RisikoforschungProphet der Apokalypse

Wolfgang Kromp ist die nukleare Kassandra der Republik. Täglich verbreitet der Physiker Weltuntergangsstimmung. In Wissenschaftskreisen sind seine Thesen umstritten. von 

Das vor 25 Jahren havarierte Kernkraftwerk in Tschernobyl

Das vor 25 Jahren havarierte Kernkraftwerk in Tschernobyl  |  © Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

Japan versinkt in Agonie, die Medien beschwören die Apokalypse , und Wolfgang Kromp, im ganzen Land bekannt für seine grimmigen Fernsehexpertisen, malt in düsteren Farben das drohende Ende aus. Es ist Dienstag, der 15. März, wenige Tage nach dem großen Beben; die Probleme im Kernkraftwerk Fukushima verschärfen sich stündlich. Im Hörsaal 33 der Universität Wien wollen Wissenschaftler informieren und Fakten liefern. Götz Bokelmann, Seismologe vom Institut für Meteorologie und Geophysik, spricht lange über Erdbeben und Tsunamis . Mehrmals betont er, dass er nicht spekulieren will. Marktschreierei sei nicht das Geschäft der Wissenschaft. Doch er hat die Rechnung ohne Wolfgang Kromp gemacht, der auch eingeladen ist.

Der graue Wolf im Heimatlook erklimmt das Podium. Das Trachtenband um den Hals ist sein Amulett gegen die Globalisierung. Er könne nur eine Frage beantworten, sagt der 68-jährige Leiter des Instituts für Risikowissenschaften, weil er zu seiner Ringvorlesung zum Thema Tschernobyl müsse. Ob man sich jetzt auch in Europa Sorgen machen müsse, will einer wissen. Kromp fackelt nicht lange: "Atomkraftwerke stehen meistens an Flüssen, die laufen entlang tektonisch aktiver Zonen. Und wenn in den Fluss ein größerer Stein hineinfällt oder eine Staumauer bricht, dann haben Sie auch hier Ihren Tsunami. Auf Wiedersehen!" Abtritt Kromp, Gelächter im Saal. Er sagt, was sich viele im Raum denken, erfüllt seine Rolle und bläst der Atomlobby den Marsch. Während die offiziellen Behörden nur gesicherte Fakten herausgeben, hat Kromp als Dauergast in Funk und Fernsehen bereits den Super-GAU verkündet. Bei Ausbruch der Katastrophe schlug seine Stunde.

Anzeige

Er schläft seitdem wenig und versucht sich mit schwarzem Tee wach zu halten. Doch ein Anruf genügt, und schon sprudeln Theorien, Thesen und sein Temperament aus ihm heraus. Der sonst umgängliche Kromp verwandelt sich schnell in einen fast apokalyptischen Phrasendrescher: "Der Mensch ist das größte Raubtier", sagt er, "Baumaschinen sind die Krieger der aggressivsten Armee", oder: "Bald wird es ohnehin keine Straßen mehr geben, wenn die Erde nicht mehr da ist." Er macht sich Sorgen. Und er will aufrütteln. Bei Tschernobyl sei er angenehm enttäuscht gewesen, dass es nicht schlimmer gekommen sei – die Menschheit vergesse so schnell. Was in Japan passiere, habe er in seiner Fantasie schon tausendfach durchgespielt.

Super-GAU oder begrenzter Unfall? Wie sehen das schlimmste und das beste Szenario für die Zukunft aus?

Super-GAU oder begrenzter Unfall? Wie sehen das schlimmste und das beste Szenario für die Zukunft aus?  |  © Asahi Shimbun/Reuters

Die Natur ist dem 1943 geborenen Sohn eines Chemikers von frühester Kindheit an ein Vorbild und Faszinosum. Besonders interessiert er sich für das Sozialleben der Ameisen, für die Solidarität der kleinen Tierchen. Er entscheidet sich für ein Studium der Physik und wird später Universitätsassistent. Diese Zeit ist geprägt vom Kampf gegen die Obrigkeit. Als Personalsprecher kreidet er Misswirtschaft an und zieht sogar vor Gericht. Die Umsturzkonzepte der 68er-Generation, die sich mit Industrialisierung durchaus anfreunden können, lehnt er aber ab; er verdammt die Industrialisierung generell. Lieber paddelt er durch die unberührte Aulandschaft. Heute steigt er in kein Flugzeug mehr und ernährt sich nur von Bioprodukten. Alles, was mit Coca-Cola oder Wolkenkratzern in Verbindung gebracht werden kann, ist ihm zuwider.

Der Universitätsbetrieb gleicht für Kromp einem Sklavenmarkt

Zu Beginn seiner Karriere ist er noch ein Anhänger der Atomkraft. Erst als ihn Freunde auf mögliche Risiken hinweisen, wandelt er sich zum Atomgegner und wird Sprecher der Gruppe Physiker gegen Atomkraftwerke. Im Sommer 1978 beliefert er die Opposition im Nationalrat mit Informationen über das AKW Zwentendorf , die Fragen im parlamentarischen Atomausschuss werden daraufhin immer gefinkelter. Der Sieg in der Volksabstimmung im Herbst ist für ihn ein großer Jubeltag.

