Landtagswahl Baden-WürttembergMoses aus Sigmaringen
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Erst war er im katholischen Internat, dann im Kommunistischen Bund

Uschi Eid, ehemals Staatssekretärin im Entwicklungshilfeministerium, kennt Winfried Kretschmann seit vier Jahrzehnten. Die grüne Partei hat beide nicht immer gut behandelt, das hat sie zusammengeschweißt. »Er kann nicht über nichts reden, auch wenn man abends zusammensitzt und Gerlinde was Schönes gekocht hat; es geht immer um Politik, um seine Politik. Aber ich schätze den Ernst, mit dem er das alles betreibt. Wenn man mit ihm wandern geht«, grinst sie, »dann ist er ganz bei sich, dann pflückt er hier und zupft da und hält Ausschau nach invasive plants – nach Pflanzen, die eingeschleppt wurden und sich auf Kosten der einheimischen Vielfalt ausbreiten, wie Alpenampfer oder Indisches Springkraut. Wenn er welche entdeckt, ist er nicht mehr zu bremsen. Er reißt sie aus.«

Anfang der siebziger Jahre unternahm Winfried Kretschmann an der kleinen, ländlich geprägten Universität Hohenheim, wo er Biologie und Chemie studierte, einen kurzen Ausflug in den Linksdogmatismus. Er wurde Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW). Auf den ersten Blick wirkt diese Episode seines Lebens heute wie geträumt. In der Familiengeschichte war sie jedenfalls nicht angelegt. Kretschmanns Eltern waren Vertriebene aus dem Ermland, die mit ihrem Volkskatholizismus inmitten des ostpreußischen Protestantismus eine Diaspora-Erfahrung machten. »Den ganzen Reichtum des Kirchenjahres« habe er zu Hause genießen können. Am Palmsonntag Palmen binden, fasten, Feste feiern.

Finster waren seine Jahre auf einem katholischen Internat. Er gerät ins Stocken, wenn er über diese Zeit spricht. Selbstverständlich hätten die Priester ihre Zöglinge misshandelt (»alles, worüber heute am Runden Tisch geredet wird«). Ein Zimmerkamerad hat einmal mit einem Plastikeimer gekickt und wurde dafür vom Präfekten blutig geprügelt. Für jede falsche Endung in der lateinischen Konjugation gab es eine Kopfnuss. Es war selbstverständlich, den Jugendlichen mit dem Fegefeuer und der Hölle zu drohen.

Mit 16 kehrte Kretschmann der Klosterschule den Rücken, zeitweilig trat er sogar aus der Kirche aus. Heute ist er Mitglied im Diözesanrat. Die Jahre im Internat haben einen tief sitzenden Antiautoritarismus hinterlassen – auch das trieb Kretschmann zu den Grünen. Und diese Erfahrung ist es auch, die ihn von vielen Konservativen im tiefsten Inneren unterscheidet: eine Abscheu vor Herrschaftsformen, die auf Angstmache und Gewalt gründen.

Der KBW passte zu Kretschmann, meint Uschi Eid, »das war so eine Art intellektuelle Elite unter den K-Gruppen«. Man habe alles theoretisch durchdringen wollen, seriöser sein wollen als die Konkurrenz der Trotzkisten, der DKP oder der Spontis. »Da herrschte ein gewisser heiliger Ernst«, meint auch Gerd Koenen, der selbst dabei war und ein Buch über diese Zeit geschrieben hat. »Wir waren keine lustige Truppe. Wir lasen Das Kapital rauf und runter. Bei den Trotzkisten gaben sie sich französisch, bei den Spontis italienisch – beim KBW sprach man Dialekt. Wir volkstümelten. Wir waren geradezu hingebungsvoll. Das Leninistische, das kam erst später – da war Winfried Kretschmann längst nicht mehr dabei.« Wie ist er da rausgekommen? »Sie merken die totalitären Züge«, sagt Kretschmann knapp. »Ich stand einmal ganz allein gegen den gesammelten Unmut der Versammlung. Das war keine schöne Situation.« Vor dem ganz großen Irrsinn haben Kretschmann womöglich schlichte Dinge bewahrt. Er hat früh geheiratet, seine Frau war während des Studiums schwanger geworden. Er hat Naturwissenschaften studiert, später auch Ethik, und ist Gymnasiallehrer geworden, bevor er in die Politik ging. Familie und Beruf – das vertrug sich nicht mit dem Kaderleben.

Seinen intellektuellen Fixstern bildeten nach dem Abschied vom KBW zwei jüdische Philosophinnen: Hannah Arendt und Jeanne Hersch. Beide vertraten einen emphatischen Begriff des politischen Lebens, die Wertschätzung republikanischer Institutionen, »Staatsliebe« geradezu, mit starken Abneigungen gegen alle Formen des Radikalismus, auch auf der Linken. Die Folge: Kretschmann ist es, der einer Partei mit vielen antistaatlichen Impulsen die Wertschätzung demokratischer Institutionen nahegebracht hat.

