Doppelter AbiturjahrgangPrüfung hoch zwei

Unser Doppeljahrgang, der jüngste Schüler ist 16, der älteste 23 Jahre alt: Was er schon hinter sich hat und was ihm noch alles bevorsteht. von Alexandra Werdes

Der Abi-Jahrgang des Herzog-Ernst-Gymnasiums in Uelzen

Der Abi-Jahrgang des Herzog-Ernst-Gymnasiums in Uelzen  |  © Werner Bartsch

Spätestens am Samstagmorgen wird Anspannung die Luft andicken. Am Herzog-Ernst-Gymnasium in Uelzen werden die Abiturienten über ihren Deutschklausuren brüten. Die Anspannung wird aber auch bei den Lehrern zu riechen sein und bis ins niedersächsische Kultusministerium. Von Samstag an wird sich zeigen, ob die Vorbereitungen der letzten zwei Jahre ausreichend waren, um die G8- und G9-Jahrgänge gemeinsam durch die Prüfungen zu bringen: Allein am Herzog-Ernst-Gymnasium beginnt dann für 179 Schülerinnen, etwa doppelt so viele wie sonst, der Marathon des Zentralabiturs.

Das HEG, benannt nach dem Uelzener Reformator Herzog Ernst, sieht aus wie viele Gymnasien: ein quadratisch-praktischer Klinkerkasten, drei Stockwerke, Steinfliesen, Glasbausteine. In den kreuzgangartigen Fluren haben sich die früheren Abi-Jahrgänge mit »Monumenten« aus Gips oder Pappmaché verewigt. »Ernst Capone – 13 Jahre unorganisiertes Verbrechen« steht da etwa unter einer an die Wand gepinselten Chicago-Silhouette. Die diesjährigen Abiturienten taten sich schwer mit ihrem Motto: »Harry Potter und das Abitur der Weisen – 7 Jahre in HEGwards« soll es jetzt heißen. Man hat sich auf jene Zeitspanne geeinigt, die G8 und G9 gemeinsam auf dem Gymnasium waren.

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Tatsächlich zusammen sind sie, je nach Perspektive, erst seit der 11. beziehungsweise 12. Klasse. Begeistert waren die Schüler nicht, als sich das HEG, wie die meisten Gymnasien des Landes, dazu entschied, sie zu einem Jahrgang zu verschmelzen: 84 aus G8 und 95 aus G9, 108 Mädchen und 71 Jungen, der jüngste 16, der älteste 23 Jahre alt. »Plötzlich wurden wir auseinandergerissen und sollten zu den Großen«, erinnern sich die G8er. »Das wird nichts«, war die erste Reaktion der G9er. »Wir kommen nie alle auf denselben Stand.«

In Englisch Lektüre nachholen, in Mathe Exponentialfunktionen; in Bio fehlte »Osmose«, in Geschichte die Oktoberrevolution. Auch die Lehrer sagen, für die G8er sei der Druck zu Beginn enorm gewesen. Manche gaben ihren Schülern Sonderstunden, andere drückten ihnen viele Übungen in die Hand, »damit sie selber merken, wo die Lücken sind«.

Wie bringt man einen Jahrgang durchs Abitur, der doppelt so groß ist wie sonst ? Dessen eine Hälfte 13, die andere nur 12 Jahre Unterricht hatte? Die aber trotzdem alle dieselben Prüfungsaufgaben lösen sollen?

»Vor gut zwei Jahren habe ich aufgehört, im Posaunenchor mitzuwirken.« Das ist der Satz, mit dem Burkhard Steneberg das Gespräch über G8, G9 und den Doppeljahrgang eröffnet. Im Büro des Oberstufenkoordinators kämpft eine einsame Topfpflanze um ihr Überleben, ein verblichener Kandinsky-Druck verschwindet zwischen Kalendern und Listen. Steneberg schickt einen vieldeutigen Blick durch die randlose Brille und wartet, wie seine Aussage wirkt. Dann zieht er einen bis zum Anschlag gefüllten Ordner aus dem Schrank. Darin abgeheftet gelbe und blaue Formulare, auf denen die Oberstufenschüler ihre Kurse wählen, gelb für G8 und blau für G9. Mit dem Doppeljahrgang bekam Steneberg die Wahlbögen von 200 Schülern auf den Tisch. »Und die kommen alle zu mir in mein Zimmer und wollen beraten werden.«

Leserkommentare
  1. Niedersachsen hat die lehrerfreundliche und schülerunfreundliche Variante des Wechsels von G9 zu G8 gewählt. Kein Abschichten, einfach doppelte Kurse, Klausuren nach vorne ziehen. Die simple Methode.

