Rechtsextremismus Hitler hat keine Facebook-Freunde
Der Schriftsteller Joachim Lottmann übersiedelte von Berlin nach Wien und sucht vergeblich nach den braunen Horden, von denen man ihm berichtet hat.
© Joe Klamar/AFP/Getty Images

Der 2008 bei einem Verkehrsunfall verunglückte Rechtspopulist Jörg Haider
Als ich vor 20 Jahren das bisher einzige Mal Österreich länger besuchte, beherrschte gerade die Angst vor neonazistischen Umtrieben die öffentliche Debatte. Und auch die nicht öffentliche. Und auch die Literatur. Man las Thomas Bernhard, der das Land als einzigen unausrottbaren braunen Sumpf beschrieb, bewohnt von einer Bevölkerung, die einzig aus bösartigen, falschen, bigotten, Ausländer hassenden Dumpfbacken bestand – aus Nazis eben. Überall, wo ich hinkam, warnten mich meine neuen Freunde vor dem Erstarken der nationalsozialistischen Bewegung. An der Spitze des Staates stand ein Präsident namens Kurt Waldheim, der seinerzeit sogar sein Pferd im NS-Reiterbund untergebracht hatte. Und von unten her wühlte und trommelte der ultrabraune Demagoge Jörg Haider, ein neuer Hitler gewiss.
Ich habe mich in dem Land dann sehr wohlgefühlt. Nirgends traf ich auf Neonazis. Die Österreicher erwiesen sich als ganz besonders feine, kulturbewusste, liebenswürdige und vor allem tolerante Zeitgenossen, gebildeter als die Deutschen – und höflicher.
Der Autor, geboren 1956 in Hamburg, gilt als exponierter Vertreter der deutschen Popliteratur. Sein neuer Roman, »Unter Ärzten«, erscheint im August. Unter dem Titel »Auf der Borderline nachts um halb eins« schreibt er regelmäßig ein Blog für das Internetportal der alternativen »taz«.
Vergangene Woche reiste ich wieder nach Österreich. Ich verlegte meinen Wohnsitz von Berlin nach Wien. Kaum angekommen, explodierte in Japan ein Kernkraftwerk. Die Leute sprachen mit mir aber nicht darüber, sondern lieber erst einmal über den großen Rechtsruck, der das Land erfasst hatte. Es war ihnen offenbar wichtig, diese bedeutende Sache gleich zu Beginn jeden Gesprächs mit mir abzuklären. Es gab nämlich inzwischen einen Wiedergänger des Führers mit Namen H. C. Strache. Der übernehme demnächst die Macht in Österreich, und das sei wichtiger als irgendein Kraftwerk im fernen Nippon oder sonst wo.
H. C. Strache! Ein Wort wie Donnerhall! In neuesten Umfragen lag er schon bei 30 Prozent! Wie die NSDAP 1931! Er betreibe monothematische Wahlkämpfe. Sein einziger Programmpunkt sei Ausländerhass. Schon 60 Prozent der Abgeordneten seiner Partei, der FPÖ, seien Burschenschafter, also schlagende Studenten. Das sei erwiesen. Das könne gar nicht mehr rückgängig gemacht werden. Und bei allen liege sicherlich Mein Kampf unter dem Kopfkissen...
Die Erkenntnis über die Burschenschafter war wohl gerade erst bekannt geworden, jeder zweite Gesprächspartner tischte sie mir mit aufgerissenen Augen auf. Was waren das für karnevaleske Gestalten, die da angeblich demnächst in diesem Staat die Macht erringen würden? Knapp drei Promille der Studenten waren noch Mitglieder in diesen mittelalterlichen Vereinen, die anderen 99,7 Prozent lieber bei Facebook. Wenn also diese barocken Säbelträger das Parlament übernehmen sollten, war auch der übrige Dreißiger-Jahre-Zirkus denkbar: Millionenaufmärsche unter Fackeln, rollendes r bei feierlichen Ansprachen, statt Hip-Hop Marschmusik auf allen Kanälen, Blutfahne, Todeskult und so weiter. Ganz Österreich verwandelte sich in einen Kostümfilm von Bernd Eichinger: Der Untergang II – Sie sind wieder da!
Die Journalistin verwechselte einfach Nazis mit dem normalen Abschaum
Aber leider ist Eichinger tot, und auch sonst stimmt nichts an dieser gesamtösterreichischen »Und immer grüßt das Nazimurmeltier«-Paranoia. Bisher war ich jeden Abend auf Verlags- und anderen Partys. Ausnahmslos jeder Gesprächspartner überhäufte mich mit schlimmen Omen, die den kommenden rechten Aufstand ankündigten. Eine Redakteurin des Kuriers verblüffte mich sogar mit der Mail eines Arbeitslosen, der ankündigte, sich einen Revolver und fünf Patronen zu kaufen, um die soeben zur Welt gekommenen »Türken-Fünflinge« zu erschießen. Das waren süße Babys, deren Fotos gerade in den Wiener Zeitungen die Runde machten. Die Redakteurin bohrte ihren Blick in mein Gesicht: »Do schaun S’! Des is nämlich, wia’s is – de Nazis san do!«
- Datum 30.03.2011 - 13:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.3.2011 Nr. 13
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... in einem Satz mit Haider oder Strache, das hat der verstorbene Peter Alexander wirklich nicht verdient.
