Euro enthalten ist, die der Ausleiher an tamyca zahlt. Sie deckt Unfallschäden ab, allerdings mit einer Selbstbeteiligung von 1000 Euro, für die der Mieter aufkommen muss. Die Frage der Haftpflicht wiederum wird über die Versicherung des Fahrzeugbesitzers geregelt.

Ein sogenannter Rabattretter verhindert, dass der Eigentümer in der Schadensfreiheitsklasse hochgestuft wird, wenn etwas passiert. Und damit schwarze Schafe möglichst wenig Chancen haben, sich in dem System breitzumachen, gibt es ein gegenseitiges Bewertungssystem, das an eBay erinnert. Die Konstruktion soll die größte Hürde beim privaten Carsharing senken: die Angst des Eigentümers, sein Auto in die Hände fremder Menschen zu geben und damit unübersehbare finanzielle Risiken einzugehen.

Ob eine Vollkaskoversicherung wirklich ausreicht, um nicht nur den Verstand, sondern auch das Gefühl zu beruhigen, wird erst die Praxis zeigen. »Das Auto ist ein Reizschutzpanzer, dort fühle ich mich geborgen«, erklärt dazu Stephan Rammler von der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, »in einer besitzindividualistischen Kultur ist es darum schwer, über das Teilen überhaupt nachzudenken.« Der Lehrstuhlinhaber für Transportation Design muss sich ständig Gedanken um neue, zukunftsträchtige Mobilitätskonzepte machen. Rammler befürwortet die Idee des privaten Carsharings, weil sich die gegenwärtige Debatte zu stark auf das zuerst knappste Gut, das Öl, reduziere. »Danach kommt aber gleich die Frage, wo das Material zum Bau des Autos herkommt und welchen Umweltraum es in Beschlag nimmt.« Eine durchweg positive Prognose für private Carsharingprojekte gibt Rammler trotzdem noch nicht. Zwar gebe es gerade bei jüngeren Menschen eine Abkehr vom Autobesitz, und auch der Wechsel zwischen verschiedenen Verkehrsträgern sei selbstverständlich geworden, aber »der ökonomische Druck ist nicht groß genug. Gespart wird eher an gutem Essen als am Auto.«

Auf je 1000 Einwohner kommen hierzulande – Babys und Greise sind dabei eingerechnet – mehr als 500 Pkws. Trotz dieser rechnerisch guten Versorgung stehen nicht überall die passenden Fahrzeuge bereit. »Diese Zahlen täuschen, bedenken Sie die vielen Zweit- oder Drittwagen«, sagt tamyca-Mitgründer Minis. Außerdem biete privates Carsharing mehr Flexibilität, etwa wenn man am Wochenende mit der Familie im Van an die Nordsee wolle.