Studiengänge: Alles Design
Wie Hochschulen versuchen, ihr Studienangebot mit Klischees aufzuhübschen.
© Kristin Thieme

Audimax der FH Erfurt
Wer auf der Internetseite hochschulkompass.de das Wort »Design« eingibt, erhält 331 Treffer. 331 Studienangebote in Deutschland führen das Wort Design im Namen oder in der Beschreibung. In Erfurt soll man sich bald für » Renewable Energy Design « immatrikulieren dürfen. In Freiburg kann man »Bildungsplanung und Instructional Design« studieren. Und im schwäbischen Trossingen » Musikdesign «. Dort, an der Staatlichen Hochschule für Musik, ist Steffen Thum, 22, gelandet. »Es ist auffällig, dass so viel unter dem Titel Design läuft«, sagt er. Aber warum ist da so? »Der Begriff klingt nach Umschwung«, überlegt Steffen. »Er signalisiert, dass die Welt neue Leute braucht, die Sachen designen, die es bisher nicht gab.«
Fest steht: Das Wort Design erlebt an den Hochschulen eine wahre Inflation. Offenbar hoffen viele Professoren, ihren Studiengängen unabhängig vom jeweiligen Inhalt einen modernen Anstrich zu verpassen – und so Punkte gutzumachen im Wettstreit um begeisterungsfähige Studenten.
Beispiel FH Erfurt: Der Landschaftsarchitekt Horst Schumacher hat einen Studiengang angestoßen, in dem Studenten darüber nachdenken sollen, wie sich die Technik zur Erzeugung erneuerbarer Energien schöner in die Orts- und Landschaftsbilder einfügen lässt. Schumacher wirbt dafür, Windräder oder Biogasanlagen nicht zu »kaschieren«, sondern sie zu »inszenieren«. Er sagt: »Am Anfang wollten wir den Studiengang ›Kultur der Energie‹ nennen, was aber niemand verstanden hat. Renewable Energy Design klingt nun entschieden besser als ›Erneuerbare Energien Design‹ und mit RED lässt es sich gut abkürzen.« Design habe ihm gefallen, weil er mit Gestaltqualität zu tun habe, sagt Schumacher. »Das ist eine der wichtigsten Erfordernisse bei erneuerbaren Energien. Denn sobald die entsprechende Technologie lumpig gestaltet daherkommt, wird sie an abgelegene Orte verbannt.«
Der schillernde Begriff hat in den vergangenen Jahrzehnten die verschiedensten Lebensbereiche erobert, in denen Dinge oder Ideen eine neue Form gewinnen sollen. Vielleicht ist es deshalb nur konsequent, dass ihn sich jetzt auch die Hochschulen aneignen. Elisabeth Hoffmann ist Sprecherin der TU Braunschweig und Vorsitzende des Bundesverbandes für Hochschulkommunikation. Sie sagt, dass die Studienreform die Hochschulen zwinge, mehr um Studenten zu werben. »Wir müssen auch von den Namen her attraktiver werden«, sagt Hoffmann. Worte wie »Medien« oder »Kommunikation«, die sich bereits häufig in den Bezeichnungen von neuen Studienangeboten wiederfänden, würden mit Kreativität und sogar mit Spaß assoziiert. »Ich kann mir deshalb vorstellen, dass man auch mit dem Begriff Design ganz andere Schichten ansprechen kann«, sagt Hoffmann.
Sie hat einen Beleg für den Gedanken: An der TU Braunschweig wurde der Studiengang Bioingenieurwesen entwickelt, und Hoffmann glaubt, dass allein das Präfix »Bio« eine Wirkung hatte. »Der Frauenanteil in diesem Studiengang ist viel höher als in vergleichbaren Studiengängen«, sagt sie. »Dabei ist das im Kern immer noch ein klassischer Maschinenbaustudiengang.« Offenbar kann es sich lohnen, aus der langen Liste der deutschlandweit mehr als 15000 Studienangebote lesbar hervorzuragen. »Vielleicht heißen viele Studiengänge immer noch langweiliger, als sie in Wahrheit sind«, mutmaßt Elisabeth Hoffmann.
