Wissenschaftsgespräche Ist Luxus unmoralisch?Seite 2/5
Klein: Sie sind Utilitarist. Das heißt, für Sie gibt es kein Richtig und Falsch von vornherein. Sie beurteilen Entscheidungen nach ihren Folgen. Ich nehme an, Sie hätten gar nichts dagegen, wenn ich lüge – solange das der Allgemeinheit zugutekommt.
Singer: Nur ist das gewöhnlich eben nicht der Fall. Wir alle haben ein Interesse daran, dass wir einander vertrauen können. Darum ist das Gebot, die Wahrheit zu sagen, berechtigt. Aber wären Sie auch ehrlich, wenn ein Mörder vor Ihrer Tür steht und nach dem Verbleib eines Freundes fragt, der sich in Ihrem Haus versteckt und den er umbringen will? Immanuel Kant erklärte, dass die Pflicht zur Aufrichtigkeit nicht einmal diese Ausnahme vertrage: Sie müssten dem Mörder die Wahrheit sagen. Und leider ist die Szene ja alles andere als weltfremd. Vor nicht allzu langer Zeit klingelten in Deutschland tatsächlich Mörder bei Menschen, die Juden versteckten.
Klein: Kant argumentierte, dass wir uns über die Folgen unserer Handlungen nie sicher sein können. Falls etwa das Opfer ohne mein Wissen ausgegangen ist, so könnten die beiden einander möglicherweise auf der Straße begegnen, weil ich gelogen habe.
Singer: Sehr unwahrscheinlich. Sie müssen von dem ausgehen, was Sie erwarten können. Meist werden Sie den Freund mit Ihrer Lüge retten. Darum ist sie gerechtfertigt.
Klein: Als Utilitarist werden Sie auch argumentieren müssen, dass Folter moralisch sein kann – etwa wenn sich ein Verbrechen nur so verhindern lässt.
Singer: Natürlich wurden unter der Regierung Bush solche Praktiken missbraucht. Trotzdem: Wenn der Verdacht sehr begründet ist, dass sich Tausende Leben nur so retten lassen, würde ich der Folter zustimmen.
Klein: Die Schwierigkeit ist doch, dass man weder angeben kann, wann ein Verdacht »sehr begründet« ist, noch, ob die Grausamkeit gegen den Verdächtigen wirklich zum Ziel führt. Darum halte ich es für richtig, Mittel wie Folter unter allen Umständen auszuschließen. Vor ein paar Jahren konnte die Frankfurter Polizei den Entführer des Bankierssohns Jakob von Metzler verhaften, vom Opfer allerdings fehlte jede Spur. Da ließ der stellvertretende Polizeipräsident dem Häftling Folter androhen, um ihn zum Reden zu bringen und den Jungen zu retten.
Singer: Hatte er Erfolg?
Klein: Der Entführer führte die Polizei zur Leiche des Kindes. Der Polizeipräsident wurde wegen Nötigung verurteilt.
Singer: Mir scheint der Schuldspruch angemessen. Eine zivilisierte Gesellschaft muss Folter verbieten. Dennoch hat der Polizeipräsident möglicherweise richtig gehandelt. Wer gegen das Gesetz mit Folter drohen lässt, muss die Folgen tragen.
Klein: Jetzt vertreten Sie eine Doppelmoral. Wer hinter verschlossenen Türen foltert, begeht demnach nicht unbedingt Unrecht. Wird die Sache aber bekannt, muss die Gesellschaft ihn strafen.
Singer: Als Utilitarist können Sie nicht immer gegen eine Doppelmoral sein. Wir brauchen öffentliche Regeln und müssen trotzdem zugeben, dass unter bestimmten Umständen Ausnahmen moralisch zulässig sind.
Klein: Lange schrieben Ihre Kollegen nur abstrakt über Ethik. Sie dagegen beschäftigten sich mit praktischen Fragen der Moralphilosophie: Vegetarismus, Armut, den Entscheidungen von Ärzten über Leben und Tod. Was hat Sie dazu gebracht?
Singer: Der Ruhm dafür, dass die Ethik und die Praxis wieder zueinanderfanden, gebührt mir nicht allein. Aber ich habe dazu beigetragen. Die Philosophie war ja schon mal sehr lebensnah. Thomas von Aquin gab Ratschläge für Entscheidungen, David Hume hat über Selbstmord geschrieben, Kant über das Lügen und den ewigen Frieden. All das geriet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Mode. Es hieß plötzlich, dass sich Philosophen überhaupt nicht mehr an moralische Fragen heranwagen sollten; dies sei Sache der Prediger. Was für ein Unsinn!
