Jugendkriminalität Lies das!
In Dresden können jugendliche Straftäter zur Lektüre von Büchern verurteilt werden. Welche wäre die Höchststrafe, welche die beste Lektion?
Dresden, Bahnhof Neustadt. Ich bin auf dem Weg zur Villa der Jugendgerichtshilfe, sie haben dort ein Projekt: Lesen statt Arbeitsstunden. Ich lutsche Bonbons, denn ich will nicht mit einer Fahne dort auftauchen, ich habe bis in den Morgen geschrieben und wenig geschlafen.
Und so gehen mir alle möglichen wirren Gedanken durch den Kopf. Wäre es nicht eine Art Höchststrafe, Heranwachsende zu Tellkamps Turm zu verdonnern? Oder zu Balzacs Verlorenen Illusionen, die ich vor 15 Jahren in der Jugendarrestanstalt Zeithain gelesen habe; und haben meine jugendlichen Lektüren mich vielleicht gestärkt, moralisch-politisch, haben sie mir meinen »festen Kern« gegeben, wie es neulich mal jemand sagte? Mein alter Freund Karsten liest Bukowski und Hemingway (ich habe ihm vor Jahren mal die 49 Stories geschenkt, das Exemplar, das ich auf einer Spanienreise am Fuße der Sierra Morena gelesen hatte, das erste Mal, dass ich mein Viertel für längere Zeit verließ), aber Karsten lebt sein Leben weiter zügellos wie eh und je.
Der Schriftsteller Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle (Saale), lebt in Leipzig. Von ihm erschienen »Als wir träumten« (2006), »Die Nacht, die Lichter« (2008) und »Gewalten. Ein Tagebuch« (2010)
Bin ich nicht mit Philip Marlowe und Sherlock Holmes durchs Chaos gewandelt, habe als Stephen Dedalus an Gorkis Universitäten gelernt, mit Jack London und Stevenson in wilden Meeren fremden Stürmen getrotzt?
»Über das Angebot von jugendgerechter Literatur an delinquente Kinder, Jugendliche und Heranwachsende versuchen wir, einen Zugang zum sozialen und familiären Umfeld der jungen Leute zu finden und somit das gegenseitige Verstehen zu fördern«, lese ich in der Broschüre der Jugendgerichtshilfe.
Was, verdammt noch mal, sind »delinquente Jugendliche«? Delinquenz bedeutet Fehltritt, fällt mir ein. Notorische Ladendiebe passen also nicht ins Muster. Später erfahre ich: Es sind um die 20 Arbeitsstunden, für die als Ersatz die Buchbestrafung ausgesprochen werden kann. 20 Arbeitsstunden sind nicht viel, bei mir verlief es damals so: 10, 20, 60, 100.
Ich überlege, während ich die Villa, die in der Nähe des Bahnhofs liegt, schon sehe, wie ich es empfunden hätte, wenn man mir vor 17 Jahren keine Arbeitsstunden auferlegt hätte, sondern die Lektüre eines Buchs. Mit den Auflagen, darüber zu schreiben, Fragen zu beantworten, also in den Dialog zu treten mit der Literatur. Aber ich habe ja immer schon gelesen, seit ich lesen kann, habe mit Märchen und Abenteuern angefangen, bis die Weltliteratur dazukam, aber die Freunde, die ich damals hatte, die Leute, die ich kannte, hätten sich sicher erst mal verarscht gefühlt, wenn der Richter, der meistens eine Frau war, mit einem Buch gewedelt hätte.
»Der Dresdner Bücherkanon als neue ambulante erzieherische Maßnahme möchte einen kleinen Beitrag dazu leisten, den Fehlentwicklungen im Bereich elementarer sozialer Grundfertigkeiten und Kompetenzen junger Leute entgegenzutreten.«
Literatur als Waffe, denke ich, also im positiven Sinn, und eigentlich ist es ja ganz gut, dass die Delinquenten nicht die Broschüren der Jugendgerichtshilfe Dresden lesen müssen, sondern gute Bücher, oder sagen wir, überhaupt Bücher. Denn, machen wir uns nichts vor, und das bestätigt auch der nette und sehr kooperative Herr Mollik, der Urheber und Erfinder des Projekts, mit dem ich inzwischen im Versammlungssaal der Villa Kaffee trinke, kaum einer der Fehlgetretenen hat zuvor schon mal ein Buch gelesen.
Wie zum Beispiel auch Benjamin, 16 Jahre alt, der in einer Fernseh-Doku, die mir Herr Mollik zeigt, über seine Lese-und Lebenserfahrungen spricht. Er wurde wegen einer Rangelei nach einer »Mobberei« belangt; auf »Körperverletzung« oder »tätliche Beleidigung« oder »Bedrohung« lautete dann die Anklage. Nach einiger Überprüfung schien er ins Profil zu passen. Lesen statt fegen. Häufig wird das Verfahren bei Ersttätern eingestellt, »gegen Erbringung von Auflagen«. Leichte Beute heißt das Buch, das Benjamin lesen und über das er schreiben muss, es ist von einer gewissen Maureen Steward, die mir nichts sagt, aber es muss ja nicht gleich Salinger sein, und dass ein gewisser pädagogischer Vorsatz im Vordergrund steht, leuchtet mir ein. Der Junge sagt später, ihm habe das Buch geholfen, sich in andere Menschen reinzuversetzen, und das scheint mir schon sehr viel. Jedes Buch, das in den Dresdner Kanon aufgenommen wird, ist vorher von den Mitarbeitern der Jugendgerichtshilfe überprüft, gelesen, mit einer Art Dossier versehen worden, Fragen zum Inhalt werden entworfen, welches Buch passt zu welcher Straftat?, der Täter soll reflektieren, eigene Gedanken zu Buch und Leben entwickeln.
