Sachsen Tour de Tillich
Wer behauptet, der Aufbau Ost sei vorbei, müsse mal mit dem Zug von Oybin nach Berlin fahren – sagt Sachsens Ministerpräsident. Also gut: Eine Bahnreise
© Sean Gallup/Getty Images

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich
Zwischen Himmel und Hölle steht der liebe Goth, ein freundlicher Herr von 52 Jahren, er ist hier der Bürgermeister. Hölle ist ein Ortsteil des Grenzdorfs Oybin, nah an Tschechien im Zittauer Gebirge, Sachsens südöstlichstem Zipfel. Hans-Jürgen Goth, ein breiter Mann mit Oberlippenbart, trägt Holzfällerhemd und Jeans: Weil Samstag ist. Er ist bei der Linkspartei, regiert sein Dorf seit 14 Jahren. Und Goth sagt: »Steigen Sie ein.«
Er fährt einen ältlichen grünen Subaru Impreza, Allradantrieb, er will jetzt zeigen, was Oybin hat. Die alte Skisprungschanze, die direkt über die Dorfstraße führt. Hier hat Matthias Buse, der Weltmeister von Lahti 1978, der hüpfende Buse, seine ersten Sprünge gemacht. Goth fährt Gäste durch sein Dorf wie durchs Museum, es wird die Tour mit ihm eine Revue der hundert Schmuckkästchen, eine Wallfahrt zu den Erfolgen von 20 Jahren Einheit: Schauen Sie hier, schauen Sie dort; es wirkt, als tanzten die frisch sanierten Häuser bei voller Fahrt vorbei. Oybin ist durchsaniert, es ist jetzt eine Perle im Dreiländereck. Und Goth sagt: »Das verdanken wir dem Aufbau Ost.«
Hölle ist nur der Höhepunkt: Dort stehen Umgebindehäuser von 1780, Fachwerk mit Lehm, saniert nach der Wende, gefördert mit den Millionen aus dem Westen. Eine Villa heißt »Elysium«. Es gibt einen Wegweiser an der Einfahrt zu diesem Ortsteil, »Do giehts a de Hölle« steht darauf, das ist ironisch, denn es geht nicht in die Hölle, es geht in den Himmel, in den Himmel von Oybin. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn jemand nicht gerne in Hölle wohnte.
Vor wenigen Tagen, am politischen Aschermittwoch der CDU in Bautzen, sagte Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich einen Satz, der vielleicht nach dem Gegenteil klang. »Wer glaubt, der Aufbau Ost sei abgeschlossen«, sagte Tillich, »der sollte einmal mit der Bahn von Oybin nach Berlin fahren.«
Goth hörte davon. Und Goth sah an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut – 20 Jahre Aufbau Ost.
Was also wollte Tillich? Ein Bayer ist neuer Innenminister der Bundesrepublik Deutschland, Hans-Peter Friedrich. Ein CSU-Politiker ist nun Aufbau-Ost-Minister. Ein Bayer, vielleicht ist das ein Zeichen, dass der Aufbau Ost vorbei sei. Also: Auf gehts zur Reise, die Tillich verlangt, zur Reise von Oybin nach Berlin, auf der Suche nach 20 Jahren Aufbau Ost! Samstagmittag, die Fahrt beginnt. Es gibt nur eine erträgliche Verbindung am Tag von Oybin, wo Goth regiert, nach Berlin, wo die Mächtigen wohnen, die das Aufbau-Geld verteilen. Man muss lange die Neiße hinauf, muss weit hinein ins Brandenburgische.
Käme Innenminister Friedrich nach Oybin, er würde Sachsen die Konten sperren: So schön ist es hier, so unmarod; es hat, vielleicht, schon zu viel Aufbau Ost in Oybin gegeben. Es darf ja nirgends mehr schmuddelig sein, es ist ja jedes verfallene Haus gleich eine Schande. Sind wir weinerlich im Osten? 100.000 Touristen kommen im Jahr nach Oybin, immerhin, Wanderurlauber, Skilangläufer; und die Wellness-Menschen.
