Man kann es machen wie die Redakteurin eines deutschen Nachrichtenmagazins. In tiefer Nacht rief sie den Philosophen Kenichi Mishima in Tokyo an, wollte mit ihm ein Telefoninterview zur Nuklearkatastrophe führen. Als Mishima sie an die Uhrzeit erinnerte, schickte sie ihm eine Mail ("ein oder zwei Zitate würden für unseren Artikel vielleicht genügen") hinterher, in der sie die folgenden denkwürdigen Fragen an ihn richtete: "Warum bleiben die Japaner in Japan? (...) Haben Sie für diese, uns sehr überraschende Tatsache eine Erklärung? Warum bleiben die Japaner ruhig und in Japan?"

Mishima, so heißt es in Japanologen-Kreisen, in denen die Anfrage des Nachrichtenmagazins kursiert, sei "gekränkt, empört, beleidigt". Und ein bisschen schämt man sich mit ob so viel frivoler Ignoranz.

Ja, warum nur bleiben die Japaner in Japan ? 127 Millionen Menschen, die müssten sich doch längst auf den Weg gemacht haben. Warum sind sie zu Hause geblieben? Als in Deutschland schon Jodtabletten und Geigerzähler gehortet wurden , als sich an den Abfertigungsschaltern von Tokyos Flughäfen die Ausländer drängten , da standen vor den Ämtern der Hauptstadt japanische Bürger Schlange, um pünktlich zum Abgabetermin am 15. März ihre Steuererklärungen einzureichen. Ein merkwürdiges Volk.

Konzentrierte sich darauf, die Toten in den Erdbebengebieten zu bergen und zu bestatten. Darauf, den Überlebenden ein Dach zu geben , sie mit Decken, mit Reis und Wasser zu versorgen. Und darauf, die havarierten Reaktoren in Fukushima an das Stromnetz anzuschließen , um so eine Kernschmelze zu verhindern. Haute einfach nicht ab.

Vielleicht ist das Merkwürdige nicht das Verhalten der Japaner, sondern unser Erstaunen über ihre Disziplin, Ordnung und Ruhe . Um noch einmal Kenichi Mishima zu Wort kommen zu lassen, der in der Frankfurter Rundschau zu bedenken gab: "Waren die meisten Bürger, die in Sachsen vor ein paar Jahren vom Hochwasser getroffen wurden, nicht ebenso diszipliniert und hilfsbereit? Damals sprachen in Japan einige Besserwisser mit Bewunderung von teutonischer Begabung für Organisation und germanischem Durchhaltevermögen. Ich hielt so etwas für töricht." Seien wir also vorsichtig mit pauschalen Urteilen über den Nationalcharakter uns fremder Völker.

Indes scheint es legitim, zu fragen, warum es den Japanern gelang, die Fassung zu bewahren und auf bewundernswerte Weise die gesellschaftliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Es gab keine Plünderungen, keine Ausschreitungen. Man vergleiche die Reaktion der Japaner mit der Lage in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina 2005, dann kann man das Maß an Zivilisiertheit ermessen, mit der sie die Katastrophe bewältigen. Anders als in New Orleans herrscht eben nicht "das verzweifelte Recht des Stärkeren", wie Uwe Schmitt in der Welt schrieb.

Seit je leben die Japaner auf schwankendem Boden. Erdbeben, Taifune, Tsunamis haben ihre Zivilisation von Beginn an begleitet . Sie wissen um die Vergänglichkeit der Dinge. Das höchste schintoistische Heiligtum, der Ise-Schrein, wird alle zwanzig Jahre abgerissen und neu errichtet. Die Japaner sind nicht so naiv, zu glauben, sie könnten die Natur mit Technik besiegen. Aber sie tun alles, um die Technik so zu vervollkommnen, dass sie die Schrecken der Natur, so weit es eben geht, zähmt.

Der Einzelne steht der Naturgewalt hilflos gegenüber, er kann nur vor ihr fliehen. Historisch mag dies der tiefste Grund sein für den ausgeprägten Gemeinsinn der Japaner, für die Einordnung in die Gruppe. Gewiss, Gemeinsinn schlägt leicht in sozialen Zwang um, in Konformismus und Kadavergehorsam. Für all dies hält die japanische Geschichte unrühmliche Beispiele bereit. Aus Ordnungsliebe wird Regelungswut, an der Hierarchiegläubigkeit verkümmert das Improvisationstalent. Kreativität, Eigenverantwortung – das, woran es den Japanern fehlen mag, wird durch Opferbereitschaft aufgewogen. Aber auch hier gilt, wir sollten vorsichtig sein, den Japanern beispiellosen Heroismus zuzuschreiben. Das Ethos des Helfens umspannt alle Kontinente. Die Amerikaner feiern die Polizisten, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Treppen des World Trade Center hinaufhasteten, bis heute als Helden.