Markus Langer ist Projektleiter beim Consulting-Ableger des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) und würde Hoffmanns Erkenntnis wahrscheinlich unterschreiben. Er erinnert daran, wie die Uni Bremen für ihre Ingenieursstudiengänge wirbt. Auf der Webseite werdeweltretter.de wird herausgeschält, wie wichtig die Arbeit eines Ingenieurs sein kann, wenn er zum Beispiel Wasserpumpen für den Einsatz in Entwicklungsländern konstruiert. »Wenn Sie immer mit den gleichen Argumenten für Ihren Studiengang werben, finden Sie auch immer die gleichen Studenten«, sagt Langer. Es ist also ein Unterschied, ob man für die Ingenieurwissenschaften ganz herkömmlich nach Tüftlern oder, ganz modern, nach Visionären sucht. »Für das Design gilt das ähnlich«, sagt der CHE-Mann. »Ich glaube, dass Sie mit dem Wort Leute in Ihren Studiengang bekommen, die sich vorher nie dafür interessiert hätten.« Aber Langer warnt auch davor, langweilige Studiengänge mit spannenden Namen aufzuhübschen: »Im Studium muss schon drin sein, was draufsteht.«







diese depperten studiengangsnamen richten in ihrer vielfältigkeit und unübersichtlichkeit den studienstandort dtl. zugrunde und lösen jeglichen beruflichen orientierungskompass auf, an dem man sich eigentlich beim studieren aneignen sollte.
warum? erstens: landauf, landab wird davon ausgegangen, dass es viele berufe, die in 25 jahren gefragt sein werden, noch gar nicht gibt. ein fokus auf designschwachsinn jeglicher couleur erzeugt genau jene form der spezialisierung, die sich im nachhinein als kontraproduktiv und rigide erweisen wird.
beispiel "renewable energy design": es gibt keine landschaftsarchitekturbüros, die sich ausschließlich auf erneuerbare energien spezialisieren. landschaftsarchitekten machen alles und nix, ein projekt so, ein anderes anders. hier mal ein gutachten, da mal ein wettbewerb, dort mal eine freiraumplanung für eine gemeinde. warum muss man für berufsfelder, die höchstens in einem kleinen teil des arbeitsfeldes einen kleinen teil der projekte umfassen, einen extra studiengang einführen?
zweitens: hier übernimmt die uni unzulässigerweise einen teil jener spezialisierung, die eigentlich von den studenten selber ausgehen sollte, und die nicht unwesentlich von der praxis mitgetragen werden muss.
Zum einen Muss man sagen, dass der Begriff "Design" im englischen etwas anderes bedeutet, als das was in Deutschland damit assoziiert wird. In Deutschland denken dabei immer alle an "kreativ sein" oder ähnliches. Im Englischen bedeutet der Begriff eher sowas wie Bauen, Entwickeln und Gestalten. Dies kann kreative Aspekte enthalten, enthält aber auf jeden Fall das Anwenden von ingenieurwissenschaftlichen Methoden, Konzepten und Berechnungsverfahren.
Ein Besipiel an meiner Uni dafür ist der Masterstudiengang names "Integrated Design Engineering", der lediglich nur eine Neuflage einer Vertiefungsrichtung des Diplom-Maschinenbaustudiums ist. Nur Zu Diplom-Zeiten hieß diese Vertiefungsrichtung fürs Hauptstudium einfach "integrierte Produktentwicklung".
Aber müssen denn die deutschen Hochschule auf dieser trendy-lifestyle-Welle mitschwimmen und ihren Studiengängen irgendwelche modischen Bezeichnungen geben? Ich denke eher, dass sowas verwirrend ist, weil ein Maschinenbaustudium (was einige dieser "Design"-Studiengänge ja dann de facto sind) nicht ohne ist. Ich studiere Maschinenbau und musste schon erleben wir Kommilitonen "rausgeprüft" worden sind.
an der HCU (Uni für Bauwesen und Stadtentwicklung) ist dies ähnlich. Dort wird der MSc-Studiengang "Urban Design" angeboten und wurde leider oft misstverstanden. Einige Architekten versprachen sich davon einen gestalterischen, weniger technischen Architektur-Master auf Englisch und wurden damit leider bitter enttäuscht.
an der HCU (Uni für Bauwesen und Stadtentwicklung) ist dies ähnlich. Dort wird der MSc-Studiengang "Urban Design" angeboten und wurde leider oft misstverstanden. Einige Architekten versprachen sich davon einen gestalterischen, weniger technischen Architektur-Master auf Englisch und wurden damit leider bitter enttäuscht.
