Trauma-BewältigungJapaner trauern anders

Wer in der Katastrophe lächelt, ist gefühlskalt. Oder? Ein Gespräch mit der Soziologin Gesine Foljanty-Jost über kulturelle Unterschiede und deutsche Vorurteile. von 

DIE ZEIT: Frau Foljanty-Jost, die Deutschen behaupten jetzt, dass Japan wahnsinnig fremd und geheimnisvoll sei. Verstehen Sie dieses Land?

Gesine Foljanty-Jost: Die Fremdheit wird gern von uns konstruiert, davon lebt schließlich auch der internationale Tourismus. Ich sage meinen Studenten immer, sie sollen falsche Exotisierung vermeiden und nach Ähnlichkeiten suchen.

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ZEIT: Welches war Ihr peinlichster deutscher Fauxpas in Japan?

Foljanty-Jost: Es gibt tausend mögliche Missverständnisse, aber meist betreffen sie Alltagsdinge. Man kommt in ein japanisches Haus und muss die Schuhe ausziehen. Aber wenn man ins Badezimmer geht, muss man die Hausschuhe gegen Badezimmerschuhe wechseln, und Japaner lachen sich kaputt, wenn man damit im Wohnzimmer auftaucht.

ZEIT: Und das ist schon das Schlimmste?

Gesine Foljanty-Jost
Gesine Foljanty-Jost

ist Professorin für Japanologie in Halle. Sie lehrte unter anderem in Tokyo, Nagoya, Senshu. Zu ihren Themen gehört der Vergleich zwischen Deutschland und Japan.

Foljanty-Jost: Nein. Außer komischen sozialen Unsicherheiten gibt es auch ernste. Nehmen Sie die Höflichkeitsrituale. Man muss lernen, abzuschätzen, wie weit man sich verbeugt und wie lange. Das Schwierigste ist, die Hierarchie auch sprachlich abzubilden. Junge Japaner gehen heute sehr viel lockerer mit der Höflichkeitssprache um als zu meiner Studienzeit. Ich musste noch lernen, zwischen Oben und Unten, Männern und Frauen, Alt und Jung sprachlich zu differenzieren. Es genügt aber nicht, die korrekten Ausdrücke zu pauken, man muss die Hierarchie als Konvention akzeptieren.

ZEIT: Ist unsere Vermutung einer kulturellen Andersartigkeit zutreffend oder bloße Projektion?

Foljanty-Jost: Das Land ist mit Naturkatastrophen historisch gewachsen. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Taifune sind Alltag. Aber Japaner lachen oder weinen wie jeder Mensch. Sie gehen nur in der Öffentlichkeit verhaltener mit Gefühlen um. Wir kennen Zurückhaltung ja auch von uns selbst: Wenn die Brasilianer Fasching feiern, passiert etwas anderes als in Köln oder in der alemannischen Fastnacht. Irritierend ist für uns Deutsche, wenn Japaner bei tragischen Meldungen fast lachen, aber das ist kein Lachen, sondern eine soziale Technik.

ZEIT: Woher kommt das? Gibt es religiöse Gebote, den eigenen Schmerz nicht wichtig zu nehmen?

Foljanty-Jost: Nein. Zum anerzogenen Verhalten gehört die strikte Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Man hat ein öffentliches und ein privates Gesicht. Das öffentliche erleben wir jetzt: Es ist ruhig und wenig emotional. Es drückt eine Kerntugend aus: gammang – Geduld, Ertragenkönnen. Hierzulande ist von stoischer Ruhe die Rede, sie bedeutet aber Rücksichtnahme. Es ist eine Technik des verträglichen Miteinanders im dicht besiedelten Raum. Ruhe bewahren heißt: nicht auffallen. Nicht auffallen heißt: nicht stören, aber auch eingebettet sein in die Gemeinschaft.

ZEIT: Gefühlsausnahmezustand ist also verboten?

Foljanty-Jost: Das ist sehr scharf formuliert, aber grundsätzlich stimmt es. Wir Europäer wundern uns immer, wenn wir hören, dass Japaner genauso viel Urlaubsanspruch haben wie wir. Sie nehmen ihn aber in der Regel nicht voll in Anspruch. Warum? Weil sonst der Kollege am Arbeitsplatz mit mehr Arbeit belastet wird. Natürlich entsteht auch sozialer Druck. Man will nicht auffallen. Diejenigen, die auffallen, sind ja auch bei uns anstrengend – aufgeregte Menschen, die immer das machen, was ihnen gerade in den Sinn kommt.

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