Wie haben Sie das bezahlt, Herr Bürgermeister, dass es so schön ist bei Ihnen? »Der Aufbau Ost hat uns 25 Millionen gebracht.« Mark? »Euro.« Was fehlt noch? »Nicht viel. Jetzt kriegen wir ILE- Förderung, Integrierte Ländliche Entwicklung.«
Goth zeigt ein Fachwerkhaus am Höllenweg. Das wird aufgemotzt von dem Geld. Dahinter reichen Sandsteinfelsen an den Himmel. Wie die Häuser an den Hügeln kleben! Und erst der Bahnhof von Oybin, aufgearbeitet wie eine alte Truhe, Vollerotik für Nostalgieliebhaber, kernsaniertes frühes 20. Jahrhundert. »Schauen Sie mal, da ist der Scharfenstein!«, sagt der Bürgermeister später: »Das Matterhorn der Oberlausitz.«Aber man muss weiter, immer auf dem Weg, den Tillich vorschlägt. Schon mal mit der Bahn von hier nach Berlin gefahren, Herr Goth?
»Ja, letztes Jahr erst, zur Tourismusmesse.«
Und? »So schlimm wars net.«
Es geht von Oybin über Zittau, Görlitz, Cottbus nach Berlin – in 4 Stunden, 49 Minuten. Wenn alles gut läuft. Geplante Umstiege: drei. Der erste in Zittau, zehn Kilometer entfernt. Reisedauer allein für die ersten zehn Kilometer: 42 Minuten.
- Datum 20.03.2011 - 11:24 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Da möchte man doch glatt eine Einladung in die auesserhalb der "Zentrale" Muenchens liegenden "Randgebiete" Bayerns einladen. Zugfahrt unmöglich, Streckenstillegungen entwidmet. Busverbindungen welche Entvölkerung fördern. Einfallende und zerfallene Fachwerkhaeuser, weiter zerfallende Buregn, verkauft egal ob des Alters an Privatleute welche auch die Kosten nicht stemmen konnten. Zerfallende, mit seit Generationen notdürftig geflickten Schlaglöchern. Ausufernde, optisch wuchernde Gewerbegebiete in jeder Gemeinde. Dies dient der Gemeindefinanzierung. Kindergartenplatz für berufstätige Mütter, Fehlanzeige. Das Frauenbild ist am Herd.
Wann also wird es einen Aufbau West für die Bayerischen "Provinzen" geben?
"Käme Innenminister Friedrich nach Oybin, er würde Sachsen die Konten sperren: So schön ist es hier, so unmarod; es hat, vielleicht, schon zu viel Aufbau Ost in Oybin gegeben. Es darf ja nirgends mehr schmuddelig sein, es ist ja jedes verfallene Haus gleich eine Schande. Sind wir weinerlich im Osten? 100.000 Touristen kommen im Jahr nach Oybin, immerhin, Wanderurlauber, Skilangläufer; und die Wellness-Menschen."
Eine Frage, Herr Machowecz: Gibt es einen bestimmten Grund, gerade jetzt mit Artikeln wie diesen die östliche gegen die westliche Bevölkerung aufzuhetzen, indem man die ohnehin vorhandenen Klischees von einem faulen, trägen Osten bedient, der sich vom fleißigen Westen füttern läßt?
Herr Machowecz: Ich finde Ihre Glosse sehr gelungen. Kein erhobener Zeigefinger, keine "Ost-West-Hetze", auch wenn mancher Vorredner diese zu erkennen meint. Ein amüsanter Text als Frühstückslektüre. Ich danke Ihnen.