Leserkommentare
  1. ...daß ihn eines der Kernthemen der Grünen an die "Macht spült", wie die etwas laue Ausdrucksweise der Autorin? suggeriert - er hat doch das Atomkraftwerk in Fukushima nicht in die Luft gejagt. Längst war der Ausstieg mit einem sinnvollen Vertrag beschlossen - Schwarz-Gelb hat dem Druck der Atomlobby nachgegeben, um denen 120 Zusatzmilliarden zu verschaffen, generiert mit alten Schrottmeilern. Das Risiko für die Bevölkerung war Mappus et.al. völlig egal.

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    Und Stefan Mappus treibt es im Wahlkampf immer drolliger - nachdem Rainer Brüderle ungewollt die Wahrheit ausgeplaudert hat, hat auch Mappus gerade eine erneute 180-Grad-Wende vollführt: auf einem Mal ist er wieder für die Kernkraft, allein BETRIEBSWIRTSCHAFTLICHE Gründe sollen entscheiden, ob ein KKW vom Netz geht - oder eben nicht:

    "Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) gibt dem Atomreaktor Philippsburg 1 Chancen, nach der dreimonatigen Auszeit wieder ans Netz zu gehen. "Ich schätze Philippsburg 1 rentabler ein als Neckarwestheim 1", sagte der Politiker der Financial Times Deutschland. Beurteilen müsse dies jedoch am Ende der Betreiber EnBW.
    Mit den Äußerungen kurz vor der Landtagswahl an diesem Sonntag will Mappus offenbar Atomkraftbefürworter beruhigen."

    Quelle: http://www.ftd.de/politik...

    Dazu fällt einem absolut nichts mehr ein...

  2. Als gebürtiger, im Exil lebender Schwabe würde ich es sehr begrüßen, wenn Herr Kretschmann Ministerpräsident würde. Dann könnte man endlich einmal wieder erhobenen Hauptes über die Politik im Ländle sprechen. 60 Jahre schwarzer Filz sind wirklich genug. Es ist dringend Zeit für einen Wandel, denn wer sich nicht verändert, bleibt nicht der selbe.

  3. Ich sehe nicht, inwiefern sich konversative Werte nicht mit dem Wahlkampfprogramm der Grünen vereinbaren lassen (wenn wir mal das ganze Christliche weglassen). Im Gegenteil, in den letzten Jahren hat sich die Partei als bürgerliche etabliert - was auch in den eigenen Reihen teils stark kritisiert wird. Was viele Bürger m.E. anspricht, ist gerade diese vernünftige Mitte, die abwägt, was sie entscheidet. Weder hängt man den Lobbyisten an der Kette, noch möchte man einen auf großer Revoluzzer machen.

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    • _bla_
    • 25. März 2011 12:31 Uhr

    "Ich sehe nicht, inwiefern sich konversative Werte nicht mit dem Wahlkampfprogramm der Grünen vereinbaren lassen (wenn wir mal das ganze Christliche weglassen)."

    Auch mit dem Christlichen gibt es keine Probleme. Die Grünen sind keine dediziert christliche Partei, aber vertreten eben auch keine antichristlichen oder antireligiösen Wertvorstellungen.

    • formal
    • 25. März 2011 12:54 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke. Die Redaktion/wg

  4. Was kann Kretschmann jetzt für den Gau in Japan? Und könnte man nicht auch sagen:
    "Kann es sein, dass ein engagierter Lobbyist und Atomkraftliebhaber wie Stefan Mappus kein Problem damit hätte, trotz einer atomaren Katastrophe an die Macht gewählt(!) zu werden?"
    Das Problem ist doch dass der gemeine Wähler erst dann ernsthaft ins Grübeln kommt wenn das Atomkraftwerk am dampfen ist. Und was sollen die Grünen statt dessen machen? Sich dem Moratorium anschließen? Ihre Einstellung zur Atomkraft überdenken?
    Und warum darf ein Grüner nicht "konservativ" sein? Immerhin ist er das nicht erst seit Fukushima. Ganz im Gegensatz zu Mappus neuer "grüner" Haltung.
    Oder muss man als Christ die CDU wählen, alternativlos?
    Ich werde die Grünen wählen. Dabei denke ich aber auch an unseren Baden-Berlusconi, Stefan Mappus. Als EnBW Chef würde er mehr verdienen und auch dem gemeinen Wahlvolk keine Rechenschaft ablegen müssen. Und dank seinem Spätzle-Deal arbeitet er dann ja trotzdem fürs Ländle.
    Und ich schließe mit dem folgendem Zitat: "Ich bin nicht mehr bereit, die Eskapaden des Ministerpräsidenten zu akzeptieren"..."Politik ist ein Mannschaftsspiel, und wer Individualsport bevorzugt, der muss sich ein anderes Tätigkeitsfeld suchen"