...über den Mehrwert dieser 'Aufwertung' von Studiengängen durch eingeflochtene Wörter wie 'Design' oder das 'Bio'-Präfix.
Selbstverständlich ist es clever Studiengängen/fächern Namen zu geben, die auf großes Interesse stoßen und die Studieninteressierten dazu animieren sich das Fach einmal genauer anzusehen, aber einfach einen weichgespülten Anglizismen-Titel über egal welches Studium zu stülpen wird keine Studenten anziehen - oder schlimmer: Anziehen, dann aber enttäuschen: So wie im Beispiel der Uni Freiburg:
"Ulrike Hanke hat das Entstehen und Werden des Studiums Bildungsplanung und Instructional Design mitbekommen. Sie hat Studenten erlebt, die nach zwei Wochen abgereist sind, weil sie ein Studium mit Mode erwartet hatten."
Wer also einen Studiengang mit dem Titel 'Bildungsplanung' führt und dennoch Studenten enttäuscht das Studium abbrechen, der muss sich wohl gefallen lassen, dass er nicht genug über die Anforderungen und den Lerninhalt seines Studienganges im Vorfeld aufklärt.
Aber vielleicht ist das ja auch ganz in Ordnung. Wer in der Unilandschaft unterwegs ist, weiß ja, dass für die Zuweisung der Gelder nur die immatrikulierten Studierenden am Anfang des Semesters zählen.
frische Abiturientinnen mit 'Bio' und 'Nachhaltigkeitsdesign' in ein Maschinenbaustudium zu locken, in dem sie gar nicht sein wollten, das hat schon was von Nepper, Schlepper, Bauernfänger.
Eduard Zimmermann und ich können das nicht gutheißen.
Erneuerbare-Energien-Design lässt sich nur mit den größten Komplikationen überhaupt sinnvoll abkürzen, zumal die drei Wörter offensichtlich nicht mit Buchstaben des gebräuchlichen Alphabets beginnen. Vor allem müsste man eigentlich Bindestriche schreiben. Das verursacht großes Kopfzerbrechen und weitere Kosten.
Es zeigt wieder mal wie sich das deutsche Bildungssystem krampfhaft versucht zu "internationaliseren". Wir hatten gute Diplomabschlüsse, die in jedem Land der Welt hoch angesehen warern und ersetzten sie durch Bachelor/Master- Studiegänge, die eigentlich kein Mensch will und zudem nicht im geringsten das versprechen, was man eigentlich wollte: immer und überall zu wechseln etc. Dann müsste man aber die Kultushoheit der Länder abschaffen- dann hätte man ein "einheitliches " Sudium. Diese Namenshudelei, ist der hilflose Versuch überhaupt noch junge Menschen für eine technische Ausbildung zu interessieren, weils eben "hipper" klingt mit den genannten Präfix(en). Vielleicht heißt das Abitur bald "university- entrance diploma" o.ä. Das ein Studium grundsätzlich allgemeine Voraussetzungen schafft und eine Spezialisierung erst im Beruf (meistens) ist eigentlich jedem klar, der einmal studiert hat. Es liegt in der Natur des (Bildungs-)Politikers einfache Dinge, komplex und falsch wieder zugeben, um sie dann mit noch mehr dummen und falschen Vorschlägen und Beschlüssen wieder richtig erscheinen zu lassen. Hier wird also versucht mit "minu-minus= plus" etwas hinzubiegen, deren Ursachen schon vor Jahren verbockt wurden. Oder einfacher gesagt: Es wird auf dem Rücken der Studierenden in der Bildungspolitik seit Jahren eigentlich nur noch "Scheiße" gemacht.
Entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/ag
...das Design der Seite ergab ein doppelten Kommentar....
...momentan nicht, was mich mehr entsetzt: Die Trendy-LifeStyle-Party-Bezeichnungen der Studiengänge, oder die Tatsache, dass die potentielle "Bildungselite" ein Studium beginnt, obwohl sie sich offensichtlich nicht eine Nanosekunde mit dem Inhalt befasst hat.
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