Mainz. Einen waschechten Neoliberalen sollen sie in Rheinland-Pfalz haben, »so ’n Zahnarzt von der FDP«, wie ein Sozialdemokrat gehört haben will. Wirklich Schrecken verbreitet er nicht. Zwischen Ahrweiler und Zweibrücken ging es immer schon sozialer zu als anderswo. Die Wahlversprechen von Ministerpräsident Beck, mehr Lehrer, kleine Klassen, freier Schülertransport, sagen den Leuten: Da geht noch was, da ist ordentlich was in der Tasche. Noch kleinere Klassen verspricht nur die CDU.

Rheinland Pfalz, war das nicht mal die echte, die mittigste Mitte Westdeutschlands? Der Wein zu süß, zu sämig das ZDF-Programm vom Lerchenberg bei Mainz, aber irgendwie ein ehrliches Land. Nicht wirklich schick mit der Großchemie und all den Nato-Raketen, aber mit geputzten Schuhen daherkommend. Kohl, der gewaltige Pfälzer, regierte dort, später der weniger gewaltige Scharping aus dem Westerwald. Große Politik machten beide, Kurt Beck jedoch schickte das fiese Berlin wieder nach Hause.

Ewig galt: Egal, wer in Mainz regiert, wir machen Große Koalition in den Kreisen und Kommunen, und die FDP nehmen wir mit dazu, wenn’s passt. In diesem Wahlkampf aber zanken sich die Parteien zur eigenen Überraschung wie die Kesselflicker. Sie reiben einander Skandale und Affären unter die Nasen. Von »Rheinland-Filz«, ist die Rede, es heißt: »Beck muss weg!«, wobei »muss weg« immer auf eine gewisse Verrohung der politischen Sitten schließen lässt.

Dabei spielen in diesem Wahlkampf weder ideologieschwangere Themen eine Rolle noch dräuende Armut. Im Gegenteil, Rheinland-Pfalz steht kurz vor der Vollbeschäftigung. Dramatisches wird wohl nicht geschehen: Die SPD wird die Wahl knapp gewinnen, sie wird ihrer absoluten Mehrheit verlustig gehen und kann dann eine schwierige, regierungstechnisch allerdings erprobte Koalition mit der FDP bilden oder eine weniger diffizile mit den Grünen . Da könnte Kurt Beck ein interessantes bundespolitisches Signal aussenden.

Nach fünf Jahren Alleinregierung hat sich aber die SPD von der FDP entfremdet. Die Grünen, früher mal von Joschka Fischer als »Banalos« verspottet, waren bisher nicht im Landtag und profitieren nun vom Aufwind der Grünen allgemein. Gedämpft, aber wahrnehmbar spielen auch Bundesthemen wie Atomausstieg und Bürgerrechte eine Rolle. Rot-Grün ist also der wahrscheinlichste Ausgang. Die CDU wird einen Achtungserfolg erzielen und nach der Wahl ihre eigenen Streitereien schlichten. Ihre junge Kandidatin Julia Klöckner kann in der Opposition noch warten, das sagen die Unionisten sogar selbst.

Der Wandel kommt dennoch. Nicht, weil irgendjemand in Rheinland-Pfalz eine neue Politik in Aussicht stellt. Sondern weil das Land an den Problemen westdeutscher Flächenländer laboriert: Verschuldung, demografischer Wandel. Mainz, die gesamte Rheinschiene wird wachsen, während die ländlichen, die strukturschwachen Regionen altern und ausdünnen. Es wird viel Geld kosten, in der Westeifel oder im Westerwald Kleinstschulen zu erhalten. Und es wird teuer werden, Standorte zu schließen, wenn die Bundeswehrreform tatsächlich kommt.

»Bildungsland Rheinland-Pfalz«? Ein Bildungsland ist naturgemäß auf Erweiterung angeleg t. Bei Betreuung und Ausbildung gibt es kein »genug«. Nicht einmal die eigenen Genossen trauen der seit zwanzig Jahren regierenden SPD eine Konsolidierungspolitik zu. Die Neuverschuldung soll von 2020 an abgebaut werden, dann aber auch nur »konjunkturverträglich«. Härtere Eingriffe müssten den öffentlichen Dienst treffen, soziale Einrichtungen, die lokale Wirtschaftsförderung, Bereiche, in denen keine Regierung Ärger haben will.