    Tschüssle Mappus

  5. Und Stefan Mappus treibt es im Wahlkampf immer drolliger - nachdem Rainer Brüderle ungewollt die Wahrheit ausgeplaudert hat, hat auch Mappus gerade eine erneute 180-Grad-Wende vollführt: auf einem Mal ist er wieder für die Kernkraft, allein BETRIEBSWIRTSCHAFTLICHE Gründe sollen entscheiden, ob ein KKW vom Netz geht - oder eben nicht:

    "Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) gibt dem Atomreaktor Philippsburg 1 Chancen, nach der dreimonatigen Auszeit wieder ans Netz zu gehen. "Ich schätze Philippsburg 1 rentabler ein als Neckarwestheim 1", sagte der Politiker der Financial Times Deutschland. Beurteilen müsse dies jedoch am Ende der Betreiber EnBW.
    Mit den Äußerungen kurz vor der Landtagswahl an diesem Sonntag will Mappus offenbar Atomkraftbefürworter beruhigen."

    Quelle: http://www.ftd.de/politik...

    Dazu fällt einem absolut nichts mehr ein...

    • _bla_
    • 25. März 2011 12:31 Uhr

    "Ich sehe nicht, inwiefern sich konversative Werte nicht mit dem Wahlkampfprogramm der Grünen vereinbaren lassen (wenn wir mal das ganze Christliche weglassen)."

    Auch mit dem Christlichen gibt es keine Probleme. Die Grünen sind keine dediziert christliche Partei, aber vertreten eben auch keine antichristlichen oder antireligiösen Wertvorstellungen.

    • formal
    • 25. März 2011 12:38 Uhr

    BW hat die niedrigste Jugendarbeitslosigkeitsrate Europas,(trotz extrem hohen Migrantenanteils) und die niedrigste Kriminalitätsrate Deutschlands, die besten Bildungsabschlüsse, die beste Finanzlage usw..
    die CDU im Ländle muss also sehr viel richtig gemacht haben.
    ein Blick zu den links-grünen Ländern Berlin, Bremen, NRW zeigt, welche chaotischen Zustände BW bisher erspart geblieben sind.
    Und Atom?
    Da hat Merkel in einer Woche mehr zustande gekriegt als rot/grün in 30 Jahren. Raus wollen alle Parteien. Merkel mit Sinn und Verstand, während rot/grün ohne praktikables Ausstiegskonzept ist und nur wie wild Hysterie schürt, damit der Wähler nicht mehr nachdenkt.

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    An den in der Tat zufriedenstellenden Wirtschaftsdaten hat die CDU kaum einen Anteil. Das ist allein der Verdienst der Bürger sowie Weltmarktführer wie Mercedes Benz, Bosch, Porsche etc. Was Herr Mappus selbst von Wirtschaft versteht, zeigt hingegen der EnBW-Deal: Gar nichts.

    Berlin? Wurde von der CDU trotz unfassbar hoher Subventionen aus Westdeutschland (für West-Berlin) finanziell fast ruiniert. Unter rot-rot fand eine schwer zu leugnende Haushaltskonsolidierung statt. NRW? Wurde von CDU-Rüttgers finanziell runinert, die rot-grüne Regierung hat die Altlasten nun geerbt.

    Merkel hat gar nichts zustande gebracht. Erst hat sie den Atomausstieg wider jegliche Vernunft zurückgenommen (Atomdeal). Dann hat sie, mit Blick auf die Wahlen, eine 180 Grad-Wendung vollzogen - die aber, laut Herrn Brüderle, nach den Wahlen schleunigst wieder zurückgenommen wird.

    Mangelhaft in allen Punkten, Ihr versuchtes Drohszenario. Kaum ein Mensch aus Baden und Württemberg wird so blöd sein, darauf hereinzufallen.

    Mag sein, dass sie CDU früher alles Richtig gemacht hat, Mappus und seine momentanen Gehilfen tun dies aber nicht mehr.

    Wer sagt:
    "noch mal nachdenken, bevor man das Ländle an rot/grün übergibt"
    könnte auch Meinen:
    - der schwarz-gelbe Eigentumsvorbehalt ist vorzuziehen.

    Ihre Dialektik ist schon beeindruckend.

    ...dass es dem Schwabenland wegen seiner fleißigen, intelligenten Bürger gutgeht - trotz Mappus und Öttinger. Und es anderen Ländern schlechtgeht nicht wegen seiner (roten oder grünen) Politiker - sondern wegen des Strukturwandels der Küsten-und Montanregionen. Und was jetzt die chaotische Atom-vor-und zurück-Politik der Schwarz-Gelben betrifft: Reinste Wahlkampfshow, wie Brüderle selbst öffentlich zugegeben hat.

  6. ... in dieses Land - wie auch die Grünen. Die Grünen zumindest in BW sind nicht, wie Frau Merkel gerne behautet, die Dagegen-Partei. Sie sind viel mehr die "Nichts-Ändern-Partei", die Partei der Bestandswahrer und zwar durchaus im positiven Sinne.

    Ob man damit die Zukunftsfragen einer Industrie-Region beantworten kann, wird sich zeigen müssen. Auf jeden Fall haben sie für die Gegenwart zahlreiche Argumente auf ihrer Seite.

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