Katastrophe in JapanGeneration Fukushima

Sie sind 11 bis 13 Jahre alt und erschüttert von den Bildern aus Japan. Es ist ihre erste Begegnung mit Politik. Das wird sie prägen. von 

Als Antonia Härtel am Montag voriger Woche zur Schule kommt, ist ihr Kopf voll von Bildern, die sie noch nie gesehen hat, von Gedanken, die sie noch nie gedacht, von Ängsten, die sie noch nie durchlitten hat. Antonia sitzt auf ihrem Platz in der zweiten Reihe und starrt auf einen Mann und ein Kind mit erhobenen Händen. Der Mann trägt einen aufgeblähten weißen Schutzanzug und hält dem Kind einen Apparat hin, als wollte er es damit einschüchtern.

Ein Foto, schwarz-weiß. Mit diesem Foto wird das Grauen auch hier sichtbar, im Klassenzimmer der Klasse 7.2, Gottfried-Keller-Gymnasium, Berlin.

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"Wie fühlt ihr euch damit?", fragt der Lehrer, Herr Achterberg. Er wirkt aufgewühlt, so hat Antonia ihn noch nicht erlebt. Er redet auch nicht über Geschichte, wie sonst montags um diese Zeit, sondern über die Katastrophe in Japan, die Antonia schon das ganze Wochenende beschäftigt hat, seit am Samstag, dem 12. März, dieses Reaktorgebäude explodierte . Die ferne Katastrophe scheint für den Lehrer genauso groß und unvorstellbar zu sein, wie sie es für die Klasse ist. Achterberg hat die Folie mit dem Zeitungsfoto auf den Projektor gelegt – es zeigt diesen Mann mit einem Geigerzähler. Er prüft, ob das Kind radioaktiv verstrahlt ist.

Und jetzt will der Lehrer wissen, wie sich die Schüler fühlen.

"Unsicher", sagt ein Junge, "man hat Angst, es kommt hierher."

"Es hieß doch, die besten Kraftwerke werden in Japan gebaut."

"Man bekommt Angst um die Menschen dort."

"Man hat Angst vor dem eigenen Tod. Dass man nicht mehr existiert."

Antonia sieht mit ihren 13 Jahren noch aus wie ein Kind, sie ist kleiner als die meisten ihrer Klassenkameraden, aber wenn sie den Mund aufmacht, staunt man, wie klar sie redet, in gut geordneten, beinahe erwachsen klingenden Sätzen. Darum ist sie in der Schülervertretung, zuletzt hat sie sich um einen ramponierten Kickertisch gekümmert, aber jetzt geht es auf einmal um Atomenergie.

"Ich verstehe nicht, dass man diese Schadensenergie nicht einfach abschafft", sagt sie, das ist so ein halb kindlicher, halb reifer Antonia-Satz.

Natürlich hat sie auch Angst, sie ist angespannt. Nach dem Erdbeben, dem Tsunami und dem Reaktorunglück hat ihr Vater sie beruhigen müssen. Die Gefahr komme nicht nach Deutschland. Und als sie gemeinsam die Nachrichten guckten, schimpfte er über Angela Merkels Laufzeitverlängerung, die im letzten Herbst beschlossen wurde.

Tsunami.

Drohende Kernschmelze .

Laufzeitverlängerung .

Diese neuen Wörter dringen nun in Antonias behütete Welt ein, wirbeln sie durcheinander. Sonst wissen die Sechst- und Siebtklässler noch fast nichts über Politik, die einzigen Politiker, die sie überhaupt kennen, sind Angela Merkel, Barack Obama und vielleicht Guido Westerwelle.

In Antonias Klasse und anderen deutschen Schulen kann man einen Blick werfen auf die künftige Generation Fukushima. Und man darf staunen, dass man nicht etwa verschreckten Kindern begegnet, sondern neugierigen, die viel wissen, weil sie das Internet nutzen, abends Tagesschau und Brennpunkt gucken. Sie wissen nicht nur über die japanische Katastrophe Bescheid, sie kennen sich auch mit Energiepolitik aus.

"Man sollte aus der Atomenergie aussteigen, aber nur, wenn man nicht Atomstrom aus dem Ausland einkaufen muss."

"Die deutschen Atomkraftwerke sind viel älter und unsicherer."

"Tsunami bedeutet Welle im Hafen."

"Die Strahlung kann zu Missbildungen führen."

"Und wozu noch?", fragt der Lehrer.

"Mutationen."

Sie wissen, dass die Strahlen für Kinder besonders schädlich sind, weil sie noch wachsen. Sie lesen das Was ist was- Buch Atomenergie. Es ist in den Buchhandlungen ausverkauft, ebenso wie das Tschernobyl-Jugendbuch Die Wolke.

