Alles scheint wie immer. Gregg Donovan steht vor dem Louis-Vuitton-Geschäft am Rodeo Drive, Beverly Hills. Gegenüber ist Dolce & Gabbana. Die Sonne brennt auf seine Uniform – roter Frack, schwarze Hose und schwarzer Zylinder. Laut begrüßt er ein paar junge koreanische Frauen: »Welcome to Beverly Hills. You have arrived!« Er legt eine theatralische Pause ein, reißt beide Arme in die Luft, als wolle er sie umarmen. Die Frauen weichen verwundert zurück und kichern, dann lässt sich jede von ihnen mit Donovan fotografieren. Er witzelt noch etwas auf Koreanisch, die Koreanerinnen freuen sich, dass jemand fern der Heimat ein paar Worte ihrer Sprache beherrscht, und ziehen weiter. Es ist Vormittag. Donovan deutet den Rodeo Drive hinunter: Palmen, Sonnenschein, riesige Geschäfte der Luxusmarken. Die perfekte Einkaufsidylle. Aber es sind kaum Menschen, kaum Kunden zu sehen. »Schauen Sie, hier ist nichts los. Das liegt daran, dass ich nicht mehr da bin!«

In den vergangenen neun Jahren war Gregg Donovan der »Beverly Hills Ambassador«, der Botschafter von Beverly Hills, eine Art Empfangsherr für Besucher des Rodeo Drive, einer der Touristenattraktionen von Los Angeles, der Straße, in der die Stars einkaufen gehen. Jeden Tag stand er an der Kreuzung, lächelte Touristen an, beantwortete ihre Fragen, begleitete sie in die schicken Läden, gab ihnen das Gefühl, willkommen zu sein. Seinen Begrüßungsspruch kann er in hundert verschiedenen Sprachen, sagt er. In diesem Augenblick laufen ein paar Deutsche vorüber. »Ich habe Sie lange nicht mehr gesehen«, ruft er ihnen zu. Die Deutschen lächeln verlegen und gehen schnell weiter.

Donovan meint, die Nordeuropäer reagierten meist etwas reserviert. Jahrelang konnte er die Charaktereigenschaften und Einkaufsvorlieben der verschiedenen Nationen studieren. Er hat festgestellt, dass immer mehr Chinesen nach Kalifornien reisen, inzwischen sind es mehr als Japaner. Donovan hat beobachtet, dass sie viel rauchen und dass der Westen für sie noch neu ist. Auffällig lange blieben sie vor den riesigen Schaufenstern stehen. »Danach haben sie dieses Glitzern in den Augen«, sagt er. Die Japaner hingegen kommen mit ganz genauen Vorstellungen, sie haben eine bestimmte Marke im Kopf, in deren Laden sie einkaufen wollen. Alle anderen Vorschläge von Donovan werden nicht erhört. Außerdem fragen sie außergewöhnlich oft nach Elvis, ob er noch lebt?

Donovan ist wie ein Seismograf, er weiß, wo in der Welt es der Wirtschaft gerade gut oder schlecht geht. Seinen Landsleuten geht es gerade nicht so gut, dafür besuchen jetzt auffällig viele Australier den Rodeo Drive, weil ihr Dollar stark ist und die Flugtickets billig sind. Aber Donovans Wissen ist nicht mehr gefragt. Er wurde am 14. Januar um 15 Uhr entlassen. Zum Rodeo Drive geht er jetzt nur noch, wenn man sich mit ihm verabredet. »Ich bin das Gesicht von Beverly Hills«, sagt er. Beverly Hills hat sein Gesicht nun verloren.

An jenem Januartag wurde Donovan in das Tourismusbüro von Beverly Hills bestellt. Dort wurde ihm knapp mitgeteilt, dass er gehen müsse. Sofort. Kalifornien ist pleite, und selbst Beverly Hills muss sparen. Gregg Donovan warnte noch vor der verheerenden Symbolwirkung dieser Entscheidung. Beverly Hills – das Synonym für Reichtum. Der Ort, der von dem Ruf lebt, hier rekelten sich Stars und Millionäre an den Pools ihrer Villen. Wie peinlich wäre es, wenn bekannt würde, dass die Finanzkrise selbst ihn erfasst hat? Es half nichts.

Donovan fuhr nach Hause, nach Santa Monica. Auf dem Weg dorthin las er den Auflösungsvertrag, den er unterschreiben sollte. Darin stand, er solle alle Rechte an Fotos von ihm mit den Stars abtreten und auch nicht mehr über seinen früheren Job sprechen. Donovan hatte fast einen Unfall. Er entschied sich zu kämpfen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Fast alle großen amerikanischen Zeitungen und Fernsehsender haben seitdem über ihn berichtet. Gregg Donovan ist jetzt 51. Für ihn war der Botschafterposten kein Job, sondern sein Leben. Und nun verlangte man von ihm, dass er aufhörte zu existieren. So jedenfalls empfindet er es. Das Tourismusbüro von Beverly Hills äußert sich dazu nur schriftlich und sehr knapp: Die Stelle sei gestrichen worden. Mehr könne man dazu nicht sagen, aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen.

Gregg Donovan überquert den Rodeo Drive und läuft zum Beverly Wilshire, einem legendärem Luxushotel. Elvis Presley wohnte jahrelang in einer der Suiten. »Hier ist Julia Roberts mit ihrem Wagen gegengekracht«, sagt Donovan und zeigt auf eine Stelle neben dem Eingang. Teile des Films Pretty Woman wurden in dem Hotel gedreht, und Donovan beobachtete die Szene, damals noch als Concierge. Im Restaurant setzt er sich an die Bar, er blickt auf Kronleuchter und üppige Sofas. Ab und an isst der ehemalige Gouverneur Kaliforniens Arnold Schwarzenegger hier zu Mittag. Der Barmann begrüßt Donovan: »Are you back?« – »No«, antwortet Donovan leise. Der Barmann wendet sich ab. »Diesem Restaurant habe ich am Tag bestimmt dreißig Kunden geschickt«, sagt Donovan.