Er kann sich nicht mal mehr wehren...
Anm: Bitte erläutern Sie Ihre Kritik, um zur Förderung einer sachlichen Auseinandersetzung beizutragen. Danke. Die Redaktion/km
Ich bin schier sprachlos...[...] Was soll das? Sicher sind nicht alle Österreicher Nazis, einen Haider und co. jedoch zu verharmlosen, da geht mir die Galle hoch! Im übrigen hat auch Hitlers "Karrier" nicht mit der Ermordung begonnen sondern im kleinen, mit populistischen Parolen. [...]... so ein Artikel in der Zeit - hätte ich nie für möglich gehalten...., vielleicht reicht auch mei Intellekt nicht aus....
Zum Thema Peter Alexander in diesem Artikel zu nennen erwarte ich im übrigen eine Entschuldigung oder eine einläuchtende Erklärung!
Teile entfernt. Bitte achten Sie auf eine sachliche Ausdrucksweise und verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/wg
nationalistisch?
wenn man sich mit dem wiener 'pöbel' über einen längeren zeitraum beschäftigt hat, kann man unter umständen feststellen, dass diverse nationalistische tendenzen real existieren.
solche werden auch in däutschland (hier mache ich diese erfahrung nach wie vor) vom bildungsbürgertum mit faschistischen t. gleichgesetzt, bzw. werden in den hitlertopf geworfen und mit der 2. weltkriegssuppe und einer prise auschwitz verrührt(xenophobie=hakenkreuz).
ist die feststellung also die,
dass 'das volk' in wien keine tendenz zur fremdenfeindlichkeit erkennen lässt, oder dass die meisten ösis den falschen terminus für dieses phänomen verwenden?
ersteres könnte man anzweifeln, mit letzterem hätten sie bereits vor zehn jahren im juze um die ecke offene türen eingerannt.
wenn mit der maloche alles klappt, bin ich in zwei wochen wieder in wien.
wir könnten uns treffen und ich zeige ihnen etwas, das die leute vor ort als 'nazikneipe' bezeichnen.
ich bin mir bei diesem begriff nicht ganz sicher:
trinken dort wirklich echte nationalsozialisten, oder handelt es sich bei denen lediglich um leute, die einen extremen fremdenhass schieben? ich wollte mir den laden schon längst mal anschauen; vielleicht sitzen dort auch einfach nur gesellige wiener die sich über piefkebesuch freuen...wer weiß?
aber dass berlin nicht wirklich däutschland, und wien ebensowenig österreich repräsentiert, ist ja fast schon eine binsenweisheit.
aber vielleicht hab ichs auch nicht verstanden.
Dieser Artikel hat mich zum schmunzeln gebracht. Einfach klasse, vielen Dank für die schönen Minuten.
was genau hat Sie in diesem Artikel zum schmunzeln gebracht? Bitte erklären Sie es mir...
Man muss diesen Artikel mit Humor nehmen.
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das Österreich nicht aus nur aus Nazis besteht wissen wir. Das die Leute dort sehr liberal und tolerant sind, weiß ich auch. Aber aus persönlicher Erfahrung: (ich halte mich des öfteren in Wien auf, ca 1/4 des Jahres, dieses Jahr wird es die 1/2 sein) Toleranz ist in Österreich so eine Sache. Die Leute sagen eigentlich eher ungern was sie wirklich denken, besonders dann, wenn Ausländer dabei sind. Was für den Herrn Lottmann wie Toleranz aussieht hat natürlich ein gewisses Maß an Liberalität aber auch ein anderer Faktor spielt rein. Es ist nicht so, dass sie wirklich alles tollerieren würden, es dauert nur lange bis sie sagen, was ihnen stinkt bzw sagen sie es nur dann, wenn es ihnen wirklich nötig scheint. Meistens passiert es also gar nicht. Es sei denn, es geht darum sich selbst zu zerfleischen, da stehen sie uns Deutschen in nichts nach. Wie weit Österreich auf der Skala tatslächlich Rechts ist, ist also ziemlich schwer einzuschätzen.
Alles in Allem sind sie zwar keine Nazis, es gibt allerdings auch dort, genau wie hier, eine rechtsextreme Szene und der Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema mutet auf mich recht eigenartig an. (Wahlplakat: Mehr Mut zu Wiener Blut, Abneigung gegenüber Juden und Deutschen, Darstellung als Opfer der Nazis.. sowas kommt nicht nur von ungebildeten Leuten) Nachholbedarf die Vergangenheitsbewältigung betreffend gibt es dort (auch nach Aussage von Österreichern) auf jeden Fall!
Entweder wissen Sie nicht, worüber Sie in Ihrem Artikel reden oder Sie reden über etwas, worüber Sie nichts wissen.
[...]
Anm: Bitte kritisieren Sie sachlich ohne beleidigend zu werden. Danke. Die Redaktion/km
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