Das Erste, was man sieht, wenn man durch die hölzernen Schwingtüren eintritt, ist ein enormer, von der Decke herunterrankender gläserner Leuchter. Durch den hinteren Teil des Raumes ist ein Holztresen gezogen, breit und altmodisch. Dort bedienen drei ältere Frauen mit jener milchkaffeefarbenen Haut und den melodischen Stimmen, die man nach zwei Tagen in New Orleans schon zu kennen meint. –

»Honey, why ye not sit ove’ there?«

Eine von ihnen, Claire gerufen, weist auf einen der kleineren Tische an der Wand. Perfekt, der Beobachterposten. Genau hier hat Tennessee Williams wahrscheinlich gesessen, wenn er morgens zum Frühstück in den Old Coffeepot kam. Das ist mindestens 28 Jahre her. 1983 starb der Dramatiker, der den amerikanischen Süden in die Welt trug wie niemand sonst. Auf schonungslose Weise hat er die schmerzhafte Strecke zwischen Ideal und Wirklichkeit immer neu vermessen und erzählt, wie Familienglück, Liebe, Leidenschaft in bittere Desillusion münden, wie sich unterdrückte Wahrheit irgendwann mit Gewalt Bahn bricht. Erfahrungen, die dem 27-jährigen Homosexuellen vertraut waren, als er 1938 nach New Orleans kam und eine Stadt entdeckte, deren Herz im Takt von Jazz und Poesie schlug, in der Religion und Sinnesfreude keine Gegensätze darstellten und wo es zu allen Tages- und Nachtzeiten nach exotischen Blumen und Gewürzen duftete.

Oh ja, duftete! – »I made these especially for you, my dear!«, sagt Claire, die grauhaarige Kreolin, und stellt wundervolle, heiß gebackene Reisbällchen vor mich hin, die den Namen »Callas Cakes« tragen und nach Zimt und Marzipan schmecken. Im Coffeepot haben sich Tresen und Speisekarte beruhigend lange nicht geändert. »New Orleanians mögen Veränderungen nicht. Die meisten von uns leben in ihrer von Wasser umgebenen Stadt wie auf einer Insel, die sie manchmal lebenslang nicht verlassen«, erklärt mir Ellen Johnson. Sie koordiniert das Tennessee Williams Festival, das in diesem Jahr zum 25. Mal stattfindet und als einziges seiner Art den 100. Geburtstag des großen Theatermannes fünf Tage lang mit Aufführungen und Events würdigt. Tennessee, wie ihn hier alle liebevoll nennen, fühlte sich im New Orleans der Künstler und eingewanderten Sizilianer zu Hause. Der Vater in St. Louis hatte die künstlerische Sensibilität und Homosexualität des Sohnes verachtet. Nun aber wurde New Orleans zur Inspiration für mehr als die Hälfte des künstlerischen Werks. Am berühmtesten wurde A Streetcar named Desire (Endstation Sehnsucht), zu dessen seit 1947 nicht nachlassendem Erfolg auch die Verfilmung mit Marlon Brando beitrug. Mit dem Festival dankt die Stadt »ihrem« Tennessee in jedem Jahr.

Die romantische Vorstellung, in dieser historischen Mitte der Stadt, dem kleinen, aufregend lebendigen French Quarter, habe die Zeit stillgestanden, hält exakt so lange an, bis der letzte Krümel der Callas Cakes verzehrt ist. So lange, wie ich mich in das gegenüber dem Tresen hängende riesige Ölgemälde vertiefen kann, das einen der unzähligen Innenhöfe des Quarter zeigt: mit Brunnen, Palmen, Jasmin und Bougainvilleen. So lange, bis ich Claire jemanden mit Sugar anreden höre und mir vorstellen kann, dies sei ein Rest von jenem warmherzigen Old South, den Tennessee Williams in seinem Werk feierte.

Aber, ach! Dann fallen die Schwingtüren hinter uns zu, ein paar Schritte bis zur nächsten Ecke von der St. Peter in die Bourbon Street, und da zeigt es sich, frivol, primitiv, das viel wahrere Gesicht des French Quarter. Männer und Frauen mit bunten Plastikketten um den Hals, mit Cowboyhüten und Federboas halten sich an eimergroßen Bierbechern fest, ziehen grölend durch die schmale Straße. Lauter verhinderte Brandos? Aus den Bars, die Türen stehen offen, dröhnt ein unbeschreiblicher Lärm. Dazwischen viel zum Kauf feilgebotene nackte Haut, »Desire« flackert rot an der Ecke. Die Bourbon Street ist ein großer Sündenfall. Hier herrscht eine seltsame Tag-und-Nacht-Gleiche, als wäre »The Big Easy« vor allem das seinen Besuchern schuldig: dass es nie schläft und nie schweigt.

Ist dies das wahre Gesicht? Ellen zieht mich zurück in die Parallelstraße der Bourbon, die altehrwürdige Royal Street, immer noch gesäumt von Antiquitätenläden. Der groteske Lärm der Bourbon ist hier seltsamerweise nicht mehr zu hören. Denn zunächst ist das Quarter einfach ein bestechend schöner historischer Stadtkern mit einer zierlichen Architektur, ein Straßen-Schachbrett aus dreizehn mal sieben Querstraßen, rund 90 kleinen Häuserblocks. Nach zwei Großbränden am Ende des 18. Jahrhunderts bauten die damals residierenden Spanier das Quarter in seiner noch heute bestehenden Form: Palazzi mit Innenhöfen für die Sklavenquartiere, zur Straße hin herrlich verspielte Fassaden. Wir bleiben vor dem LaBranche Building stehen: Wie geklöppelte Spitze umgibt ein schmiedeeiserner Balkon das Gebäude, das der Zuckerplantagenbesitzer Jean LaBranche 1835 zum Zeichen seines Erfolgs erbauen ließ. Breit überdacht die Balkonebene den Gehweg. Üppige Bananenpflanzen, Bougainvilleen und Farne wuchern nach unten, wo man wie durch eine Galerie spaziert.