Soziologie Die neue Mickrigkeit
Robert Pfaller untersucht unser schönes Leben und findet zu wenig Dreck und Lust
Einem viel zitierten Bonmot Slavoj Žižeks zufolge genießt der Westen seit einiger Zeit nur noch unter Vorbehalt. Wir konsumieren Schlagsahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, Sex ohne Körper. Die Zigarette ohne Schadstoffe winkt bereits am Horizont. Der Wiener Kulturtheoretiker und Philosoph Robert Pfaller hat solchen Formen von Genuss- und Erlebnisarmut in der sogenannten Spaßgesellschaft nun ein Buch gewidmet. Dabei fahndet er vor allem nach den Gründen, aus denen sich erwachsene Menschen in der Öffentlichkeit das Rauchen verbieten, sich an Flughafenkontrollen bloßstellen oder sich unfreie Studienordnungen aufzwingen lassen.
Ein denkwürdiger Verbund aus Neoliberalismus, Idealismus, Postmoderne, Political Correctness und Gesundheitsterrorismus habe die wichtigste philosophische Frage überhaupt, die nach dem guten Leben, unstellbar gemacht. Den Fluchtpunkt dieser Misere erblickt Pfaller in einer seit Mitte der neunziger Jahre fortschreitenden Verdrängung des Todes sowie alles Schmutzigen. Der Wunsch nach einem intensiven Leben sei von dem Begehren abgelöst, möglichst unversehrt zu sterben. Damit gleiche unser Leben aber paradoxerweise dem, wovon wir nichts wissen wollen – dem Tod.
Pfaller erinnert daran, dass es jahrhundertealte und kulturübergreifende Gepflogenheiten gab, dem Dreck und Schmutz lustvolle Momente abzujagen und gerade das Verbotene und Tabuisierte rituell zu feiern. Die Ambivalenz, die in Begriff und Konzept des »Heiligen« stecke, das in vielen Sprachen sowohl das Großartige als auch das Unreine bezeichne, sei hierfür das beste Beispiel. Die im Westen zu beobachtende Sterilisierung des öffentlichen Raums habe uns den Mut zur heiligen Ausschreitung – für Pfaller gleichbedeutend mit dem »guten« Leben – gründlich ausgetrieben. Unsere einzige und vorläufig letzte Maßlosigkeit und Überschreitung liege im Maßhalten: »Wir mäßigen uns maßlos.«
Pfaller ist psychoanalytisch versiert und weiß bestens, dass derartige Formen der Verdrängung oder Verwerfung des Obszönen niemals vollständig gelingen. Wie Helmut Kohl einst Gorbatschow am Bonner Rheinufer erklärte, lassen sich Ströme einzwängen, aber nicht aufhalten. Für Körperströme gilt dies zumal. In der minutiösen Untersuchung gesellschaftlicher Umbettungsprozeduren des heiligen Schmutzes liegt denn auch das Verdienst von Pfallers Studie.
So beschreibt er hellsichtig, wie etwa die Präsentation immer neuer sexueller Abarten in Talkshows nicht gegen, sondern für libidinöse Armseligkeit spricht. Sex wird vorzugsweise an Menschen aus der »Unterschicht« delegiert, denen wir insgeheim mit Neid begegnen. Sie wiederum spielen über die Medien trotzig den Dreck zurück, der von ihnen erwartet wird. Dies sei kein Akt der Emanzipation, sondern gehorche der neoliberalen Verknappungslogik alles genuin Exzessiven. Dass der anhaltende Hype des Kochbuches, des Starkochs und der Kochshow ebenfalls kaum als Indiz dafür taugt, dass wir einer ausschweifenden Esskultur huldigten, vermutet Pfaller zu Recht. Der kulinarische Exzess dürfte in den Stahlküchen des Lifestyles sogar noch gründlicher untergegangen sein als andere.
So wertvoll Pfallers Detailbeobachtungen sind – ein gutes und überzeugendes Buch ist ihm leider nicht gelungen. Das liegt an seiner oft sprunghaften Argumentationsführung, die sich mit einer verdächtigen Nonchalance im Umgang mit der philosophischen und literarischen Tradition paart. Die geistige Auseinandersetzung verkümmert damit zum bloßen Namedropping. So kann sich der Verweis auf Francis Bacon, Aristoteles, Jacques Lacan und Augustinus leicht in einem einzigen kleinen Absatz einstellen.