    Nö, trotz des Jammerns über Arbeitsbelastung habe ich kein Mitleid mit den Lehrern. Willkommen in der Realität. Ist ja nach einem Jahr eh vorbei. Die Schüler haben es schwer und keine Wahl. Und haben es durch die doppelten Jahrgänge schwerer. Das durch Abschichtung zu entspannen hätte aber wirklich mehr Arbeit für Lehrer bedeutet und war deswegen nicht durchsetzbar.

    (Und wenn ein Schüler noch nicht reif für Gedichte ist - vielleicht, nur ganz vielleicht, ist das einfach das falsche Thema? Soll man alle Schüler an der Schule halten, bis sie für alles "reif" sind? Oder ist das nicht einfach eine Frage des Alters, sprich: Die Schüler reifen auch außerhalb der Schule und ohne sie. Besser im Studium selber Gedichte lesen als Zwangsbeglückung an der Schule, die wirkt bei einzelnen Vorzeigeschülern, ist für die Masse der Schüler aber eh so abschreckend, dass sie nie wieder einen Gedichtband zur Hand nehmen.)

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    die Realität sieht allerdings trauriger aus, als es der ewige und ewig dumme Spruch "Vormittags hat er recht und nachmittags hat er frei" erwarten lässt. Wir haben zwölf Wochen Ferien im Jahr, das ist wohl richtig. Dass viele von uns aber beispielsweise vor dem Abitur grundsätzlich keine freien Wochenenden mehr habe, wird leider ebenso gern übersehen, wie die Tatsache, dass Ferien nicht mit Freizeit gleichzusetzen sind. Im Endeffekt haben wir es weder besser noch schlechter als der Kollge aus der vielzitierten "freien Wirtschaft".
    Wer sich dennoch darüber ärgert, sollte sich einfach eine Frage vorlegen: "Warum hast Du nicht auf Lehramt studiert, wenn es so einfach ist, an unglaubliche Mengen an Freizeit, Geld und soziale Sicherheit zu kommen?"
    Was die Auswahl des Stoffes betrifft kann man nur eines sagen: Eine Beschwerde sollte hier wohl weniger die Lehrer treffen als vielmehr das Kultusministerium, das die Inhalte für das Zentralabitur auswählt.

    Leider ist es so, dass durch das Abitur nach der zwölften Jahrgangsstufe, zumindest momentan, ein Scheuklappendenken bei den Jugendlichen ensteht. Es bleibt keine Zeit mehr sich weiteren Interessen zu widmen und seinen Horizont zu erweitern.
    Der Druck wird jedoch auch auf die Lehrer übertragen. Hier den Ansatzpunkt zu suchen und die Begründung für eine gesellschaftliche Problematik bei den Lehrern finden zu wollen, muss nicht weiter kommentiert werden. Wer der Meinung ist, im Lehrberuf mehr Urlaub als Arbeit zu haben, scheint sich noch nie mit diesem Berufsfeld näher auseinandergesetzt zu haben.

  2. 2. Bayern

    Als aktueller G9 Abiturient in Bayern (eigentlich sollte ich gerade Physik lernen ;)) finde ich, dass man das Problem mit dem doppelten Abiturjahrgang hier besser gelöst hat. Zwar ist die Belastung für Lehrer und G9 Schüler dadurch, dass man getrennt Abitur schreibt und die G9 Prüfungen um über 6 Wochen vorgezogen hat, wesentlich höher, aber die Schüler müssen nicht unter unterschiedlichen Leistungsniveaus leiden. Das heißt jeder macht "normal" Abitur, mal abgesehen davon, dass das 4. Semester auf ein paar Wochen zusammengestrichen worden ist. Schade ist allerdings, dass man (zumindest hier in Bayern) den G8 Schülern die Möglichkeit genommen hat sich auf zwei Leistungskursfächer zu spezialisieren und in eben diesen Fächern zwei der insgesamt vier Prüfungen abzulegen.
    Dass die 11. Klasse als Übergangsphase in die Kollegstufe fehlt, ist hier genauso und die Lehrer äußern auch, dass sie im G8 nicht das gleiche erwarten können, wie früher im G9. Das Kultusministerium behauptet zwar, dass G9 und G8 gleich leistungsfähig sind und im Schnitt die gleichen Noten erzielen, aber das kommt wohl dadurch zustande, dass man im G8 mündliche und schriftliche Noten 1:1 wertet, während im G9 die schriftliche (Klausur-)Note zweifach gewertet wird. Und erfahrungsgemäß sind die mündlichen Noten immer um einiges besser als die schriftlichen.

