Tschernobyl26. April 1986

An diesem Tag begann der GAU im Kernkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine. Das Protokoll einer Katastrophe. von Henning Sietz

Aufnahme aus dem August 1986: Arbeiter haben bereits Teile des im April zuvor explodierten Reaktorgebäudes mit einem Stahl- und Betonsarkophag ummantelt

Aufnahme aus dem August 1986: Arbeiter haben bereits Teile des im April zuvor explodierten Reaktorgebäudes mit einem Stahl- und Betonsarkophag ummantelt  |  © Zufarov/AFP/Getty Images

Am Anfang stand ein Experiment. Ein neuer Spannungsregler für die Turbinengeneratoren sollte erprobt werden. Es ging um die Frage: Würde nach einem Abbruch der Reaktorleistung und einem gleichzeitigen Ausfall der örtlichen Stromversorgung die Rotationsenergie der Turbinengeneratoren, die nun keinen Dampf mehr bekamen, noch genügend hoch sein, um Strom zu produzieren? 45 Sekunden waren zu überbrücken, bis die Notdieselgeneratoren anspringen würden, die dann das Kühlsystem weiter mit Strom versorgen konnten. Die Elektroingenieure sahen die Aufgabe als eine rein elektrotechnische Herausforderung, ohne das Risiko möglicher Auswirkungen auf den Atommeiler.

Das Kernkraftwerk Tschernobyl lag 120 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew an der Grenze zu Weißrussland. Damals gehörten die beiden Staaten – die Ukraine und Weißrussland – noch als Teilrepubliken zur großen Sowjetunion. Das Werk war ein grafitmoderierter Siedewasser-Druckröhren-Reaktor, genannt RBMK-1000. Seine vier Reaktorblöcke erbrachten eine Nennleistung von je 1000 Megawatt. Im Block 4, der erst 1983 in Betrieb gegangen war, lagen 1659 Brennstoffkassetten mit insgesamt 190,2 Tonnen Kernbrennstoff. Dass der Typ RBMK-1000 konstruktive Mängel hatte, kümmerte niemanden: Die Belegschaft von Block 4 hatte einen ausgezeichneten Ruf, entsprechend hoch war das fachliche Selbstbewusstsein. Das kleine Experiment mit dem neuen Spannungsregler wollte man "so schnell wie möglich" erledigen.

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Bis heute sind nicht alle Details der Katastrophe geklärt. Es war geplant, am 25. April 1986 den Block 4 offiziell der "jährlichen Revision" zu unterziehen (die gab es aber nur auf dem Papier, seit zweieinhalb Jahren war der Reaktor ununterbrochen gelaufen). Zeitgleich sollte dann das Experiment stattfinden, beaufsichtigt von einem Elektroingenieur, der von Reaktortechnik nichts verstand, und dem Schichtleiter. Die Sicherheitsabteilung des Werks war nicht informiert.

25. April (Freitag)

1.00 Uhr: Die Schichtleitung beginnt, den mit 100 Prozent Leistung laufenden Reaktor von Block 4 allmählich herunterzufahren.

14.00 Uhr: Völlig unnötig schaltet das Personal das Notkühlsystem ab, entgegen den Betriebsvorschriften. Als Kiew erhöhten Strombedarf anmeldet, wird das Herunterfahren bei 50 Prozent Leistung gestoppt. Das Notkühlsystem bleibt ausgeschaltet – ein erneuter Verstoß gegen die Betriebsvorschriften.

23.10 Uhr: Der Reaktor wird zur Vorbereitung des Experiments weiter heruntergefahren. Ziel sind etwa 20 bis 30 Prozent Leistung, knapp oberhalb des zulässigen Minimums. Diese Grenze darf bei laufendem Betrieb nicht unterschritten werden, da sonst der Reaktor instabil wird und außer Kontrolle geraten kann.

26. April

0.28 Uhr: Einem Techniker, der die Leistungsregelung steuert, unterläuft ein verhängnisvoller Fehler, vermutlich durch Eingabe eines falschen Wertes. Trotz manuellem Gegensteuern kann nicht verhindert werden, dass die Reaktorleistung jäh auf etwa 1 Prozent absackt, weit unterhalb der vorgeschriebenen Minimalleistung.

1.00 Uhr: Durch Herausfahren der Steuerstäbe gelingt es den Technikern, die Leistung wieder auf etwa 7 Prozent zu steigern, immer noch viel zu wenig. Eine weitere Steigerung ist nicht möglich.

1.03 und 1.07 Uhr: Zusätzlich zu den sechs laufenden Hauptwasserpumpen werden zwei Reservepumpen für das Kühlsystem zugeschaltet und hochgefahren. Mit starkem Druck jagt man nun das Kühlmittel durch die Pumpen, trotz des Risikos, diese zu beschädigen. Abermals werden Steuerstäbe herausgefahren, um die Leistung rasch zu stabilisieren.

