RadioheadDie Band der Stunde

Schöner kann Gesellschaftskritik nicht klingen: Radiohead und ihr neues Album "The King Of Limbs". von Arno Frank

Es heißt, wer über einen Menschen etwas erfahren möchte, der sollte ihm beim Tanzen zuschauen. Wer verstehen will, was es mit der Band Radiohead auf sich hat, der müsste demnach nur Thom Yorke dabei zusehen, wie er im Video zur Single Lotus Flower seinen Körper bewegt. In schwarz-weißen Bildern zappelt der Sänger wie eine Marionette in Trance an den unsichtbaren Fäden eines erratischen Beats. Sehr verletzlich wirkt er dabei und auch ein wenig lächerlich. Am Ende freilich hat sich das Rätsel nicht gelüftet. Es bleibt bloß der Eindruck einer irritierenden Schönheit. Radiohead stellen nicht nur die schönsten Rätsel der Popgeschichte – sie sind selbst eines.

Daran werden auch die 38 Minuten von The King Of Limbs nichts ändern. Sein achtes Studioalbum veröffentlichte das Quintett aus Oxford kürzlich überfallartig im Netz, nun erscheint es als Doppel-Vinyl und CD. Die erfreuliche Tatsache, dass, bis auf die Tonträger selbst, alles daran vollständig biologisch abbaubar ist, wirft aber bloß neue Fragen auf: Woher rührt dieses gut ausgestellte reine Gewissen? Warum stößt es nicht ab? Womit kann eine Gruppe, die so weit abseits ausgetretener Pfade weidet, nachhaltig ein Mainstream-Publikum fesseln? Und woraus speist sich ihre komplette Autarkie?

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Der Schlüssel zur Lösung des Rätsels ist 14 Jahre alt und heißt: OK Computer. Schon zu Zeiten, als dieses Opus magnum erschien, hatten sich Radiohead, benannt nach einem Song der Talking Heads, mit dem Hit Creep und zwei stürmischen Indierock-Alben einen gewissen Status im sogenannten Britpop erspielt. OK Computer aber war ein Ereignis, ein bedrückendes, ausuferndes, größenwahnsinniges Konzeptalbum über die Entfremdung und Vereinsamung des Menschen in der modernen Zivilisation, realisiert bereits mit ersten elektronischen Elementen und den vollendet ausgereizten Mitteln des Rock. Nicht wenige Hoffnungen sind so gepflegt ihrem Karriereende entgegengeschippert. Die fünf Kunststudiumsabbrecher waren klug genug, das Fahrwasser des großen Erfolgs hinter sich zu lassen.

Es ist ihre Fähigkeit zu radikalen Kurswechseln, der die Band ihre andauernde Faszination verdankt. Yorke und seine Mitstreiter kehrten dem Rock als solchem den Rücken. Kid A markierte im Jahr 2000 einen kompletten Schwenk hin zur obskuren elektronischen Tanzmusik. Ästhetisch entkam die Band damit dem Dilemma früher Vollendung, strategisch schufen sie die Basis eines neuen Erfolgs. Sie verzichtete darauf, von den Zinsen ihres kulturellen Kapitals zu leben, und reinvestierte ihr kreatives Vermögen in eines der seltensten Güter des Pop – in Glaubwürdigkeit. Von einer so integren Band lassen sich selbst orthodoxe Rockfreunde gerne in die rockfernen Welten der Elektronik entführen. Was sie anspricht, ist ein Grad künstlerischer Selbstbestimmung, der ansonsten Mangelware geworden ist in den formatierten Gefilden des Pop.

The King Of Limbs ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, was man mit einer solchen Freiheit alles anfangen kann. Im Zentrum steht die Rhythmusgruppe um den Schlagzeuger Philip Selway. Alles holpert, stolpert, prasselt und schabt, Anleihen beim kalifornischen Klangbastler Flying Lotus sind erkennbar, es kann aber auch zu Exkursionen in maghrebinische Gefilde kommen oder in die kühleren Soundwelten des Jazz.

Songs rollen wie eine akustische Täuschung vorüber. Es gibt Bässe, die Schleifen und Schlieren ziehen, was einen in Gegenden unterhalb der Hörgrenze treibt. Piano, akustische Gitarre, neutönende Streicher und sogar Bläsersätze kommen zum Einsatz, oft bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Auch Thom Yorkes Stimme als einzig verbliebenes menschliches Element wird fragmentiert; in Silben zerhackt, schwebt sie geisterhaft durch die Arrangements.

The King Of Limbs ist weniger eine Galerie von Vitrinen, in denen einzelne Songs ausgestellt werden, als vielmehr ein monochromatischer Songzyklus, bei dem jeder Track den vorherigen nachschwingen lässt und den folgenden präfiguriert. Dass das Werk bei aller Dichte erstaunlich luftig wirkt, ist kein Widerspruch: Diese Musik schert sich nicht um die Erwartungen ihrer Hörer oder die Forderungen des Marktes, sie ist Kunst um ihrer selbst willen. Dafür sprechen zuletzt auch die Texte, in denen es von naturromantischen Topoi nur so wimmelt. Als wär’s entspannter Folk, geht es hier um Vögel, Früchte, Fische, Wasser, Blumen. Der Albumtitel ist eine Anspielung auf eine berühmte englische Eiche.

Von der Weltmüdigkeit früherer Platten ist kaum mehr etwas zu spüren. The King Of Limbs zielt auf Erlösung im Detail und im Idyll. In der sphärischen Ballade Codex ist alles Rhythmische plötzlich nur noch ruhiger Puls, und Yorke besingt ironiefrei einen bukolischen Tag am See: »Jump off the end / Into a clear lake / No one around / Just dragonflies / Flying to the side / No one gets hurt / You’re doing nothing wrong«. Bei Radiohead geht es darum, das Richtige zu tun, in den kleinsten musikalischen oder lyrischen Details ihrer Musik. Dass dies aufs Große und Ganze zurückstrahlen möge, ist dabei immer schon mitgedacht.

So bizarr, abseitig und manchmal irritierend es wirkt – sind Radiohead die Band, die uns heute gefehlt hat. Auf ihren Tourneen bespielen sie nur Hallen, die mit Ökostrom betrieben werden. Es gibt keine Lastwagenflotte, weil das Equipment vor Ort gebucht wird, und sogar auf energiefressende Laser wurde zugunsten sparsamer LED-Tableaus verzichtet. Von der musikproduzierenden Industrie haben sich Radiohead längst abgewendet – und eine Manufaktur eröffnet, die auf eigenes Risiko künstlerischen Sinn produziert. Was hier erzeugt wird, könnte die Verhältnisse wirklich zum Tanzen bringen.

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    • Schlagworte Thom Yorke | Lotus | Band | Pop | Rätsel | Tonträger
    • Der Autor Diedrich Diederichsen

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