Schreibschrift-a und Druckschrift-a, jeweils groß und klein geschrieben, erkennt man alle als a. Aber erst, wenn man lesen kann. Für Leseanfänger ist das, als sähen sie vier verschiedene Zeichen. Und das gilt für fast alle Buchstaben des Alphabets. »Zu viel, verwirrend und unsinnig«, heißt es von Lehrern und Wissenschaftlern – und so entschlacken immer mehr Schulen den Zeichenwald.

Auch an der Josef-Guggenmos-Volksschule im bayerischen Irsee lernen die 13 Erstklässler seit diesem Schuljahr ausschließlich die Druckbuchstaben kennen. Lehrerin Christina Römer sagt: »Ich bin begeistert von der Idee, den Kindern nur noch eine Schrift beizubringen und diese dann zu ihrer persönlichen Handschrift weiterzuentwickeln – ohne den Umweg über die Schreibschrift.«

Die Allgäuer schließen sich damit dem Grundschulverband an, der fordert: »Schluss mit der zweiten normierten Schrift.« Der Schreibschrift.

Und das soll für alle in Deutschland gelehrten Schreibschriften gelten: für die Lateinische Ausgangsschrift mit den vielen Schnörkeln und Schleifen, genauso wie für die Vereinfachte Ausgangsschrift, die Anfang der siebziger Jahre in Westdeutschland entwickelt wurde, und ebenso für die Schulausgangsschrift, die vor allem in Ostdeutschland unterrichtet wird.

Die Schreibschrift, so das Argument, stamme aus einer Zeit, in der Lesen und Schreiben als zwei getrennte Inhalte gelehrt wurden: Lesen lernte man mit der Druckschrift, schreiben mit der Schreibschrift. Weil heute aber Lesen und Schreiben als eine Einheit gelten, beginnen Lesen und Schreiben mit Druckbuchstaben. Nun stellt der Grundschulverband die Frage: Wie sinnvoll sind zwei Schriften? Eine normierte Schreibschrift sei keine Voraussetzung für das Erlernen einer flüssigen, zusammenhängenden Handschrift. Die könne auch entwickeln, wer zunächst Druckbuchstaben schreibe – so wie sie täglich von Bildschirm und Display flimmern, auf den Plakaten prangen und Buchseiten zieren.

Ohne Schreibschrift gehe es nicht , sagen die Gegner – ebenfalls Lehrer und Wissenschaftler: Denn nur so entwickle sich eine flüssige Handschrift. Und schon ist man mittendrin in der komplizierten Diskussion um das kleine e, das kleine s, das kleine m. Jeder Buchstabe hat sein Für und Wider. Das e und das s sind von jeher in jede verbundene Schrift schwierig einzugliedern. Das m macht es leicht, zu schwingen und flüssig Buchstabe an Buchstabe zu reihen.

Um zu verstehen, wo die Probleme liegen, muss man sich anschauen, wie schreiben gelernt wird. Werner Kuhmann, Psychologe für Erziehungswissenschaften an der Uni Wuppertal, sagt: »Wer schreiben will, braucht Kenntnisse über die Sprache und muss das Sprachsymbolsystem kennen.« Anders gesagt, er muss wissen: Was bedeuten die einzelnen Laute, und wie schreibt man sie? Das Schreiben selbst sei dann lediglich ein motorischer Akt – und egal, welchen motorischen Akt im Leben man betrachte, Haarekämmen oder 100 Meter rennen, Ziel sei doch, diese Bewegung möglichst flüssig und möglichst ohne viel Aufwand hinzubekommen. Auch das Schreiben.