Er war sich ganz sicher. Baschar al-Assad erklärte Ende Januar gegenüber amerikanischen Journalisten, dass es in Syrien nicht zu Aufständen kommen würde. Tunesien, Ägypten? Beunruhigte ihn nicht. »Man muss auf das Volk hören«, sagte der syrische Präsident scheinbar ganz entspannt. »Man muss den Überzeugungen der Menschen nahe sein.« Dazu brauche es nicht zwingend politische Reformen. Wichtiger sei, dass »die Leute etwas zu essen haben und ihre Kinder zur Schule gehen können«. Das glaubte der mächtigste Mann Syriens noch vor wenigen Wochen. Oder konnte es jedenfalls sehr glaubhaft vertreten.

Nun hat es ihn selbst erwischt. Der Sender al-Dschasira, Chronist der arabischen Aufstände dieser Wochen, taucht Syrien auf seiner Übersichtskarte des Revolutionsfiebers zusammen mit Libyen, Jemen und Bahrain in tiefes Rot. Zehntausende Syrer demonstrieren in mehreren Städten . Gegen die Regierung von Baschar al-Assad, der doch immer auf sein Volk hören will. Der – um sich nicht zu verhören – einen riesigen Spitzelapparat beschäftigt. Der immer gegen Israel und die USA wettert, weil das gut ankommt beim Volk.

Warum brodelt Syrien? Wie gefährdet ist das Regime?

Es begann recht harmlos in Damaskus und geriet in der Provinz außer Kontrolle. Die wenigen Demonstranten, die vergangene Woche in Damaskus die Freilassung von politischen Gefangenen forderten, wurden von der Polizei vertrieben oder verhaftet. Doch dann demonstrierten am vergangenen Freitag nach dem Moscheebesuch Tausende in Städten wie Homs, Daraa und Baniyas. Viele waren empört über die Verhaftung von Kindern, die Graffiti gesprüht hatten. Die Sicherheitskräfte reagierten nervös und schossen scharf . Moscheen wurden zu Lazaretten. Es starben mehrere Menschen, darunter ein elfjähriger Junge. Bei den Beerdigungen kochte der Zorn über. Wenig später standen in der Stadt Daraa die Symbole des Regimes in Flammen. Das Haus der Baath-Partei, der exsozialistischen, längst nur noch puren Machterhalt verkörpernden Einheitspartei. Das Gerichtsgebäude, wo Regimegegner verurteilt werden. Der Büroklotz der Telekommunikationsgesellschaft Syriatel; sein Besitzer Rami Makhlouf ist ein als korrupt geltender Oligarch und Cousin des Herrschers.

In der ländlichen Gegend von Daraa rebelliert nicht die Generation Facebook wie in Tunesien und Ägypten. Hier werfen nicht Muslimbrüder mit Brandfackeln, wie das Regime es als Schrecken an die Wand malt. Hier empören sich nicht die Intellektuellen, auf die der Geheimdienst Jagd macht. Über die Straßen der Provinzstadt ziehen die einfachen Leute, konservative Unterschichten – Landarbeiter, Marketender, Lieferwagenfahrer. Das Volk, dem Baschar al-Assad zuhören will. Gegenüber diesen Menschen hatte der Präsident stets auf die Strategie gesetzt, sie essen, kauen und den Mund halten zu lassen. In Daraa ist sie gescheitert.

Doch was bedeuten die Unruhen für das Zentrum der Macht, für die Hauptstadt? In Damaskus festgenommen wurde auch Suheir al-Atassi, die bis vor sechs Jahren einen Salon für politische Diskussionen führte. Sie ist mit anderen inhaftierten Frauen in einen Hungerstreik getreten. Das Regime hält seine Kritiker seit Jahren hinter Gittern oder unter Hausarrest. Die Menschenrechtler sind Verhaftungen gewohnt.

Das geht jüngeren Facebook-Nutzern anders. Baschar al-Assad hatte Facebook und YouTube nach langem Verbot erst im Februar wieder zugelassen. Aktivisten richteten eine Facebook-Seite »Syrische Revolution« ein. Zunächst mit geringer Resonanz. Zwar war das Regime unbeliebt. Doch größer war die Furcht, wegen einer Demonstration im tiefen Sumpf der syrischen Geheimdienste zu versinken, Folter, Verhöre und lange Haftzeit ertragen zu müssen.