Der Autor mag mit derartiger Rastlosigkeit wenigstens in seiner Denk- und Schreibbewegung einen jener Exzesse zu feiern versuchen, die er in den westlichen Kulturen derzeit vermisst. Vielleicht ist seine Studie dadurch aber auch nur zum Symptom ihres eigenen Gegenstands geworden. Wendungen wie »von Immanuel Kant bis Judith Butler« verraten schließlich nicht nur ein überschaubares Maß an intellektueller Sorgfalt. Sie lassen darüber hinaus eine bedrohliche Annäherung an den Neoliberalismus erkennen, der alles dem Geldprinzip unterwirft und alles folglich auch austauschbar macht.
- Datum 29.03.2011 - 16:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.3.2011 Nr. 12
- Kommentare 22
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Das Buch scheint ein paar interessante Gedanken zu beinhalten.
Wie man an Wendungen wie »von Immanuel Kant bis Judith Butler« allerdings eine "bedrohliche Annäherung an den Neoliberalismus" erkennen kann, bleibt wohl das Geheimnis von Claude Haas.
Die etwas schwammige Behauptung, der Neoliberalismus unterwürfe alles dem "Geldprinzip" und mache es austauschbar, zeugt für mich wiederum von einer mangelnden intellektuellen Sorgfalt des Rezensenten.
"Wir konsumieren Schlagsahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, Sex ohne Körper."
Schon der erste Satz ist völlig an der Realität vorbei.
Niemand konsumiert dieses Zeugs mehr als einmal, wenn er es nicht aus gesundheitlichen Gründen muss.
...
in den letzten 15 Jahren...
ich fürchte es ist tatsächlich so. Ich werde gebeten die Gemüsecremesuppe ohne Sahne zu machen (250 g, für 5 Personen... ... wie viel Fett erhält da jede Person überhaupt noch?), statt Abends müde toben ist mittlerweile Disziplin in Mode, wenn man an einer Straßenecke raucht kommt wird man angemacht, dass man ja süchtig ist (stimmt vielleicht sogar, aber was geht das einen dahergelaufenen Passanten an?).
Das ich Sport mache, erwähne ich auch nur selten, denn dann kriegen die, die keinen machen oft ein schlechtes Gewissen und man hört so Sätze wie "ich weiß, ich sollte ja eigentlich auch..", dabei wurde eigentlich nur nach den Hobbies gefragt.
Also es ist ja nicht so, dass die Genussmenschen ausgestorben sind, aber sie sind selten geworden. Viele Über-Ichs auf 2 Beinen sehen sich auf der anderen Seite einer Gruppe Hedonisten gegenüber. Dabei ist der wirklich echte Lebensgenuß tatsächlich bei vielen auf der Strecke geblieben.
...nur die Beispiele sind falsch gewählt. Wir konsumieren Cola ohne Zucker und Koffein, fettärmere Produkte, immer weniger Zigaretten und Alkohol. Das Ideal ist tatsächlich immer mehr auf Dinge zu verzichten, die Spaß machen und schmecken um immer gesünder, unversehrter zu leben.
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in den letzten 15 Jahren...
ich fürchte es ist tatsächlich so. Ich werde gebeten die Gemüsecremesuppe ohne Sahne zu machen (250 g, für 5 Personen... ... wie viel Fett erhält da jede Person überhaupt noch?), statt Abends müde toben ist mittlerweile Disziplin in Mode, wenn man an einer Straßenecke raucht kommt wird man angemacht, dass man ja süchtig ist (stimmt vielleicht sogar, aber was geht das einen dahergelaufenen Passanten an?).
Das ich Sport mache, erwähne ich auch nur selten, denn dann kriegen die, die keinen machen oft ein schlechtes Gewissen und man hört so Sätze wie "ich weiß, ich sollte ja eigentlich auch..", dabei wurde eigentlich nur nach den Hobbies gefragt.
Also es ist ja nicht so, dass die Genussmenschen ausgestorben sind, aber sie sind selten geworden. Viele Über-Ichs auf 2 Beinen sehen sich auf der anderen Seite einer Gruppe Hedonisten gegenüber. Dabei ist der wirklich echte Lebensgenuß tatsächlich bei vielen auf der Strecke geblieben.
...nur die Beispiele sind falsch gewählt. Wir konsumieren Cola ohne Zucker und Koffein, fettärmere Produkte, immer weniger Zigaretten und Alkohol. Das Ideal ist tatsächlich immer mehr auf Dinge zu verzichten, die Spaß machen und schmecken um immer gesünder, unversehrter zu leben.