Im Jahrzehnt darauf erwartet er den Weltuntergang durch einen Wirtschaftskollaps. Der bleibt aus, doch zwei Jahre nach seiner Habilitation werden andere Befürchtungen Wirklichkeit: Im April 1986 schmilzt der Kern im AKW Tschernobyl.

Ein Jahr später stirbt seine Frau an Herzversagen. 1991 heiratet er die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb. Doch aus dem Eheversprechen, sich von der Arbeitssucht zu verabschieden, wird nichts. Er forscht als Gastprofessor in Deutschland und in den USA. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wird die Sicherheit der grenznahen Kernkraftwerke plötzlich ein Thema und Kromp ein gefragter Experte. Als Mitglied der österreichischen Kommissionen, die nach Bohunice, Mohovce, Temelin und Krsko reisen, schreibt er Berichte und Gutachten, formiert ein Expertenteam und berät die Regierung Vranitzky im Forum für Atomfragen. Mit der Gründung des Instituts für Risikoforschung 1995 möchte er als Risikoexperte thematisch in die Breite gehen. Dass er, was seine Fachpublikationen betrifft, in der Materie der Werkstoffe stecken geblieben ist, gibt er offen zu. In der Wissenschaft solle es ohnehin mehr um Verantwortung und interdisziplinäre Verknüpfung gehen. "Mir hat es immer Spaß gemacht, Sand ins Getriebe der Mächtigen zu streuen, um dann zuzuhören, wie es kracht."

Leserkommentare
    • Aluni
    • 03. Dezember 2012 0:08 Uhr

    Soll das ein Portrait sein? Oder ein Versuchsballon? Oder Werbung in eigener/Instituts- Sache? Nach dem Motto: good or blame, my name!
    Ich würde eher den Daumen nach abwärts richten.

    • jboese2
    • 03. Dezember 2012 21:56 Uhr

    Nun, Herr Kromp hat eben sein Geschäftsmodell gefunden mit dem er durchs Leben geht. Die meisten Experten verfahren ja nach dem Prinzip 'Desaster pays', weshalb wir täglich mit neuen Katastrophenmeldungen konfrontiert werden, der aber von ebendiesen Experten längst angesagte Untergang der Zivilisationen seit mindestens 50 Jahren auf sich warten lässt. Früher waren es Wahrsager, die über die Dörfer zogen und Unheil und Pestilenz ankündigten, und für ein bischen Gold, Kleidung oder Nahrung bekam man den Insider-Tip mit dem sich für einen persönlich dieses Unheil abwenden läßt. Dieses Geschäftsmodell läuft auch heute noch perfekt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    in den siebzigern gab es einen Klaus Traube, der sich in seiner zweiten Jugend den 68zigerinnen anschloss und auf die böse Atomindustrie einschoss.
    Und wenn er nicht gestorben ist.........

  1. in den siebzigern gab es einen Klaus Traube, der sich in seiner zweiten Jugend den 68zigerinnen anschloss und auf die böse Atomindustrie einschoss.
    Und wenn er nicht gestorben ist.........

    Antwort auf "Business as usual"
  2. Das Problem: Nukleartechnolgie ist kein künstliches Monstrum, sondern ein elemantarer Naturprozess. Fliegt ein Kohlekraftwerk in die Luft, löscht man und baut neu auf. Fliegt einem ein AKW um die Ohren, hat man ein auf endlose Zeiten verseuchtes Gebiet. Das - sowie das Thema der Endlagerung - ist das eigentliche Problem.
    Können regenaritive Methoden unseren Energiebedarf bzw. unseren Energiehunger wirklich stillen? Sie könnten es vermutlich, wenn die industrialisierte Welt zu Kompromissen bereit ist. Es ist nur so, dass mittlerweile Länder wie Indien und Brasilien dabei sind, Schwellen zu überschreiten. Sie wollen ihr Stück vom Kuchen. Es mag zynisch klingen, aber der moderne Umweltschutzgedanke ist nur möglich, wenn eine Gesellschaft ein Level erreicht hat, das solche Sorgen erlaubt. Ich möchte den Umweltschutzgedanken keineswegs herabwürdigen, denn eine intakte Umwelt ist die Lebensgrundlage überhaupt. Leider befinden wir uns in einer Lage, die die Quadratur des Kreises verlangt: JA zum Fortschritt und JA zur Natur. Ich würde sagen, dass das eine ziemlich schwierige Sache ist.
    Kein Parteibuch löst das Problem. Es bedarf einer echten globalen Gemeinschaft. Vielleicht eine weltumspannende Bereitschaft, dass nicht alles technisch mögliche auch möglich gemacht wird. Dass Fortschritt auch Rückschritt sein kann. Aber wie will man das durchsetzen?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Siemens AG | AKW | Japan | Tsunami | Europa | Fukushima
Service