Fremd sind uns die Japaner, sehr fremd. Ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Selbstbeherrschung , ihr Aussehen. Doch gibt es einen Grad des Leidens, der alle Menschen einander ähnlich macht. Dieser Grad ist nun erreicht, nein überschritten. Von Beben erschüttert, von der Welle heimgesucht, von tödlichen Strahlen bedroht – da kann sich jeder ausmalen, was das alles bedeutet. Die Menschen wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, sie vermissen ihre Angehörigen, sie haben Durst und Angst vor dem Ticken des Geigerzählers. Das muss uns keiner übersetzen, so weit reicht unsere Fantasie, so weit reicht auch die Nächstenliebe. Aber für wie lange wird sie reichen, für wie viele Wochen oder Monate?

Immerhin wurde die Welt von der japanischen Katastrophe inmitten eines anderen Mitleidens unterbrochen, dem für die Tausenden von Opfern des Tyrannen Gadhafi . Der scheint nun einen schmutzigen Sieg zu erringen, im Schatten von Fukushima. Sind wir zu mehr nicht in der Lage als zu vagabundierendem Mitleid, unzuverlässig, treulos? Oder sind wir einfach überstrapaziert von zu viel Welt, von zu viel globaler Nachbarschaft? Die Ereignisse der letzten Woche erlauben hier keine schnelle Antwort, sie verlangen zunächst mal nach einer genauen Analyse.

Was in Japan falsch ist, kann hier nicht richtig sein

Nein, Fukushima ist nicht Tschernobyl, denn diesmal geht es nicht um einen Schrottreaktor in einer absterbenden Diktatur, es geht um einen Siedewasserreaktor, wie es ihn auch hierzulande gibt, und die Unfälle passieren in einem demokratischen Land, das technisch genauso weit ist wie Deutschland oder Frankreich, Spitzentechnologieland eben. Was in Japan falsch ist, kann hier nicht richtig sein.

Nein, an der Natur liegt es ebenso wenig. Die tut, was sie im Extremfall halt tut, sie schlägt erbarmungslos zu. Doch das hat man voraussehen können, und die japanische Regierung hat bis zu diesem 11. März 2011 auch immer gesagt, dass ihre AKWs sicher seien, so wie es unsere auch sagt. Doch bedeutet der Satz, die Kraftwerke seien sicher, dass sie es immer sind, egal, welche Untat der Natur gerade einfällt.

Und nein, hier geht es nicht nur um die Atomenergie, hier wurde dem Fortschritt eine Spitze abgebrochen. Vielleicht ist das Jahrhundert eines ungehemmten, eines jugendlichen, ja pubertären Optimismus an diesem 11. März zu Ende gegangen. Von Zweifeln geplagt war er schon länger und floh doch immer wieder in die nächste Stufe des Fortschritts. Von der Kohle ins Öl, vom Öl in die Atomkraft. Dieser Optimismus glaubte, dass alle Probleme, auch die von der Technik verursachten, früher oder später technisch gelöst werden könnten. Die Vorstellung der Selbstbegrenzung, des Verzichts auf bestimmte Technologien, die ganze Idee der Unbeherrschbarkeit kam im Denken des Mainstreams vor, doch scheute man die praktischen Konsequenzen. 

Auch die deutsche Regierung ist von diesem alten Denken geprägt, nicht zuletzt die Kanzlerin. Sie hat auf die Atomkraft stets als Physikerin geschaut, das gab ihr die Aura des Objektiven. Auch jetzt, in der Stunde ihrer politischen Not, sieht sie die Lösung wieder in der Wissenschaft. »Sicherheit steht über allem«, sagte sie, um ihren Kurswechsel, den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg , zu begründen. Aber das stimmt nicht, in Deutschland so wenig wie in Japan. Die Atomkraftwerke dort waren ausgelegt für Erdbeben bis zur Stärke 8, sie wurden erwischt von Stärke 9.

Nur, warum hat die japanische Politik sich mit diesem Sicherheitsstandard begnügt? Weil ein Erdbeben der Stärke 9 zehn Mal so stark ist wie eines der Stärke 8 und weil die Kosten für eine entsprechende Sicherheitstechnik exponenziell gestiegen wären. Das hätte den Atomstrom teurer gemacht als andere Energien und die Profite der Betreiber einschneidend verringert. Deshalb kann bei der nun versprochenen Prüfung der deutschen AKWs alles Mögliche herauskommen, nur so sicher dürfen sie niemals sein, dass sie zu teuer werden. Sicherheit steht also nicht ganz oben, sie steht allenfalls gleichauf mit ökonomischem Kalkül. Restrisiko und Profit sind aneinander gekoppelt, das eine steigt mit dem anderen.