ZEITmagazin: Herr Thielemann, was sind Ihre frühesten musikalischen Erinnerungen?

Christian Thielemann: Ich weiß noch, dass meine Mutter oft mit mir gesungen hat, vor allem Volkslieder. Und ich habe als Kind auch allein sehr viel gesungen. Immer abends im Bett. Denn ich hatte Angst im Dunkeln, und Musik hat eine angstnehmende Wirkung. Meine Eltern wussten immer genau, wann ich eingeschlafen war, weil das Singen urplötzlich aufhörte.

ZEITmagazin: Mit fünf Jahren bekamen Sie dann Klavierunterricht...

Thielemann: ...und ich weinte in der ersten Stunde, weil es nicht auf Anhieb klappte. Meine Eltern spielten ja beide sehr gut Klavier, und irgendwie dachte ich: Wenn meine Eltern das können, muss ich das wohl auch können. Dann ging es aber ganz schnell, und ich bewegte mich in der Musik so natürlich wie ein Fisch im Wasser. Mit sieben wollte ich auch noch Geige lernen, bin aber bald auf die Bratsche umgestiegen. Schon damals faszinierte mich ein dunklerer Klang mehr.

ZEITmagazin: Sie hatten als Kind Angst vor dem Dunklen, liebten aber den dunklen Klang?

Thielemann: Ich erinnere mich noch an eine Schallplatte mit Beethovens Egmont-Ouvertüre. Dieser Anfang mit den tiefen F und die wuchtigen Akkorde, das fand ich sehr beeindruckend. Auch die Orgel begeisterte mich. Ich hatte wohl irgendwie einen Hang zum Majestätischen, Großartigen, zum dramatisch Dunklen und Dröhnenden.

ZEITmagazin: War Ihr Elternhaus eher Dur oder eher Moll für Sie?

Thielemann: Meine Eltern haben sich zwar auch mal gestritten, aber der Grundton war Dur. Es war sehr harmonisch, sehr undramatisch. Mit meiner Mutter und meinem Vater verbinde ich viel Fürsorglichkeit. Bei uns war das traditionelle Frauenbild fest verankert. Sie kümmerte sich um das Haus und die Familie. Ich empfand das als sehr angenehm.

ZEITmagazin: Umsorgt zu werden?

Thielemann: Es war mehr als das. Es war ein Sicherheitsgefühl, das ich als Kind mitbekam. Auch später noch hatte ich immer das Gefühl: Wenn alles zusammenbricht, dann gehst du nach Hause. Ich habe mich nie verlassen gefühlt.

ZEITmagazin: Neuerdings nähern Sie sich auch Gustav Mahler, dessen Musik ja oft vom existenziellen Alleinsein handelt.

Thielemann: Und genau das ist der Grund, weswegen ich mit Mahler Schwierigkeiten hatte. Das liegt in meiner unkomplizierten Kindheit begründet. Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, dass man sich an den Kindertotenliedern delektieren kann. Gegen solche destruktiven Musikerlebnisse habe ich einen tief sitzenden Groll. Ich finde, ein Stück muss zum Schluss Hoffnung machen, so wie die Fünfte von Beethoven, die dramatisch ist, dann aber sieghaft endet. Das ist für mich sehr wichtig, dass es einen guten Ausgang nimmt.

ZEITmagazin: Waren Sie als Kind oder Jugendlicher jemals unsicher?

Thielemann: Nein, erst als ich zu dirigieren anfing, wurde ich unsicherer. Komischerweise hatte ich Angst vor Orchestern. Und dass so viele Menschen mich angeguckt haben, fand ich unangenehm. Inzwischen ist mir das egal. Ich finde es sogar schön. Aber ich bin keine Rampensau. Ich kann auch sehr gut begleiten. Pianisten oder Geiger haben mir immer wieder gesagt: »Mit dir zu spielen, das ist eines der wunderbarsten Erlebnisse.« Ich kann wahnsinnig gut auf Leute hören. Das hat mit Einfühlungsvermögen zu tun.

ZEITmagazin: Haben Sie das von ihrem Elternhaus mitbekommen?