Was ist denn falsch an einer Vermeidung von Schadstoffen? Dieser Selbstzerstörungswille erinnert an den Freudschen Todestrieb. Dann schon lieber die Fukushimagleichgültigkeit der Japaner.
Ich denke, daß der Autor ganz einfach eine andere Perspektive einnimmt als die der Gesundheit. Am deutlichsten wird dies wohl in der Frage der geschlechtlichen Attraktivität: Es wird jeder Hauch des Körperlichen verbannt: jeder Schweißtropfen, die Achsel- und Schamhaare, jede Hautunebenheit. Gleichzeitig wird Sexualität immer häufiger Gesprächsthema.
dass man zwar seine triebe eine zeitlang unterdrücken kann, diese sich dann aber doch irgendwann unkontrolliert einen weg bahnen. wir sind schlichtweg keine maschinen.
das beste beispiel dafür sind priester im zölibat, die sich mitunter irgendwann an kindern auslassen.
Ich denke, daß der Autor ganz einfach eine andere Perspektive einnimmt als die der Gesundheit. Am deutlichsten wird dies wohl in der Frage der geschlechtlichen Attraktivität: Es wird jeder Hauch des Körperlichen verbannt: jeder Schweißtropfen, die Achsel- und Schamhaare, jede Hautunebenheit. Gleichzeitig wird Sexualität immer häufiger Gesprächsthema.
dass man zwar seine triebe eine zeitlang unterdrücken kann, diese sich dann aber doch irgendwann unkontrolliert einen weg bahnen. wir sind schlichtweg keine maschinen.
das beste beispiel dafür sind priester im zölibat, die sich mitunter irgendwann an kindern auslassen.
Schade, dass Pfaller nicht mehr daraus gemacht hat - was er beschreibt, ist die Fortführung des Zivilisationsprozesses (Elias) bzw. der Disziplinierung (Foucault) bis hin zur Todesverdrängung. Das ist ein spannender Gedanke! Die Durchdisziplinierung zeigt sich ja auch daran, dass Körper immer mehr auf ein 'altersloses' Maß getrimmt werden, jede Träne Prominenter als ein Tabubruch erscheint, der deswegen auch jedesmal dem Publikum mit Foto oder Video scheinbar nachrichten- oder gar sensationswürdig vorgespielt wird. Abwarten: die totale Kehrwoche wird der nächste schwäbische Exportschlager!
Nicht der Dreck ist Lust.
Sondern die Lust am Dreck.
Sich an anderen Menschen zu ergötzen. Seinen produzierten
Müll durch seine Mitmenschen entsorgen zu lassen.
Es gibt keine heilige Ausschreitungen sondern ausschließlich
menschliche,triebhaftige Bösartigkeit seinen Egoismus will-
kommen zu heißen.
Heiligen Schmutz gibt es nicht und für diese Erkenntnis be-
nötigt man keine Philosophen,keinen Psychiater und keinen
Psychologen sondern gesunden menschlichen Verstand.
Ich denke, daß der Autor ganz einfach eine andere Perspektive einnimmt als die der Gesundheit. Am deutlichsten wird dies wohl in der Frage der geschlechtlichen Attraktivität: Es wird jeder Hauch des Körperlichen verbannt: jeder Schweißtropfen, die Achsel- und Schamhaare, jede Hautunebenheit. Gleichzeitig wird Sexualität immer häufiger Gesprächsthema.
angst und mut
schmerz und endorphine
trunken oder nüchtern
brennen oder glimmen
freeclimbing und reha
selbstzufrieden oder neugierig
freiheit und vorschrift
jung bis alt
kindlich und weise
grau ist keine farbe
...in welcher welt lebt herr faller?
wann haben wir denn mehr, schmutziger und freier auf die kacke gehauen als heute?! ich mag die jetzige zeit-ich denke dass wir uns eher in der vergangenheit zu stark gemaßregelt haben!und wenn wir exesiv gefeiert hatten dann weils gegen etwas verbotenes war-dinge über die sich heute keiner mehr schert...der gute herr faller zieh sich da irgendetwas aus den fingern-ich kann mir nicht vorstellen dass es zu einem guten buch reicht...ach jo und wenn interessiert der unterschichten sex-ich dachte die prommies machen die schalgzeilen...herr faller-sorry...
Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke. Die Redaktion/se
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