Wer behauptet, der Aufbau West sei vorbei, müsse mal mit dem Zug von Gladbeck nach Bremerhaven fahren – sagte ich. Also gut: Eine Bahnreise
Das Problem in Deutschland ist das eigennützige und selbstherrlige Parteiensystem und die zwar ständig schwätzenden aber sonst nicht weiter denkenden Wähler.
Nicht nur von Oybin nach Berlin, sie können hingehen und mit der Bahn fahren wo sie wollen in Deutschland und es ist zwei Meter abseits der Zentren immer schmuddelig und unästhetisch.
Das Parteiensystem und auch die EU braucht so viel Geld das man dem ehrlich arbeitenden wegnimmt und umverteilt. Da sind doch die Demokraten, die bereits genug Geld haben, z.B. die Atomlobby, dann die Einwanderer-Sozialhilfeempfänger und ihr krimineller Nachwuchs, das ist doch Hamid Karzai, und und und....
Heute wäre doch so ein "Alle 4 Jahre Kreuzchen -Demokratie-Tag" in Sachsen-Anhalt, da könnte man doch die Etablierten Parteien abstrafen.
Aber die Linken sind ja Kommunisten und die Rechten dürfen überhaupt nichts sagen, weil sie ja völlig undemokratisch sind. Also werden die gewählt, die die Demokratie zum Eigennutz erfunden haben, obwohl sie die Restwerte der ehemaligen DDR den Westdeutschen verschenkt haben und dem Volk einen Schuldenberg hinterlassen haben...
Also liebe Deutschen, schwätzen sie doch ununterbrochen weiter, beklagen sie sich aber bitte nicht.
Ich brauche von meinem Heimatnest auch ungefähr so lange nach Berlin, und das liegt nochmal 70km nördlich von Oybin. Mit dem Auto sinds 2 1/4 h. Und die Anbindung an Autobahnen etc. könnte durchaus günstiger sein...
..., die eine Strecke nach der anderen stilllegte und somit die Ödnis in Altbundesrepublik förderte. War es nicht erklärter Wille der Politik die Landflucht zu fördern, bevor man sich über den Osten hermachte.
Hat man nicht in Hamburg in den letzten 40 Jahren die Stadtkasse für irrwitzige Projekte geplündert und dafür gesorgt, dass man sich als Bewohner dieser Stadt schämen muss, wenn man durch das Centrum fährt, weil die Straßen aussehen, als wäre der zweite Weltkrieg gerade zu Ende.
Wohlgemerkt, vor den letzten 2 Jahren etwas härterem Winter sah es schon seit Kriegsende so aus.
Sind es nicht die Spekulanten bei Immobilien, die ständig dafür sorgen, in Ost und West, dass alte Bauwerke verfallen und wir dann mit Fördermitteln die Sanierung stützen, damit sich diese Spekulanten an uns bereichern.
Jammern im Westen ist genauso unangebracht wie im Osten. Alle Bürger haben ihren Teil dazu beigetragen, dass die Politiker nach 1945 machen konnten was sie wollten.
Schön zu wissen, dass es noch Bürgermeister gibt, die das Geld vernünftig anlegen, was man von den meisten nicht behaupten kann.
Danke für eine der wenigen schönen Berichte über die Zukunft, in ach so angeblich zukunftsunwirklichen Regionen, in unserem gesamten Land.
Mich hat es gefreut!
Außerdem muss man doch sagen, dass der Schienenersatzverkehr nicht zum Spaß verkehrt, sondern eben weil zwischen Zittau und Görlitz (übrigens Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft...) gebaut wird aufgrund des Hochwassers im letzten Jahr. Saniert wird die Strecke zwischen Cottbus und Berlin, die normalerweise von Berlin aus über die Stadtbahn und Königs Wusterhausen durch den Spreewald rollt und etliche Halte hat. Die wird aktuell über Calau umgeleitet und dauert daher auch länger. Streckensanierungen sind aber als positives Zeichen zu werten, natürlich sind dadurch die Fahrtzeiten verlängert.
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