Leserkommentare
  1. Was sind das nur für verantwortungslose Lehrer, die den Kindern Angst einreden vor einer Katastrophe, die nicht stattgefunden hat!
    Ein Reaktorunfall, der nur lokale Auswirkungen hat, wird dazu benutzt, wieder einmal eine ganze Generation von Schülern zu indoktrinieren. Ganz besonders verwerflich ist das, weil direkt nebenan eine echte Katastrophe stattgefunden hat mit Abertausenden von Opfern. Doch dieses tausendfache Leid interessiert in Deutschland niemanden. Man nutzt lieber ein Nicht-Ereignis, um darauf sein politisches Süppchen zu kochen.

    14 Leserempfehlungen
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    Was ist daran verantwortungslos Schüler über eines der größten Ereignisse seit Jahren aufzuklären, welches auch für sie sicherlich allgegenwärtig war?
    Es ist naiv zu glauben, dass das stets kleingehaltene "Restrisiko" hier nicht auch eintreten könnte.

    Ich denke, die Kinder müssen vielmehr dringend vor solchen Verharmlosern und Wortverdrehern wie Ihnen geschützt werden, die uns allen einreden wollen, Fukushima sei nur ein lokaler Unfall zweitrangiger Art. Zudem noch mit der ungeheuerlichen Argumentation, hier würden Ängste politisch instrumentalisiert und die Leiden der Erdbeben- und Tsunami-Opfer ignoriert, weil sie sich ja nicht so gut gegen die AKWs "ausschlachten" lassen.

    Wenn die bereits eingetretenen Kernschmelzen bei 4000 Grad Celsius radioaktives Material in grossen Mengen verdampfen und mit Druck in die Atmosphäre blasen werden, wird ein Containment unmöglich werden. Dann werden auch sie noch sehen, was mit Tokyo geschieht und wieviel davon im gesamten Pazifik und auch in Kalifornien und Europa ankommt. Dagegen werden sogar die Folgen von Tschnobyl quasi harmlos erscheinen. Der radioaktive Pegel auf der gesamten Erdkugel wird nochmal stark erhöht werden. Wollen wir für die Menschen hoffen, das dies wirklich noch zumindest partiell verhindert werden kann. Aber die Hoffnung ist nicht gross.

    In dieser Lage heute schon quasi vorab Entwarnung geben zu wollen ist ignorant und arrogant. Sie selber handeln verantwortungslos, nicht die Lehrer und Kinder, die über die Bedrohung ihrer Lebensgrundlagen reden wollen.

    • cs
    • 28. März 2011 12:08 Uhr

    Entfernt wegen Doppelposting. Die Redaktion/lv

  2. Als ich die Überschrift las, dachte ich, es ginge um die Kinder in Japan. Statt dessen geht es um deutsche Wohlstandssprößlinge, deren einziges Problem Eltern sind, welche ihnen die Werke von Frau Pausewang eintrichtern.

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  3. »Ich verstehe nicht, dass man diese Schadensenergie nicht einfach abschafft«, sagt sie, das ist so ein halb kindlicher, halb reifer Antonia-Satz.

    Und was bitte ist das hier fuer ein herablassender Jörg Burger/Elisabeth Raether/Matthias Stolz-Satz? Wuerden Sie sich freuen, wenn Ihre ernst gemeinten Aussagen so in einem Zeitungartikel beschrieben wuerden? Mit 13 ist man sicher nicht mehr so "kindlich", dass man sich hier so von oben herab als naiv-aengstliches Kindchen aus "behuetetem" Hause darstellen lassen muss. (Egal, wie man vom Koerperbau her aussieht - was bitte spielt das hier fuer eine Rolle?!)

    Schade, denn ansonsten ist der Artikel sehr interessant - die beiden letzteren Beisoiele sind ausserdem deutlich besser geschrieben und vermeiden diesen elterlich-herablassenden Ton.

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  4. Hier waechst einscheinend eine Generation, fuer die allgegenwaertig frei verfuegbare Informationen so selbstverstaendlich sind, dass sie im Gegensatz zu frueheren Generationen ihren jugendlichen Wissensdurst ungehemmt stillen koennen. Mit eintrichtern hat das nichts zu tun. Die Kinder haben ja einen viel freiheren Zugang zu altenativen Meinungen.

    Vielleicht wird man sich in einigen Jahren wundern, zu was die 'geborene' Generation Internet noch faehig ist.

    4 Leserempfehlungen
  5. "Die Anti-AKW-Bewegung ist traditionell eigentlich etwas für Gebildete."
    Vermutlich, weil die 'Dummen' nur saufen und nicht die ZEIT lesen - und somit quasi ein Indoktrinationsdefizit haben.

    "Wenn Antonia mit ihrem Vater neuerdings die Tagesschau sieht, weil ihr die Kindernachrichten zu langweilig geworden sind, versteht sie die meisten Meldungen nicht: Sie kann die Parteien noch nicht auseinanderhalten. Am schlimmsten findet sie »diese großen Versammlungen«, sie meint die Bundestagssitzungen. Sie begreift nicht, worum es den Leuten geht, die sich da streiten. Debatten sind langweilig, Politik ist spannend."

    "Am Ende der Schulstunde stimmt Antonias Klasse über den Atomausstieg ab. 20 Schüler sind dafür, zwei dagegen, zwei enthalten sich. Wären Kinder im Parlament, gäbe es in Deutschland längst keine Kernkraftwerke mehr."

    Ich bin mir sicher, dass es noch einige andere Dinge nicht mehr gäbe, wenn Kinder im Parlament wären; unter anderen müssten wir dann vermutlich auf ein funktionierendes Wirtschafts- und Sozialsystem verzichten.

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  6. "Nach ...» Das Unfallrisiko ist mir zu hoch«, gaben knapp zwei Drittel an, auffallend kritisch waren auch hier die damals 13- und 14-Jährigen."
    Das liegt vielleicht ja daran, dass diesen Kindern nicht einmal die grundlegende Funktionsweise eines KKW bekannt ist, was man in dem Alter auch nicht erwarten kann; zumal ihnen nicht mal - wie oben erwähnt - die Funktionsweise einer Demokratie bekannt ist.

    "Darum ist sie in der Schülervertretung, zuletzt hat sie sich um einen ramponierten Kickertisch gekümmert, aber jetzt geht es auf einmal um Atomenergie."
    "»Ich verstehe nicht, dass man diese Schadensenergie nicht einfach abschafft«,...

    Ich bin sicher, dass jemand, der in der Lage ist, sich um einen defekten Kickertisch zu kümmern, auch in der Lage ist, sich kritisch und abschließenden mit dem Problem der Energieversorgung eines an Bodenschätzen armen Industrielandes auseinanderzusetzen!

    Sehr geehrte Redakteure,

    ganz offensichtlich reicht ihr historisches Wissen nicht weit genug zurück, um zu wissen, welche Art von Systemen sich besonders in der Instrumentalisierung von Kindern und Heranwachsenden hervorgetan haben. Bei allem Resepkt vor den Sorgen von Kindern - ich bin selber Vater -, aber dieser Artikel ist eine Art von Propaganda aus einer Zeit, für die unser Land noch deutlich besser bekannt ist als für seine aktuelle Anti-Atomkraft-Hysterie. Das ist schon nicht mehr BILD-Niveau, [...]
    Gekürzt. Bitte bleiben Sie trotz Kritik sachlich und artikelbezogen. Danke. Die Redaktion/lv

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  7. Es wird die Kinder prägen, da bin ich mir sicher.

    Ich selber war in der 10. Klasse als sich die Katastrophe von Tschernobyl ereignete. Wir waren natürlich sehr viel direkter betroffen. Salaternten mussten untergepflügt werden, Menschen mit Geigerzählern waren auf Spielplätzen unterwegs, wie sollte ich das je vergessen können? In diesem Jahr wurde ich zum politischen Menschen.
    Das schreckliche damals war, dass ich furchtbar viele Fragen hatte, die mir niemand wirklich beantwortet hat. Meine Lehrer wollten einfach nur ungestört ihren Unterricht machen und meine Eltern hatten nur die Sprüche der Atomlobby parat, dass so etwas nur bei den "Russen" passieren könne, weil deren Technik ja so unglaublich rückständig wäre (seltsamerweise waren es aber die Russen mit ihrer rückständigen Technik, die als erste im All waren und als als erstes den Mond umrundet haben und als erstes eine dauerhafte Raumstation um die Erde kreisen ließen - aber das ist ein anderes Thema ^^).

    Wie dem auch sei, ich hatte damals viele Fragen und niemand hatte Antworten für mich. Das ist der große Unterschied zu heute, die Kinder bekommen Antworten auf ihre Fragen, so wie sich das gehören sollte.
    Das ist auch deswegen gut, weil sie sich damit von den ganzen Dauerverharmlosern und den Lobbyisten der Kraftwerksbetreiber nicht indoktriniert werden können.

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  8. Ich bin zwar gewohnt, einer Kindesmeinung immer Respekt entgegen zu bringen, aber das hier ist mir jetzt zuviel. Da arbeitet man mit Gefühlen und mit keinem Wissen.

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  • Schlagworte Angela Merkel | Barack Obama | Grüne | Greenpeace | Japan | Atomenergie
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