Der Krieg in Libyen verstellt den Blick auf den friedlichen "arabischen Frühling". Angesichts der Horrormeldungen aus Gadhafi-Land muss man den Tunesiern und Ägyptern abermals gratulieren. Denn nur in diesen beiden Ländern sind die Despoten (fast) ohne Blutvergießen abgetreten .

Geschossen wird dagegen in Bahrain, Syrien, Jemen. Anderswo – in Marokko – stehen die Sicherheitskräfte Gewehr bei Fuß. I n Bahrain haben die Saudis und die Emirate mit 2000 Soldaten eingegriffen , um das Regime zu verteidigen. In Jemen hat Präsident Saleh gerade den Abgang angeboten . Also ein halber Sieg für das Volk? Diese Revolte kann sich als Klassiker arabischer Machtpolitik entpuppen, wo hinter dem Volksaufstand der Putsch lauert.

Denn der eine Teil der Armee steht gegen den anderen, und einer der Befehlshaber, General al-Ahmar, hat sich gerade auf die Seite der Demonstranten geschlagen. Reiner Zufall ist der Sinneswandel nicht, ist der General doch ein alter Rivale des strauchelnden Präsidenten – und kein Liberaler, sondern Salafist, also ein islamischer Hardliner.

Umso ermutigender sind die Aussichten in Ägypten. Dort hat eine Dreiviertelmehrheit am Wochenende f ür die Übergangsverfassung gestimmt – in der ersten freien Wahl überhaupt. Warum waren die Jungen, die Städter und Säkularen dagegen? Warum schreibt Hani Shukrallah, ein Aktivist einer neuen liberalen Partei in Ahram Online: "Das ist sehr, sehr enttäuschend"?

Weil dieses Übergangsgesetz zwar manche Machtmechanismen des alten Regimes aushebelt, aber zugleich einen Fahrplan aufstellt – mit Parlamentswahlen schon im September –, der den neuen Parteien kaum Zeit lässt, sich zu organisieren. "Vom Ja", erklärt ein anderer Reformer, "profitiert allein die Muslimbruderschaft." Denn sie ist neben dem Militär die einzig effektive organisierte Kraft im Lande. Auch die Armee schätzt die Dreiviertelmehrheit, verkündet sie doch, dass die Protestbewegung nunmehr isoliert sei.

In Tunesien hat eine sanfte Revolution eine gemäßigte Diktatur gestürzt – fast wie in Osteuropa. Auch hier ein Überfluss an neuen Parteien, aber ein Defizit an den anderen Fundamenten der Demokratie. "Wir könnten unsere Freiheit verlieren, weil wir besoffen von ihr sind", befürchtet Yadh Ben Achour, der die "Oberkommission für politische Reform" leitet. Er warnt vor "Anarchie". Die Demonstrationen halten an, die Polizei hat sich praktisch aufgelöst, die korrupte Justiz bleibt, der Regierungsapparat in der Provinz verkommt.