Am Anfang stand ein Experiment. Ein neuer Spannungsregler für die Turbinengeneratoren sollte erprobt werden. Es ging um die Frage: Würde nach einem Abbruch der Reaktorleistung und einem gleichzeitigen Ausfall der örtlichen Stromversorgung die Rotationsenergie der Turbinengeneratoren, die nun keinen Dampf mehr bekamen, noch genügend hoch sein, um Strom zu produzieren? 45 Sekunden waren zu überbrücken, bis die Notdieselgeneratoren anspringen würden, die dann das Kühlsystem weiter mit Strom versorgen konnten. Die Elektroingenieure sahen die Aufgabe als eine rein elektrotechnische Herausforderung, ohne das Risiko möglicher Auswirkungen auf den Atommeiler.

Das Kernkraftwerk Tschernobyl lag 120 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew an der Grenze zu Weißrussland. Damals gehörten die beiden Staaten – die Ukraine und Weißrussland – noch als Teilrepubliken zur großen Sowjetunion. Das Werk war ein grafitmoderierter Siedewasser-Druckröhren-Reaktor, genannt RBMK-1000. Seine vier Reaktorblöcke erbrachten eine Nennleistung von je 1000 Megawatt. Im Block 4, der erst 1983 in Betrieb gegangen war, lagen 1659 Brennstoffkassetten mit insgesamt 190,2 Tonnen Kernbrennstoff. Dass der Typ RBMK-1000 konstruktive Mängel hatte, kümmerte niemanden: Die Belegschaft von Block 4 hatte einen ausgezeichneten Ruf, entsprechend hoch war das fachliche Selbstbewusstsein. Das kleine Experiment mit dem neuen Spannungsregler wollte man "so schnell wie möglich" erledigen.

Bis heute sind nicht alle Details der Katastrophe geklärt. Es war geplant, am 25. April 1986 den Block 4 offiziell der "jährlichen Revision" zu unterziehen (die gab es aber nur auf dem Papier, seit zweieinhalb Jahren war der Reaktor ununterbrochen gelaufen). Zeitgleich sollte dann das Experiment stattfinden, beaufsichtigt von einem Elektroingenieur, der von Reaktortechnik nichts verstand, und dem Schichtleiter. Die Sicherheitsabteilung des Werks war nicht informiert.

25. April (Freitag)

1.00 Uhr: Die Schichtleitung beginnt, den mit 100 Prozent Leistung laufenden Reaktor von Block 4 allmählich herunterzufahren.

14.00 Uhr: Völlig unnötig schaltet das Personal das Notkühlsystem ab, entgegen den Betriebsvorschriften. Als Kiew erhöhten Strombedarf anmeldet, wird das Herunterfahren bei 50 Prozent Leistung gestoppt. Das Notkühlsystem bleibt ausgeschaltet – ein erneuter Verstoß gegen die Betriebsvorschriften.

23.10 Uhr: Der Reaktor wird zur Vorbereitung des Experiments weiter heruntergefahren. Ziel sind etwa 20 bis 30 Prozent Leistung, knapp oberhalb des zulässigen Minimums. Diese Grenze darf bei laufendem Betrieb nicht unterschritten werden, da sonst der Reaktor instabil wird und außer Kontrolle geraten kann.

26. April

0.28 Uhr: Einem Techniker, der die Leistungsregelung steuert, unterläuft ein verhängnisvoller Fehler, vermutlich durch Eingabe eines falschen Wertes. Trotz manuellem Gegensteuern kann nicht verhindert werden, dass die Reaktorleistung jäh auf etwa 1 Prozent absackt, weit unterhalb der vorgeschriebenen Minimalleistung.

1.00 Uhr: Durch Herausfahren der Steuerstäbe gelingt es den Technikern, die Leistung wieder auf etwa 7 Prozent zu steigern, immer noch viel zu wenig. Eine weitere Steigerung ist nicht möglich.

1.03 und 1.07 Uhr: Zusätzlich zu den sechs laufenden Hauptwasserpumpen werden zwei Reservepumpen für das Kühlsystem zugeschaltet und hochgefahren. Mit starkem Druck jagt man nun das Kühlmittel durch die Pumpen, trotz des Risikos, diese zu beschädigen. Abermals werden Steuerstäbe herausgefahren, um die Leistung rasch zu stabilisieren.

1.19 Uhr: Immer noch will man das Experiment durchführen. Dafür blockiert das Personal das Signal für die Schnellabschaltung des Reaktors – ein gravierender Verstoß gegen die Sicherheitsbestimmungen.

1.23 Uhr: Der Versuch beginnt. Schichtleiter Alexander Akimow schließt die Sicherheitsventile der beiden Turbinengeneratoren. Daraufhin verringert sich der Wasserzufluss im Reaktor schlagartig, wodurch die Temperatur extrem ansteigt. Die Leistung des Reaktors schießt abrupt hoch. Eine unkontrollierte Kettenreaktion setzt ein.