Klein: Wollten Sie die Welt verändern?
Singer: Als Student in Melbourne hat mich die Politik sehr beschäftigt. Schließlich kämpfte damals auch Australien in Vietnam, und es gab die Wehrpflicht. Das brachte mich auf Fragen wie: Wann ist ein Krieg gerechtfertigt? Darf man sich als Bürger seinem Staat widersetzen?
Klein: Bekannt wurden Sie dann mit einem Aufsatz über Armut. Sie argumentierten darin, dass es unmoralisch sei, im Luxus zu leben, während es anderswo Menschen am Lebensnotwendigen mangele. Es ist bis heute Ihre am meisten zitierte Arbeit.
Singer: Ich schrieb sie 1971. Nach einem Aufstand im heutigen Bangladesch waren neun Millionen Menschen nach Indien geflohen, das als armes Land mit dem Zustrom überfordert war. Ich lebte zu der Zeit von einem kleinen Stipendium in Oxford. Aber ich fand es unerträglich, mir Dinge zu leisten, die ich nicht unbedingt brauchte, während Millionen Flüchtlinge weder Unterkunft noch sauberes Trinkwasser hatten und viele verhungerten. Da reicht es einfach nicht aus, ein paar Groschen in eine Sammelbüchse zu werfen, um sein Gewissen zu beruhigen.
- Datum 21.03.2011 - 10:03 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEITmagazin, 17.3.2011 Nr. 12
- Kommentare 26
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Auch wenn man nicht jedem theoretischen Argument von Herrn Singer zustimmen muss, EINES kann wohl kein Mensch leugnen, dem das Wohl anderer am Herzen liegt: Peter Singer trägt durch seinen Lebenswandel und seine Schriften weit mehr zu einer besseren Welt bei als 1000 Prediger auf ihren Kanzeln.
Allein schon seine Unterstützung der Tiere oder die der Armen sollte jedem mitfühlenden Menschen weit mehr bedeuten als irgendwelche spekulativen Gedanken-Experimente, ob Kindstötung in seltenen Einzelfällen richtig oder falsch ist.
Wer sich moralisch entrüstet, wie man überhaupt über Menschentötung in schweren Sonder-Fällen nachdenken(nur denken!) kann, während er selbst am reich gedeckten Mittagstisch sitzt, in den TV-Nachrichten Unglücke in aller Welt verfolgt und dabei ein Brathuhn aus dem Supermarkt (=Fleisch aus Tierquälerei) isst, DER sollte zum Gegenstand der Kritik werden, nicht ein mutiger Denker wie Herr Singer.
"Gegen solche Ergebnisse wenden manche Philosophen ein, dass wir uns nur dann moralisch verhalten, wenn wir selbst gar nichts davon haben. Alles andere sei nur eine höhere Form von Egoismus, welcher die Moral unterminiere. So sah es etwa Immanuel Kant. Ich halte dies für einen schädlichen Irrtum. Denn es ist doch höchst begrüßenswert, wenn wir die Menschen darüber aufklären, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, anderen zu helfen."
Das ist so nicht genau genug. Es gibt einen Unterschied zwischen der Ebene der Beförderung des moralischen Gefühls und der Begründungsebene, auf der eine moralische Handlung stattfinden kann. In der "Kritik der praktischen Vernunft" geht es Kant vornehmlich um Letzteres, genauer: Darum, zu zeigen, dass das praktische Gesetz im Vernunftwesen apriorisch verankert ist (und nicht etwa auf empirischen Prinzipien beruhen kann, was, wenn es stimmt, wenigstens z.T. Herr Singers Wünsche nach einer in dieser Hinsicht befriedigenderen Ethik erfüllen könnte) - wenn das so sein soll, kann es nicht der Fall sein, dass das eigene Glücksempfinden (empirisch) als Maßstab in die Moral eingehen kann, ABER: Kant sieht wohl den Nutzen der Beförderung dieser Glückseligkeit ein (auf einer ebenfalls apriorisch fundierten Ebene räumt er dem Gefühl des Erhabenen und des Schönen bei der Genese einer moralischen Handlung sogar einen gewissen Stellenwert ein) - nur kann sie nicht als Prinzip dienen. Was ein, wie Herr Singer wissen wird, himmelweiter Unterschied ist.
