Physik ist etwas Wunderbares. Sie erlaubt es, Atomkraftwerke zu entwerfen, in denen eine Kernschmelze ausgeschlossen bleibt. Als zweitbeste Lösung bietet die Wissenschaft Ideen an, herkömmliche Reaktoren unfallsicher einzukapseln. Verführerisch, sich von diesem Möglichkeitssinn beflügeln und weit davontragen zu lassen.

Einige von uns Wissenschaftsjournalisten haben der Atomindustrie jahrelang vorgehalten, diese Möglichkeiten nicht auszuschöpfen. Das war informierte Kritik, und mehr noch, sie war konstruktiv. Wir riefen der Industrie zu: »Macht doch bitte alles richtig!«

Und die Lobbyisten nickten. Ja, die neuen Reaktorkonzepte sind interessant, da haben Sie recht. Schön, dass Sie etwas von der Sache verstehen. Prima übrigens, dass Sie für Kernkraft sind. Und: Nein, wir werden nichts ändern.

Katastrophensichere AKWs bleiben möglich. Physikalisch gesehen. Aber sie werden wohl für immer nur eine Möglichkeit bleiben. Denn Physik ist nicht Technik. Abstrakt ist nicht konkret.

Physik ist eine mathematische Beschreibung von relativ einfachen Vorgängen. Auf einige dieser Beschreibungen dürfen wir uns hundertprozentig verlassen, immer und überall (in den Grenzen der für uns relevanten Welt, um genau zu bleiben). Technik hingegen ist verwickelt und historisch. Nicht Geräte und Gestelle, nicht Pumpen und Programmzeilen, Chips und Containments (Sicherheitsbehälter) machen die Technik aus, sondern sie ist ein heterogenes Ganzes, zusammengesetzt aus Pumpen, Programmzeilen, Chips, Containments, Vorschriften, Geschäftsplänen, Hierarchien, aus klugen und dummen Menschen, aus Vorsicht, Leichtsinn, Mut und Feigheit. Die Betreiber des Atomkomplexes Fukushima zum Beispiel waren gewarnt: vor Tsunamis der Größenordnung vom 11. März ebenso wie vor den Gefahren der Langzeitlagerung von Brennstoff oberhalb schwacher Containments. Sie haben alle Warnungen in den Wind geschlagen.

Sind Gesellschaften, wie wir sie kennen, überhaupt imstande, mit Kerntechnik richtig umzugehen? Wenn »richtig« heißt, dass große Schäden und große Angst ausgeschlossen sind, dann ist diese Frage von der Geschichte zweimal verneint worden, erst in einer sozialistischen Diktatur (Tschernobyl) und dann in einer kapitalistischen Demokratie (Fukushima). Offenbar sind weder Staat noch Kapital gefeit gegen die Versuchung, Sicherheit gegen Gewinn zu tauschen, und es ist keine Welt in Sicht, in der das anders sein könnte.

Also Ausstieg. Allerdings gibt es einen beunruhigenden Umstand: Seit dem Unglück steigen die Aktien des Geschäfts mit Kohle, Öl und Gas. Dieses Geschäft fordert mehr Unfallopfer pro Gigawattjahr als die Atomenergie, trotz Tschernobyl. Sogar wohl dann, wenn es in Fukushima zum Schlimmsten kommen sollte. Rechnen wir die verlorenen Lebensjahre durch Luftverschmutzung hinzu, dann fällt die Behauptung in sich zusammen, Atomkraft sei die gefährlichste Energietechnik. Und das, obwohl vom Klimarisiko noch nicht die Rede war. Das Atomrisiko realisiert sich jedoch in anderer Weise als das Geschehen in Gruben und Kohlerevieren, auf Gasfeldern und Ölplattformen. Unsichtbar, unentrinnbar, ruft die Radioaktivität einen Archetypus wach: den Fluch. Nüchterne Berechnungen sind gegen die Macht dieses Angstmotivs hilflos. Es ist so stark, dass es abenteuerlichste Behauptungen deckt; in der deutschen Presse war zum Beispiel zu lesen, in Fukushima stünde »die nackte Existenz von Millionen« auf dem Spiel.