- Datum 19.03.2011 - 17:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.3.2011 Nr. 12
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Herr Meyer, für diesen Gastbeitrag.
Das Vorhaben scheint ein guter Schritt in eine neue Richtung zu sein.
Hier könnte ich mir die Koalitionsvereinbarung von Merkel/Westerwelle vorstellen. Oder vielleicht die "Doktorarbeit" von KTzG ?!
Ich hoffe, beide Vorschläge müssten wg. unerlaubter Folter gleich wieder vom Tisch, genauso wie gewisse Machwerke von Ex-Bundesbankern.
Nichts für ungut.
Ich hoffe, beide Vorschläge müssten wg. unerlaubter Folter gleich wieder vom Tisch, genauso wie gewisse Machwerke von Ex-Bundesbankern.
Nichts für ungut.
Ich hoffe, beide Vorschläge müssten wg. unerlaubter Folter gleich wieder vom Tisch, genauso wie gewisse Machwerke von Ex-Bundesbankern.
Nichts für ungut.
Wie wäre es mit etwas "wildem Honig":
"Erzähle es mir – und ich werde es vergessen. Zeige es mir – und ich werde mich erinnern. Lass es mich tun - und ich werde es behalten."
(Konfuzius)
...über diesen artikel:
- was mir ziemlich gut gefällt, ist der locker-launige tonfall, in dem der artikel geschrieben ist. der ist so richtig wohltuend anders als das übliche zeitungsdeutsch. ich kann mich da gleich so richtig reinfallen lassen in diesen tonfall. und außerdem ist er nicht so intellektuell-verlogen-abgehoben von der normal erlebten wirklichkeit, sondern spielt mit den alltäglichen gegebenheiten, mit denen wir uns zu projekten, termine usw. schleppen 8unausgeschlafen, weil zu lange wach gewesen ...) der autor sollte mehrer hier schreiben. würde ich sehr gerne lesen.
2. das macht natürlich den zugang zum thema leichter. mir als ex-sozialarbeiterin (auf hilfe-entzug) aus dem jugendbereich (aber i.w. nicht-delinquente jgdl., wenn auch in prekären lebenssituationen) ganz besonders. denn eigentlich wars nur ein gewisses pflichtgefühl, den artikel zu lesen. das lesen wurde mir so aber zum vergnügen. was erleichtern war. denn leider ist die abhandlung solcher themen i.d.r. stocktrocken und mit üblen vokabeln gepflastert.
3. gspalten bin ich aber zur sache an sich. weil mir hier wieder den jgdl. etwas aufgedrückt werden soll. so sozialarbeiterisch-pädagogisch sinnvoll solch lesezwang erscheinen mag, so wenig geht es auf den jgdl. selbst ein. udn das ist für mich immer und immer wieder der springende punkt. ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als jgdl. zu ddr-zeiten verknackt wurde, das "neue deutschland" zu lesen und die "aktuelle kamera" zu gucken...
... und ich habe nicht vergessen, wie wenig sinnvoll das war, auch die berichte, die ich daraufhin abgeben mußte, waren wenig hilfreich, mir eine sozialistische gesinnung einzuimpfen. das ist später auf ganz andere wesie geschehen, jicht aber durch die "alten männer" der alten sed in der ddr.
das mag lange her sein, die welt hat sich weiter gedreht, die dinge haben sich deutlich verändert. insofern ist der vergleich nur relativ.
was aber böleibt, das ist: zwang hilft nicht weiter. es gibt dinge, die müssen aus eigenem antrieb geschehen. lesen gehört meiner meinung nach dazu.
es gibt außerdem gründe, warum die jugendlichen nicht lesen. an ihrem lebensalltag wird sich auch nichts ändern, wenn diese per zwang 1-2 bücher gelesen haben und berichte dazu geschrieben. mag sein, daß es für einige von ihnen sogar eone bereicheung gewesen ist dann. aber sie sind weiterhin den prekären lebensbedingungen und all den damit verbundenen herausforderungen ausgesetzt, von denen man, insbesondere als noch nicht gefestigter jzugendlciher, schon mal etwas überfordert sein kann. das ist man auch als erwachsener mit einer einigermaßen gefestigten persönlichkeit angesichts der allseitigen und zunehmenden unsicherheiten, die vorherigen generationen gar nicht mehr kannten.
was soll ihnen alos das bücherlesen bringen? es bringt, wie schon im bericht steht, den erfindern der maßnahme ruhm und ehre, vorträge und aufmerksamkeit, sogar in zeitungen wie der ZEIT. und sonst? ich bin skeptisch.
... das Medium "Buch" endlich ganz abzuschaffen.
Lesen als Strafe!- Wirklich g e n i a l !!!
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