Nach der Gemeinderatssitzung braucht Robert Martin dringend ein Glas Apfelschorle. Sein Mund ist trocken, aber der flammende Vortrag hat sich gelohnt: Die Vertreter des Marktes Heiligenstadt werden den Bau weiterer Windkraftanlagen auf den Kuppen des Fränkischen Jura wohlwollend prüfen. Ein kleiner Schritt auf dem Weg zu einem großen Ziel: den Landkreis Bamberg vollständig aus regionalen und erneuerbaren Energiequellen zu versorgen.

Martin arbeitet schon lange Jahre im Landratsamt, doch die neue Aufgabe als Klimaschutzbeauftragter fordere ihn, sagt er, »mit 53 Jahren noch mal richtig heraus«. Die »Energieautarkie« soll nämlich auch noch gemeinsam mit der Stadt Bamberg erarbeitet werden, die mitten im Landkreis liegt. Die Klimaallianz Bamberg haben SPD-Bürgermeister Andreas Starke und CSU-Landrat Günther Denzler vor zwei Jahren in parteiübergreifender Harmonie geschmiedet. Schon 2035 wollen sie den Strom- und Wärmebedarf von 21.0000 Einwohnern ganz ohne fossile Nachhilfe decken – ehrgeizig.

100 Prozent erneuerbar: Bis vor wenigen Jahren galt die Idee als Träumerei. So etwas konnte sich vielleicht eine sturmumbrauste Nordseeinsel wie Pellworm vornehmen. Ein Bilderbuchnest wie Wildpoldsried im sonnigen Bayern , wo jeder jeden kennt und alle mitmachen bei Nahwärmenetzen aus der Abwärme von Blockheizkraftwerken und Austauschaktionen für verschwenderische Heizungspumpen. Oder das zugige Harz-Dorf Dardesheim , das mit einem Riesenwindpark mehr als das Vierzigfache seines Strombedarfs produziert.

Doch inspiriert von solchen Modellen, haben 100-Prozent-Projekte mittlerweile landauf, landab »gewaltig Fahrt aufgenommen«, sagt Bene Müller vom regionalen Bürgerunternehmen Solarcomplex, das im deutschen Südwesten schon das siebte Bioenergiedorf plant. Über hundert Kommunen oder Landkreise wollen aufs Ganze gehen, ambitionierter als die Bundesregierung, selbst als die bundesweite Klima-Allianz engagierter Städte. Lauter gallische Dörfer im Reich der großen Energieversorger, doch diese Widerständler sind nicht traditionsverhaftet, sondern Hightech-begeistert. Vom Aller-Leine-Tal bis zum Oberland umfasst das Territorium der wild Entschlossenen schon ein Fünftel Deutschlands.

Im Verbund mit dem Umland wagen sich auch Städte an das Thema

Darunter sind laut dem Kasseler Verband deENet zunehmend Regionen, in denen Kommunalpolitiker Energiequellen über die eigene Gemarkung hinaus mit anderen verknüpfen wollen, ähnlich wie Computer über das Internet. In solchen Verbünden mit dem energiebegünstigten Umland wagen sich dann auch größere Städte an die dezentrale Wende; urbane Pioniere wie Kaiserslautern, Ulm/Neu-Ulm oder demnächst Hannover.

Für Bamberg hat das Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik der Stadt und den Landkreisgemeinden präzise vorgerechnet, welches Potenzial für sie in Wind , Sonne oder Biomasse steckt. Bisher tragen regenerative Energien nicht mal ein Viertel zur Versorgung bei. Doch wenn die »beachtlichen« Möglichkeiten ausgeschöpft würden, schreiben die Gutachter, dann sei der rasche Umbau bis 2035 realistisch. Vorausgesetzt, dass zehn Prozent des Stroms und rund ein Drittel des Wärmebedarfs eingespart würden; Letzterer macht immerhin 70 Prozent des Endenergiebedarfs aus. »Alles wurde auf dem aktuellen Stand der Technologien berechnet, aber da wird sich in den nächsten Jahren eine Menge tun ...« Es klingt, als wolle Robert Martin sich selbst Mut machen.

Ein Solarflächenkataster für Stadt und Land soll nun konkret aufzeigen, wo man erneuerbare Energien ernten kann, ohne dass die Sichtachsen auf das malerische Dachensemble des »fränkischen Rom« verstellt werden; ein Unesco-Weltkulturerbe. Zugleich weisen die Raumplaner Standorte für 260 Windkraftanlagen zwischen Fränkischer Schweiz und Regnitztal aus.

Natürlich müssen die Bürger die Windräder erst akzeptieren, und auch deshalb ist der Klimaschützer Martin ständig unterwegs. Sein Zauberwort mit der höchsten Überzeugungskraft heißt: regionale Wertschöpfung. Den Gemeinderäten von Heiligenstadt zum Beispiel sitzt eigentlich noch der Protest einiger Anrainer in den Knochen, die vor sieben Jahren gegen die ersten vier Rotoren Sturm liefen. Doch im alten Fachwerk-Gemeindesaal horchen die Politiker auf, als Martin die Rechnung aufmacht: Jedes Jahr flössen indirekt rund 750 Millionen Euro Energiekosten aus der Bamberger Klimaallianz in Gas- und Öl-Lieferländer wie Russland oder Saudi-Arabien ab; Geld, von dem ein großer Teil in der Region ausgegeben werden könnte, wenn Strom und Wärme an Ort und Stelle produziert würden. Hinzu kämen Arbeitsplätze im Handwerk. Plus: Einnahmen aus der Windenergie, wenn die Anlagen von den Bürgern selbst betrieben würden. Plus: Gewerbesteuer. Dass Kommunen und regionale Wirtschaft beim Ausbau erneuerbarer Energien »Profiteure« seien, bestätigt das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung.