Japan nach dem BebenWas uns jetzt bewegt

Eine Nation ist erschüttert und ringt um Fassung. Wie blicken die Japaner auf die Katastrophengebiete? Wie gehen sie mit der Angst um? Stimmen aus einem traumatisierten Land von 

Zwei Geschwister blicken auf die Überreste ihres Hauses in der japanischen Stadt Rikuzentakata.

Zwei Geschwister blicken auf die Überreste ihres Hauses in der japanischen Stadt Rikuzentakata.  |  © Jiji Press/AFP/Getty Images

Mein Trost ist der Alltag

Seit Jahren kursierte bei uns in der Region Kanto das Gerücht, dass ein großes Beben fällig sei. Als es losging, war ich auf die Katastrophe gefasst und hatte sie schon akzeptiert. Nur mit einem Atom-GAU rechnete niemand. Aber ich mache mir keine Zukunftssorgen, sondern konzentriere mich auf das Hier und Jetzt: zur Arbeit gehen, fleißig sein, essen, trinken und meinen Feierabend genießen. Das ist meine aktuelle Rolle in der Gesellschaft.

Dass ich noch selber darüber entscheiden kann, macht mich dankbar. Denn den Menschen im Katastrophengebiet wurde die Entscheidungsfreiheit geraubt. Wer religiös ist, findet jetzt vielleicht Trost bei Gott. Ich bin aber nicht religiös. Mein Trost ist der Alltag. Gestern fragte mich jemand, ob ich nach Westjapan fliehen will. Doch soll ich meine Arbeitskollegen im Stich lassen, nur weil es vielleicht gefährlich wird? Momentan halten wir unsere kleine Firma aufrecht. Wer bleiben will, soll bleiben. Wer gehen will, soll gehen. Wichtig ist, dass keiner gezwungen wird. Wenn ich abends mit dem Auto nach Hause fahre, ist die Stadt dunkler als sonst, denn die Neonlichter sind ausgeschaltet, und fast niemand ist unterwegs. Das ist der einzige Moment, in dem mir die Tränen kommen. Ich hoffe, alles wird gut.

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Kota Noguchi, 37, ist Angestellter und lebt in der Präfektur Saitama, nördlich von Tokyo

Geige spielen, alles vergessen

Heute war ich zum ersten Mal wieder in der Stadt, um einzukaufen. Im Großmarkt gab es genug Reis, aber leider kein Mehl, sodass ich kein Brot auf Vorrat backen kann. Nein, wir müssen nicht hungern, denn Fleisch und Gemüse sind ausreichend auf dem Markt. Fisch ist zwar knapp, Benzin und Öl werden rationiert, und wir müssen Strom sparen. Doch ich bin froh, dass ich lebe. Normalerweise wäre ich am Freitag des Erdbebens in Koriyama in der Nähe von Fukushima gewesen, weil ich dort eine Stelle als Dozentin für Violine habe. Momentan ist Semesterpause – zum Glück!

So war ich in Tokyo bei meiner Mutter und meiner Schwester, als unser Haus ganz merkwürdig zu schleudern begann, horizontal und vertikal gleichzeitig. Wir schauten aus dem Fenster und sahen, dass die Leute sich nicht auf den Beinen halten konnten und unser Auto wie ein Schiff schaukelte. Was tun gegen die Angst? Wir sind ja Buddhisten, aber nicht fromm. Trotzdem beten wir jetzt: Gott, hilf uns!

Am schlimmsten ist für mich die innere Zerrissenheit. Ich habe 15 Jahre im Orchester der Oper Hannover gespielt, mein Sohn wurde in Hamburg geboren und arbeitet jetzt bei Bosch in Stuttgart. Er fleht mich die ganze Zeit an, nach Deutschland zu fliehen, aber ich kann meine 88-jährige Mutter nicht zurücklassen. Sie könnte zwar fliegen, aber sie will nicht. Nein, wir haben nicht darüber gesprochen. Aber ich spüre das. Wenn ich allein wäre, würde ich sofort fliegen.

Welche Auswirkungen mag die atomare Strahlung haben? Ich erlebte damals Tschernobyl von Deutschland aus, mein Sohn war noch klein, und ich musste ihn bei Regen mit dem Auto aus der Schule holen. Wir durften weder Milch trinken noch Fleisch essen. Diesmal habe ich weniger Angst vor der Atomhavarie, weil hier meine Sprache gesprochen wird. Aber sagt das Fernsehen die Wahrheit? Die Ansprache des Tenno hat mich nicht geängstigt, denn er ist ja kein Gott. Aber als meine Freunde aus Osaka anriefen, wir sollten schleunigst zu ihnen kommen, bevor eine radioaktive Wolke uns erreiche, da habe ich vorsorglich einen Koffer gepackt und ins Auto gestellt. Meine Mutter nimmt das natürlich nicht ernst.

Heute war ich bei einer Wahrsagerin. Sie sagt, Fukushima wird sich beruhigen. Ob ich das glaube? Halb und halb. Ich bete ja auch zu Gott, obwohl ich bezweifle, dass es ihn gibt. In Hannover bin ich oft in die Kirche gegangen, nicht zum Gottesdienst, sondern einfach so. Was kann man gegen die Angst tun? Ich spiele gern Bach. Als wir jetzt keinen Strom hatten, habe ich eine Stunde im Dunkeln Geige gespielt, ganz allein im Wohnzimmer. Musik ist meine Sicherheit. Da muss ich nicht mehr grübeln, wie ich den Kollegen in Koriyama helfen kann. Ich wollte ihnen Decken und warme Kleidung schicken, aber Pakete gehen nicht raus, und so konnte ich nur Geld überweisen. Wenn ich Geige spiele, vergesse ich das, und alles wird leicht.

Reiko Sakai, 64, ist Musikprofessorin und lehrt Violine in Koriyama nahe Fukushima

Zu Fuß nach Hause

An dem schlimmen Freitag hatte ich eine Konferenz im siebten Stock meiner Uni. Weil die Erde zweimal bebte, musste ich zweimal sieben Stockwerke runterrennen. Dann war das Handynetz tot, auch Metro und Autobahn wurden gesperrt. Abends ging ich zu Fuß nach Hause und kam Samstagfrüh um fünf an. Aber ich will nicht klagen. Denn im Nordosten Japans ist die Hölle los. Nach der Havarie in Fukushima habe ich meinen deutschen Freunden gemailt: "Die Reaktoren sind noch unter Kontrolle." Dann musste ich mich korrigieren: "Sie sind nicht unter Kontrolle." Ich bete, dass wir kein Tschernobyl erleben. Die Rettungsarbeiten im AKW sind aber keine "Kamikaze-Aktion", wie deutsche Zeitungen behaupten. Die Arbeiter gehen kontrolliert vor. Schlimm, dass unser hoch technisiertes Land so verletzlich ist.

Shunsuke Murakami, 60, ist Professor für europäische Sozialphilosophie und moderne Theorien der Zivilgesellschaft Japans. Er lebt in Tokyo

Leserkommentare
  1. 1. Danke

    Endlich mal authentische Bestandsaufnahmen aus erster Hand, wo es doch so viel um die Mentalität der Japaner ging.

  2. dürfte den meisten von uns fremd sein, auch mir. Einige Stellen der Texte tun richtig weh. Die Haltung der meisten Interviewten, das (teilweise) bedingungslose Vertrauen in die Regierung oder eine derartige Loyalität zu seiner Firma erscheint mir angesichts der Meldungen, die uns täglich erreichen, wie tragische Schicksalsergebenheit.

    Mein Misstrauen und meine Selbsterhaltungstrieb sind so groß, dass ich wohl sofort mitsamt meiner Familie geflohen wäre, so weit weg wie möglich. Mich erschüttern die Aussagen dieser Menschen sehr.

  3. Ein sehr bewegender Artikel. Ich fuehle tiefes Mitleid mit den Japanern. Als glaeubiger Katholik fuehle ich mich verpflichtet fuer diese Menschen zu beten.
    Ob der einzelne aus der Region fluechtet oder ausharrt, ist eine persoenliche Entscheidung die von Aussenstehenden nicht be-(ver)rurteilt werden sollte.

    Die strenge Disziplin und Haerte dieser Menschen wird Ihnen helfen, das Land wieder aufzubauen.
    Dessen bin ich mir absolut sicher!

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  • Schlagworte Japan | AKW | Erdbeben | Katastrophe | Tsunami | Fukushima
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