Doch zugleich ist die Abscheu vor dem Regime dokumentiert. Syrische Mitarbeiter des Democracy Council of California befragten in einer geheimen Erhebung Vertreter aller Schichten über ihre politische Haltung. Danach befürworteten fast 50 Prozent eine »Erklärung von Damaskus« zur Demokratisierung des Landes, kaum 10 Prozent waren dagegen. Als drängende Probleme des Landes nannten die Befragten vor allem den Mangel an politischer Freiheit und die Korruption – wenige sorgten sich über Arbeitslosigkeit oder Israel.

Welche Hebel bleiben Baschar al-Assad, um das massenhafte Ausbrechen der Wut überall im Land zu verhindern? Er könnte nun im Stile eines Golfpotentaten die Staatstresore öffnen, Subsidien und Renten über seine 22 Millionen Untertanen ausschütten. Schon ist das Heizöl billiger geworden und der Militärdienst verkürzt. Doch im Unterschied zum Golf sind syrische Tresore nicht so gut gefüllt. Die Erdölvorkommen des Landes werden bald erschöpft sein, die Steuereinnahmen sind gering, reiche Freunde rar. Der Verbündete Iran hat selbst ein Verteilungsproblem.

Baschar al-Assad könnte in der Tradition seines Vaters die Streitkräfte aufmarschieren , Städte einkesseln und Demonstranten niederschießen lassen. Unter Hafis al-Assad richteten syrische Soldaten 1982 ein Massaker in der Stadt Hama an. Die sunnitische Stadt, ein Zentrum der islamistischen Muslimbrüder, wurde damals in weiten Teilen zerstört, Zehntausende starben. Doch der Unterschied zu Hama82: Wenn heute Soldaten gegen die Zivilbevölkerung kämpfen, schaut die Welt zu, senden Videofilmer die Geschehnisse sofort an Satellitensender oder YouTube. Verbrechen bleiben nicht mehr verborgen.

Schließlich kann Baschar al-Assad noch auf die Furcht setzen. Nicht nur auf jene, die seine Geheimdienstleute verbreiten. Auch auf die Befürchtung mancher Syrer, dass ihrem Land mit vielen Konfessionen und Ethnien eine demokratische Revolution vielleicht schlecht bekommen könnte. Syrien ist nicht weniger bunt gemischt als der Libanon im Westen und der Irak im Osten. In Damaskus und anderen Städten leben Hunderttausende irakische Flüchtlinge. Sie erzählen oft wenig Gutes von den demokratischen Versuchen in ihrem Land. Im mehrheitlich sunnitischen Syrien sind es vor allem die Minderheiten, die im Regime von Baschar al-Assad eine Rückversicherung sehen – der Präsident gehört zur Gemeinschaft der Alawiten und damit selbst zu einer Minderheit. Die Korruption und die Bevormundung ärgern die meisten, der Herrscher selbst aber genießt weit mehr Ansehen als ehedem Hosni Mubarak.

Es wäre deshalb wohl vermessen anzunehmen, Baschar al-Assad würde wie der ägyptische Präsident innerhalb von 18 Tagen stürzen. Doch sicher, wie al-Assad vor Kurzem noch glaubte, ist auch in Syrien nichts mehr.

Mitarbeit: Kristin Helberg