    3 Leserempfehlungen
  3. die Realität sieht allerdings trauriger aus, als es der ewige und ewig dumme Spruch "Vormittags hat er recht und nachmittags hat er frei" erwarten lässt. Wir haben zwölf Wochen Ferien im Jahr, das ist wohl richtig. Dass viele von uns aber beispielsweise vor dem Abitur grundsätzlich keine freien Wochenenden mehr habe, wird leider ebenso gern übersehen, wie die Tatsache, dass Ferien nicht mit Freizeit gleichzusetzen sind. Im Endeffekt haben wir es weder besser noch schlechter als der Kollge aus der vielzitierten "freien Wirtschaft".
    Wer sich dennoch darüber ärgert, sollte sich einfach eine Frage vorlegen: "Warum hast Du nicht auf Lehramt studiert, wenn es so einfach ist, an unglaubliche Mengen an Freizeit, Geld und soziale Sicherheit zu kommen?"
    Was die Auswahl des Stoffes betrifft kann man nur eines sagen: Eine Beschwerde sollte hier wohl weniger die Lehrer treffen als vielmehr das Kultusministerium, das die Inhalte für das Zentralabitur auswählt.

    Antwort auf "Niedersachsen..."
    • hoops
    • 26. März 2011 17:14 Uhr

    Ohne kleinlich wirken zu wollen, aber richtig müsste die Überschrift "Prüfung mal zwei" heißen. Sind diese Mathekenntnisse etwa schon die Auswirkungen des Doppeljahrgangs?!

    Nichts für Ungut!

    S. Hoops

    2 Leserempfehlungen
  4. Abi nach 12 Jahren, Bachelor nach 3 (6.Semester). Und schon ist der Hochschulabschluss mit 19-20-21 Jahren in der Tasche. Und dann schön für die Industrie oder Wirtschaft schufften. Natürlich gibts dann nicht so viel Kohle wie bei Diplomern die neben 4-5 Jahren Studium und erheblich höherem Alter auch Lebenserfahrung und eine "gefestigte" Persönlichkeit mitbringen, aber das kommt den Firmen, Arbeitgebern doch nur Recht, wer sonst ist für die Einführüng des Bachelors? Ups, den Staat vergessen: früher Arbeiten, mehr Steuern und länger ausbeuten.

  5. 6. Wozu?

    Schneller durchs Abi, schneller durchs Studium - aber warum eigentlich diese Eile? Lasst unseren Kindern doch bitte eine Kindheit, in der auch Zeit für Außerschulisches, für Sport, Musik, Spiel - kurzum: für die ENtwicklung von Leidenschaften - bleibt!!!

    Eine Leserempfehlung
  6. Leider ist es so, dass durch das Abitur nach der zwölften Jahrgangsstufe, zumindest momentan, ein Scheuklappendenken bei den Jugendlichen ensteht. Es bleibt keine Zeit mehr sich weiteren Interessen zu widmen und seinen Horizont zu erweitern.
    Der Druck wird jedoch auch auf die Lehrer übertragen. Hier den Ansatzpunkt zu suchen und die Begründung für eine gesellschaftliche Problematik bei den Lehrern finden zu wollen, muss nicht weiter kommentiert werden. Wer der Meinung ist, im Lehrberuf mehr Urlaub als Arbeit zu haben, scheint sich noch nie mit diesem Berufsfeld näher auseinandergesetzt zu haben.

    Antwort auf "Niedersachsen..."

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