über lebenswertes bzw -unwertes Leben richten zu wollen!
An dieser Stelle verschwimmen die Grenzen von "Leid mildern" und der "Erschaffung des perfekten Menschen".
// Viel zu viele Menschen woll(t)en Götter / Schöfer sein,
nur ein Einziger Gott wollte Mensch sein.. //
An b_brother_1: JEDER, auch Sie, fällt (z.T. indirekt & ohne es zu merken) ein solches Urteil - durch das Lebenlassen z.B. ein "Ja, lebenswert", durch das Sterbenlassen ein "Nein, nicht lebenswert". Wer sich weigert, eine Antwort zu geben bzw. es zu versuchen, fällt (unbewusst) das Urteil "Es soll so bleiben wie es ist" bzw. "andere sollen diese Entscheidung treffen".
Ist es nicht besser, bewusst über solche schweren Probleme nachzudenken, als sich nur empört davon abzuwenden? Machen Sie es sich da nicht Käßmann-nichts-ist-gut-artig zu leicht? Sie müssen Singer ja nicht zustimmen - aber in jedem Fall sind gute Gründe und ein fundiertes Urteil nötig, nicht nur ein "bäh, wer überhaupt etwas dazu sagt, ist anmaßend"!
An b_brother_1: JEDER, auch Sie, fällt (z.T. indirekt & ohne es zu merken) ein solches Urteil - durch das Lebenlassen z.B. ein "Ja, lebenswert", durch das Sterbenlassen ein "Nein, nicht lebenswert". Wer sich weigert, eine Antwort zu geben bzw. es zu versuchen, fällt (unbewusst) das Urteil "Es soll so bleiben wie es ist" bzw. "andere sollen diese Entscheidung treffen".
Ist es nicht besser, bewusst über solche schweren Probleme nachzudenken, als sich nur empört davon abzuwenden? Machen Sie es sich da nicht Käßmann-nichts-ist-gut-artig zu leicht? Sie müssen Singer ja nicht zustimmen - aber in jedem Fall sind gute Gründe und ein fundiertes Urteil nötig, nicht nur ein "bäh, wer überhaupt etwas dazu sagt, ist anmaßend"!
Kant wird (hoffentlich wenigstens nicht mit Absicht) in diesen Zusammenhängen immer wieder Unrecht getan, indem man ihn als rigiden Moralisten abstempelt, der von dem Nutzen der Lebensfreuden nichts gewusst hat oder wissen wollte. Dabei hat er - im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen - nur versucht, genau die Frage nach einer nicht "unbefriedigenden" Moral/Ethik aufzulösen und die Bedingungen angegeben, unter denen so etwas überhaupt nur funktionieren kann. Kurz: Wenn etwas ohne Ausnahme und fraglos gelten soll, muss es nicht-empirischer Natur sein. Alle Individualbedürfnisse sind empirischer Natur. Also können diese nicht als Prinzip einer moralischen Handlung dienen. Was bleibt übrig? Nicht viel. Kein Inhalt, sondern nur noch Form (das formale moralische Gesetz bzw. der kategorische Imperativ). Unter diese Form muss dann im konkreten Handlungsfall subsumiert werden, was in wenigstens einer Hinsicht nie (Will ich das Gute?), in einer anderen Hinsicht immer (Bewirkt meine gutgemeinte Handlung auch das Gute?) sehr schwierig ist. Etc...
Ob das ganze Konstrukt im Endeffekt funktioniert, steht auf einem anderen Blatt, das ich mir selbst zumindest noch nicht endgültig beantwortet habe, aber es scheint einige Spezialisten zu geben, die das gar nicht erst weiter interessiert, sondern nur den Namen Kants missbrauchen, um sich einen "ranghohen" Pappkameraden an die Seite zu stellen, den sie nach Belieben umkicken und so selbst größer erscheinen können.
Alles was teurer ist als normal, vergoldet, Schmuck Hightech-Musikanlagen, praktisch alles was Luxus ist, das sollte mit ähnlichen Plaketten versehen werden, wie die Tabakwaren.
Ein "ekelhafter" Aufkleber von "Wasserbauchkinder" oder ein Slum. Nach Luxusresten grabende Kinder in einer Mülldeponie. Und den Hammer finde ich, Steine kloppende Inderkids. Es gibt da sicher noch viele Bildchen.
