Anti-Atom-Protest in Berlin am vergangenen Sonntag © Carsten Koall/Getty Images

Seitdem die Geschichte vom sicheren Atomstrom endgültig widerlegt ist, fallen bei den Ökoanbietern jede Menge Überstunden an: "Wir hatten in so kurzer Zeit noch nie einen solchen Ansturm," sagt Robert Werner. Er ist Direktor des alternativen Stromanbieters Greenpeace Energy eG, eines Pioniers in diesem Geschäft. Auch seine Konkurrenten wie Lichtblick oder EWS Schönau berichten über massenhaft neue Kunden.

Es geht ein Ruck durch die deutschen Verbraucher: Nach jahrelangem Zögern wollen plötzlich immer mehr Menschen grünen Strom.

Doch wer Atomenergie meiden und Gutes fürs Klima tun will, dem stellt sich unweigerlich die Frage: Wie grün ist der sogenannte Ökostrom eigentlich? Und wie kann es sein, dass die umweltschonende Energie offenbar so reichlich vorhanden ist? Oft gibt es die grüne Variante sogar beim herkömmlichen Stromversorger , der hauptsächlich Kohle verfeuert oder sogar Atomkraftwerke betreibt. Wird bei der Umstellung auf sauberen Strom etwa getrickst und getäuscht?

In der Tat gibt es auf dem Markt Grenzfälle und Graubereiche. Denn eine gesetzliche Definition, was genau unter Ökostrom zu verstehen ist, existiert bis heute nicht. Längst nicht alle Angebote sind deshalb so grün, wie sie scheinen. Gütesiegel helfen zwar dabei, sich einen Überblick zu verschaffen und Mogelpackungen auszuschließen. Allerdings steckt hinter jedem Label ein anderer Standard.

Dem Strom selbst ist nichts anzumerken. Er gibt keinerlei Hinweis, aus welcher Quelle er stammt. Nur ein Blick in die Bücher legt die Lieferbeziehungen eines Stromversorgers offen. Eine solche Kontrolle ist vom Gesetzgeber aber nicht vorgesehen. Anders als bei Lebensmitteln, bei denen Öko drinstecken muss, wenn Öko draufsteht, kann dieser Begriff im Stromgeschäft ungeschützt vermarktet werden.

Schwierig macht die Sache vor allem eines: Selbst wenn alles mit rechten Dingen zugeht, ändert sich nach einem Wechsel zu einem Ökotarif – rein technisch und physikalisch – gar nichts. Wind- oder Wasserkraftwerk haben keine direkten Leitungen zum Kunden. Deshalb fließt der gleiche Strom wie zuvor. Dennoch zeigt die Entscheidung für eine Ökovariante durchaus Wirkung: Die Stromversorgung wird insgesamt umweltfreundlicher. Jedenfalls dann, wenn es sich um einen unabhängigen und echten Ökostromanbieter handelt.

Wie geht das? Experten erklären das Prinzip gern mit dem Bild eines riesigen Sees, der sich aus verschiedenen Quellen speist. Je mehr klares Wasser hineinfließt, desto sauberer wird er. Und je mehr Kunden Ökostrom ordern, umso mehr speisen Sonne , Wind , Biomasse oder Wasserkraft den riesigen Pool, umso grüner wird das gesamte Aufkommen. Inzwischen tragen erneuerbare Energien in Deutschland rund 17 Prozent zur Stromerzeugung bei. So weit das Grundsätzliche.

Im Speziellen ist es aber nicht gerade einfach, das richtige Unternehmen zu finden. Die Szene der Ökoanbieter ist bunt bis schillernd. Fast 300 Anbieter hat Ralf Köpke vom Fachinformationsdienst Energie & Management geortet und nach ihren Angeboten befragt.

Zur Riege der Ökostromer gehören in erster Linie die Pioniere der Branche: das Hamburger Unternehmen Lichtblick oder die Firma EWS Schönau, die aus einer Bürgerinitiative gegen Atomkraft entstand und als Stromrebell bekannt wurde. Ebenso zählt naturstrom dazu, eine Aktiengesellschaft, die allerdings nicht an der Börse notiert ist. Auch Greenpeace Energy ist als Ableger der Hamburger Umweltaktivisten bereits seit 1999 dabei.