ZEIT: Man kann es Selbstermächtigung nennen.

Foljanty-Jost: So kann nur denken, wer in der Atomenergie selbst nicht das Problem sieht, sondern in ihrer Nutzung. Ich bin gespannt, was jetzt passiert: Führt Fukushima zu der Einsicht, dass Atomenergie als solche problematisch ist oder dass die Technologie einfach noch verbessert werden muss? Ich halte Letzteres für wahrscheinlich.

ZEIT: Ist es so simpel: Hier die umweltbewussten Deutschen, dort die technikversessenen Japaner?

Foljanty-Jost: Es gab auch japanischen Widerstand gegen Kernkraftwerke, mancherorts wurde sogar eines verhindert, wie etwa in Maki im Nordosten. Anders als in Deutschland blieben widerständige Gruppen aber klein und dezentral. Kraftwerksbetreiber bauten in strukturschwachen Gebieten, wo die Anwohner auf Arbeitsplätze hofften.

ZEIT: Wie verhält sich der Mensch zur Natur?

Foljanty-Jost: Der Westen wunderte sich immer, dass ein Land mit Ikebana und einer avancierten Ästhetik so ignorant mit der Umwelt umgeht. Einen Schlüssel bietet vielleicht die Sprache. Man unterscheidet im Japanischen zwischen großer und kleiner Natur. Die große Natur ist die unbearbeitete, also Wälder, Flüsse und Berge. Sie ist nicht schützenswert per se. Schützenswert ist nur die kleine Natur, die bearbeitete und zum Kunstwerk veredelte. Esst Blumen! Züchtet Bonsais! Wenn man in den Siebzigern in Japan ans Meer fuhr, um zu baden, dann war das für Einheimische völlig exotisch. Man ging auch nicht spazieren im Wald. Wozu hatte man wunderbare Steingärten und die kunstvoll geschnittenen Bäume in den Parkanlagen! 75 Prozent des Landes sind so bergig, dass es nicht besiedelt werden kann. Japans Ressource ist der Mensch, durch ihn blüht das Land.

ZEIT: Vorige Woche sah man in der Ankunftshalle des Flughafens Osaka Leute mit Willkommensschildern, die Flüchtlingen Obdach anboten. Wie stark ist Japans Zivilgesellschaft?

Foljanty-Jost: Sie hat ihren Ausgangspunkt im Erdbeben von Kobe 1995. Da wurde klar, dass der Staat mit der Bewältigung der Katastrophe überfordert ist. Japaner aus dem ganzen Land fuhren nach Kobe, um zu helfen.

ZEIT: Wie finden Sie die deutsche Berichterstattung über Fukushima?

Foljanty-Jost: Mir fällt ein wichtiger Unterschied gegenüber Tschernobyl auf. Damals sprach man im Westen von einer Tragödie, die uns nicht ereilen könnte. Jetzt gehen wir davon aus, dass uns das auch passieren kann. Allerdings ist die Selbstverständlichkeit, mit der wir bei Fukushima von hohen Sicherheitsstandards ausgehen, fragwürdig.

ZEIT: Worauf muss ein Journalist jetzt achten?

Foljanty-Jost: Man sollte Distanz wahren und herausfinden, ob es dem Gesprächspartner guttut, dass im O-Ton über ihn berichtet wird. Das Gleiche gilt für Hilfsangebote. Es ist sinnlos, wenn das Technische Hilfswerk unvorbereitet dorthin fährt. Wo man sich nicht zu bewegen weiß, braucht man kundige Führer. Die sind aber jetzt alle im Einsatz. So werden ausländische Helfer zur Belastung.

ZEIT: Wie fremd bleiben uns die Japaner nach all den Katastrophenberichten?

Foljanty-Jost: Hinter den angeblich stoischen Gesichtern gibt es ein tiefes Leid und eine große Trauer. Diese Trauer ist etwas Menschliches. Davor verblassen alle Unterschiede.

Das Interview führte Evelyn Finger