Noch besser auf Aktien bzw. in diesem Kontext von Aktien solche Aufkleber und man sollte auch Aktiengesellschaften mit diesem Logo bedienen.
Was hat das mit Luxus zu tun? Sehr viel. Jeder kann sich hineinversetzen in einen Menschen, der viel Geld hat. Und es ist egal, ob er gute Manieren hat oder an die Armen denkt. Tatsache ist, dass er durch seine Tat die Geldströme der Welt unterstützt und damit Strukturen erhält.
Und mit welchem Recht tut man es? Warum nicht? Die Reichen graben ja auch ihre eigenen Rechte aus ,und die Politik unterstützt diese Kreisläufe. Alles geht seinen Lauf und es ist alles stinknormal.
Luxushotels sollten demnächst in Tschernobyl gebaut werden, damit der schnelle Wachstum der Wirtschaft durch AKWS auch ein nobles Bildchen erhält: und man nebenbei den Leuten dort tatkräftig DANKE sagt.
Was hat AKW mit Luxus zu tun? Wie gesagt: Es soll alles schnell gehen, und möglichst billig, damit die Reichen mit ihrem konzernialischen Wachstumsgedanken voran kommen. Für mich ist der Zusammenhang zwischen Atomkraft und Reichtum Tatsache.
Hier wird pauschal geurteilt ohne die wirklichen Hintergründe zu untersuchen.
Es sind zu viele "Veruntreuungen" und "Fragwürdige Verwaltungskosten" bekannt geworden und das von namhaften Hilfeorganisationen. Es wird zu Spenden aufgerufen und es wird auch das "Ziel" und die vereinahmte Summe genannt aber nicht ob das gesamte Geld auch nachweislich dafür verwendet wurde. Ein weiterer Punkt ist die "Kaufkraft". Was war mit dem Tsunami (Malaysia)? Ein kleines Haus dort kostet rund 10% von einem in Deutschland. Es sind Millionen dorthin gespendet worden aber über die Ergebnisse wurde nichts berichtet.
Ich spende jährlich einen größeren Betrag an "SOS-Kinderdörfer" und die 'Bärenherz-Stiftung in Wiesbaden" . Dort kann ich sehen was mit den Spenden geschieht.
...dass in Malaysia ein Haus 35.000 € kostet.Mit Grundstück und Haus dürfte das eher dem deutschen Durchschnitt genügen. Die meisten Häuser, die im Tsunami von damals zerstört wurden, wären in einer deutschen Schrebergartenkolonie schon mehrmals abgemahnt worden, selbiges abzureissen ! Die Kosten für Bau und Grund dürften wahrscheinlich eher bei 5.000 € liegen. Aber er hat recht ...wo ist das ganze Geld geblieben ? Da müsste es doch jetzt "blühende Landschaften" geben !
...dass in Malaysia ein Haus 35.000 € kostet.Mit Grundstück und Haus dürfte das eher dem deutschen Durchschnitt genügen. Die meisten Häuser, die im Tsunami von damals zerstört wurden, wären in einer deutschen Schrebergartenkolonie schon mehrmals abgemahnt worden, selbiges abzureissen ! Die Kosten für Bau und Grund dürften wahrscheinlich eher bei 5.000 € liegen. Aber er hat recht ...wo ist das ganze Geld geblieben ? Da müsste es doch jetzt "blühende Landschaften" geben !
und werde nie spenden.
Die Armen Leute auf der Welt brauchen auch keine Spenden. Es reicht nur wenn die Industrieländer mehr Gefühle zeigen würden (kein Agrarsubventionen z. B.) und ein bisschen fairer(Handeln) gegenüber den Entwicklungsländer wären....
Spenden sind nur gut gegen das schlechtes Gewissen...
Die Moral ist wie Gott: mann kann sie für alles mögliches einsetzen ohne ein schlechtes Gefühl zu haben....
PS: guter Artikel!
das dieser Mann überhaupt wahrgenommen wird.
Viel einseitiger kann man den Nutzen gar nicht mehr definieren oder beschränkter die Welt wahrnehmen.
Dei hier dargestellte Begründung fpür seine Positionen ist jedenfalls an intellektueller Dünne kaum zu überbieten.
Ich halte den Mann, so wie er hier geschildert wird, für einen Fachidioten, der besser im Elfenbeinturm bleibt.
H.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren