Yukio Amano, der Generaldirektor der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) auf einer Pressekonferenz in Wien, dem Sitz der Organisation © Samuel Kubani/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Mez, die IAEA, die Internationale Atomenergie-Organisation in Wien mit ihren 2300 Mitarbeitern wird gern eine Behörde genannt. Ist sie das?

Lutz Mez: Nein. Viele Leute halten die IAEA für die oberste Atomaufsicht, für so eine Art Verfassungsgericht in Atomfragen. Das ist natürlich falsch. Die IAEA nennt sich zwar International Atomic Energy Agency, sie ist aber eine autonome wissenschaftlich-technische Organisation. Sie ist auch keine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, sondern hat mit diesen lediglich ein Abkommen, nach dem sie die UN beraten soll. Das englische "Agency" muss hier ganz wörtlich mit "Agentur" übersetzt werden.

ZEIT: Was war die Idee hinter der Gründung 1957? Auf wessen Idee geht sie zurück?

Mez: Es war die Zeit der großen Atombegeisterung. Nachdem man 1945 die militärische Seite der Kernenergie und ihre Schrecken kennengelernt hatte, wollte man jetzt ihre friedliche Nutzung forcieren: zur Stromgewinnung, in der Medizin und in anderen Bereichen, wie zum Beispiel in der Landwirtschaft – denken Sie an das Bestrahlen von Lebensmitteln zur Konservierung. Das alles zu fördern war und ist die Aufgabe der IAEA. Ursprünglich sollte sie die weltweiten Vorräte an Uran und anderem spaltbaren Material verwalten. Die Idee wird dem amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower und seiner "Atoms for Peace"-Rede von 1953 sowie der 1. Genfer Atomkonferenz von 1955 zugeschrieben. Eisenhower plante, die Agentur den UN zu unterstellen.

ZEIT: War die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags die Voraussetzung für die Mitgliedschaft?

Mez: Nein, den Atomwaffensperrvertrag gab es ja damals noch gar nicht. Er wurde erst 1968 von den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und Großbritannien unterzeichnet und trat zwei Jahre später in Kraft. Die IAEA bekam dann den Auftrag, die Einhaltung zu kontrollieren. Die Inspektionen am Ort müssen aber angemeldet werden und finden nur in Atomanlagen statt, welche die Vertragsstaaten dazu angeboten haben. Daher kann die IAEA Vertragsverstöße kaum aufdecken.

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ZEIT: Wie hat die Organisation in der Vergangenheit die Atomenergie gefördert?

Mez: Mit Geld, Know-how, politischer Beratung. Atomstrom galt ja mal als Lösung aller Menschheitsfragen. Atomic energy, too cheap to meter – "Atomstrom, zu billig, um den Verbrauch zu messen", so lautete die Parole. Und alle Welt glaubte das. Kritische Stimmen gab es in den fünfziger und sechziger Jahren nur sehr vereinzelt.

ZEIT: Woher kam und kommt das Geld?

Mez: Die IAEA hat heute über 150 Mitglieder, Mitgliedsstaaten, und diese zahlen Beiträge. Im Jahr 2009 verfügte sie über ein reguläres Budget von etwa 294 Millionen Dollar. Zusätzlich werden freiwillige Beiträge in zweistelliger Millionenhöhe gezahlt – 2008 waren es 80 Millionen. Das macht in summa fast 400 Millionen Dollar im Jahr, die bereitstehen, um weltweit die Atomenergie zu protegieren.

ZEIT: Hat die IAEA unter dem Eindruck der Unglücksfälle von Harrisburg 1979 und Tschernobyl 1986 ihre Politik modifiziert?

Mez: Wer überzeugt davon ist, dass die Atomtechnik ein Segen ist und ihre Risiken zu beherrschen sind, der ändert seine Haltung wohl kaum. Das Hauptziel der IAEA lautet nach wie vor, den Beitrag der Atomenergie zu "Frieden, Gesundheit und Wohlstand" zu befördern und zu vergrößern, nicht zuletzt in der sogenannten Dritten Welt.

ZEIT: Es heißt, die IAEA habe den Reaktortyp von Tschernobyl auch nach 1986 noch propagiert...

Mez: Na ja, Sie dürfen nicht vergessen: Bis zur Katastrophe in Tschernobyl galt der Druckröhrenreaktor bei den Ingenieuren in Ost und West als ausgesprochen robust und sicher und wurde nicht nur von der IAEA entsprechend eingestuft. Noch heute kann man eine sehr positive Expertise zum Tschernobyl-Reaktor aus dem Jahr 1980 auf der IAEA-Website finden. Aber das ist wohl mehr eine historische Reminiszenz. Ich glaube nicht, dass die IAEA diesen Meilertyp noch immer propagiert.