1.19 Uhr: Immer noch will man das Experiment durchführen. Dafür blockiert das Personal das Signal für die Schnellabschaltung des Reaktors – ein gravierender Verstoß gegen die Sicherheitsbestimmungen.

1.23 Uhr: Der Versuch beginnt. Schichtleiter Alexander Akimow schließt die Sicherheitsventile der beiden Turbinengeneratoren. Daraufhin verringert sich der Wasserzufluss im Reaktor schlagartig, wodurch die Temperatur extrem ansteigt. Die Leistung des Reaktors schießt abrupt hoch. Eine unkontrollierte Kettenreaktion setzt ein.

Leserkommentare
  1. Die Zeit könnte vieleicht auch noch Harrisburg oder besser noch die Explosion des Krakatau etwas aufbereiten...

  2. einem Hochtemperatur-Reaktor nicht passiert.

  3. ... über das AKW Tschernobyl berichtet wird, sollte man das auch richtig benennen. Das was da passiert ist, ist kein GAU sondern ein Super-GAU.
    Da gibt es einen nicht unerheblichen Unterschied.

  4. Wen es etwas genauer interessiert, warum das Reaktorexperiment durchgeführt wurde und weshalb es scheiterte, kann sich mal den nachfolgenden Skript ab Seite 129 durchlesen.

    http://www.fms.uni-rostoc...

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    @elakelaiset: Besten Dank für den Link zu diesem tollen Skript. So kann ich am Wochenende die Zeit nutzen, um mich intensiv in die Materie einzuarbeiten! Ist bislang sehr lesenwert und gut aufbereitet.

  5. @elakelaiset: Besten Dank für den Link zu diesem tollen Skript. So kann ich am Wochenende die Zeit nutzen, um mich intensiv in die Materie einzuarbeiten! Ist bislang sehr lesenwert und gut aufbereitet.

  6. Wer weiß, dass das Untenehmen Tschernobyl auf der Schusseligkeit von "Esperten" basiert hat. Man hat einen "Störfall" simulieren wollen, der dann bekanntlich keiner mehr war... und hat halb Europa verstrahlt. Von den Tausenden Toten im näheren Umfeld ganz zu schweigen.
    Wer danach dann in diesen Tagen in einem Fernsehbericht über eine eon-Anlage mitbekommt, wie rast und ratlos "Esperten" hierzulande sind, wenn ihnen ihr Kraftwerk einen Störfall meldet, dann kann man ganz schön ins Schwitzen kommen. Da wird in Ordnern gekramt und geraten, was nun gemeint sein könnte. Eine umfassende Kenntnis sämtlicher Störfälle sieht jedenfalls anders aus.
    Übrigens: Eon bestand darauf, diese Aufnahmen nicht zu senden. Nachdem der Sender das abgelehnte hatte, wurden alle weiteren Termine gecancelled.
    Eine Frage nach dem Unsicherheitsfaktor Mensch ist in gleicher Sendung einem Experten so unangenehm, dass er das Gespräch geradezu flieht. Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus!

  7. Ist eine super Zeitung, die berichten sogar von Dingen, die "bis heute nicht bekannt geworden" sind...sehr interessant...

    "Eine Untersuchung der Vereinten Nationen, die sich auf die Mitarbeit zahlreicher Institutionen weltweit stützt, kam 2005 zu dem Ergebnis, dass die Gesamtzahl der Todesfälle, die unmittelbar auf die Katastrophe zurückzuführen sind, etwa 4000 betragen werde."

    Hierbei sollte man allerdings Einiges dazusagen: Die Gruppe der Opfer ist in sich sehr heterogen, es kommt stark darauf an, wie hoch die Strahlendosis ist, die jemand abbekommen hat. Daher wäre in der Tat zunächst von einigen Hundert (Artikel: 1000) Opfern auszugehen, die entweder schwer krank wurden oder starben. Betrachtet man aber relative große Gruppen (z.B. 600.000 Liquidatoren), so kann man durch Aufrechnen sehr geringer Dosen zu relativ hohen statistischen Todesopfern kommen. Dies ist aber nicht dasselbe: Wenn auf 1..2 Millionen Menschen statt 250.000 253.000 Personen an Krebs erkranken, ist das eine sehr viel geringere Wirkung als bei einer Personengruppe, die einige Sv abbekommen hat.

    Deswegen darf man mit solchen Zahlen wie "4.000 Tote" nicht unbekümmert umgehen - denn davon ist ein großer Teil v.a. "Statistikleiche"...

  8. Kein Mensch kann die beim Umgang mit AKW ständig erforderliche Sorgfalt und Aufmerksamkeit nicht leiten, und vor allem nicht über mehrere Tausend Jahre.

    Es ist, wie es ist .... Menschen sind oder werden schwach !

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