Der Abi-Jahrgang des Herzog-Ernst-Gymnasiums in Uelzen

Spätestens am Samstagmorgen wird Anspannung die Luft andicken. Am Herzog-Ernst-Gymnasium in Uelzen werden die Abiturienten über ihren Deutschklausuren brüten. Die Anspannung wird aber auch bei den Lehrern zu riechen sein und bis ins niedersächsische Kultusministerium. Von Samstag an wird sich zeigen, ob die Vorbereitungen der letzten zwei Jahre ausreichend waren, um die G8- und G9-Jahrgänge gemeinsam durch die Prüfungen zu bringen: Allein am Herzog-Ernst-Gymnasium beginnt dann für 179 Schülerinnen, etwa doppelt so viele wie sonst, der Marathon des Zentralabiturs.

Das HEG, benannt nach dem Uelzener Reformator Herzog Ernst, sieht aus wie viele Gymnasien: ein quadratisch-praktischer Klinkerkasten, drei Stockwerke, Steinfliesen, Glasbausteine. In den kreuzgangartigen Fluren haben sich die früheren Abi-Jahrgänge mit »Monumenten« aus Gips oder Pappmaché verewigt. »Ernst Capone – 13 Jahre unorganisiertes Verbrechen« steht da etwa unter einer an die Wand gepinselten Chicago-Silhouette. Die diesjährigen Abiturienten taten sich schwer mit ihrem Motto: »Harry Potter und das Abitur der Weisen – 7 Jahre in HEGwards« soll es jetzt heißen. Man hat sich auf jene Zeitspanne geeinigt, die G8 und G9 gemeinsam auf dem Gymnasium waren.

Tatsächlich zusammen sind sie, je nach Perspektive, erst seit der 11. beziehungsweise 12. Klasse. Begeistert waren die Schüler nicht, als sich das HEG, wie die meisten Gymnasien des Landes, dazu entschied, sie zu einem Jahrgang zu verschmelzen: 84 aus G8 und 95 aus G9, 108 Mädchen und 71 Jungen, der jüngste 16, der älteste 23 Jahre alt. »Plötzlich wurden wir auseinandergerissen und sollten zu den Großen«, erinnern sich die G8er. »Das wird nichts«, war die erste Reaktion der G9er. »Wir kommen nie alle auf denselben Stand.«

In Englisch Lektüre nachholen, in Mathe Exponentialfunktionen; in Bio fehlte »Osmose«, in Geschichte die Oktoberrevolution. Auch die Lehrer sagen, für die G8er sei der Druck zu Beginn enorm gewesen. Manche gaben ihren Schülern Sonderstunden, andere drückten ihnen viele Übungen in die Hand, »damit sie selber merken, wo die Lücken sind«.

Wie bringt man einen Jahrgang durchs Abitur, der doppelt so groß ist wie sonst ? Dessen eine Hälfte 13, die andere nur 12 Jahre Unterricht hatte? Die aber trotzdem alle dieselben Prüfungsaufgaben lösen sollen?

»Vor gut zwei Jahren habe ich aufgehört, im Posaunenchor mitzuwirken.« Das ist der Satz, mit dem Burkhard Steneberg das Gespräch über G8, G9 und den Doppeljahrgang eröffnet. Im Büro des Oberstufenkoordinators kämpft eine einsame Topfpflanze um ihr Überleben, ein verblichener Kandinsky-Druck verschwindet zwischen Kalendern und Listen. Steneberg schickt einen vieldeutigen Blick durch die randlose Brille und wartet, wie seine Aussage wirkt. Dann zieht er einen bis zum Anschlag gefüllten Ordner aus dem Schrank. Darin abgeheftet gelbe und blaue Formulare, auf denen die Oberstufenschüler ihre Kurse wählen, gelb für G8 und blau für G9. Mit dem Doppeljahrgang bekam Steneberg die Wahlbögen von 200 Schülern auf den Tisch. »Und die kommen alle zu mir in mein Zimmer und wollen beraten werden.«