Am Leica-Stand auf der Photokina in Köln (Archivbild): Eine Besucherin testet ein Teleskop.

Wenn Sven Nieder über sein Arbeitsgerät spricht, kommt er ins Schwärmen. »Beim Druck auf den Auslöser spürt man sofort die Feinmechanik. Das ist fast ein erotisches Erlebnis.« Und dann die Qualität der Objektive, diese Schärfe, Brillanz, das Bokeh, eine gewisse Weichheit der Unschärfe im Hintergrund. »Solch eine Ästhetik kann man digital nicht nachbauen.« Sven Nieder ist Fotograf, einer der angesehensten in Deutschland. Gerade war er im Amazonasgebiet, dort fotografierte er für eine Reportage über die Wiedergründung eines Indianerstammes. Davor porträtierte er einen grönländischen Schamanen. Unterwegs ist er meist mit zwei Leica-Kameras vom Typ M9. »Wenn ich mit der M9 arbeite, bekomme ich nicht 20 Bilder pro Sekunde. Ich muss alles von Hand einstellen.« »Achtsame Fotografie« nennt Nieder das.

Nicht nur Nieder schwört auf Leica. Weltweit gelten die Kameras aus Solms in Mittelhessen, bis heute fast ausschließlich von Hand gefertigt, als feinmechanische Wunderwerke an Präzision, Verarbeitung und technischem Sachverstand, als Inkarnation des Mythos von »made in Germany«. Die Marke Leica mit dem roten Punkt im Logo ist selbst ein Mythos. Viele berühmte Fotos sind auf einer Leica-Kleinbildkamera entstanden: das millionenfach verbreitete Konterfei des kubanischen Revolutionärs Che Guevara, das vor Schmerz schreiende Mädchen Kim Phuc, das mit von Napalm verbrannter Haut dem Grauen des Vietnamkrieges zu entfliehen versucht. Fotos, die sich tief ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt haben. Originalabzüge solch legendärer Aufnahmen, aber auch historische Leica-Kameras und -Objektive haben eine weltweite Fangemeinde, sie werden zu Höchstpreisen gehandelt.

Die Historie der Firma Leica liest sich wie ein Kompendium der Technikgeschichte. Angefangen bei Oskar Barnack, der mit seiner Entwicklung der ersten Kleinbildkamera die Fotografie revolutionierte und demokratisierte. Sie machte die Welt der bunten Bilder, wie wir sie heute kennen, überhaupt erst möglich. Leica ist eine Geschichte glorreicher Erfindungen und unternehmerischer Großtaten. Aber auch eine Abfolge von Flops und Beinahe-Pleiten, von Zwist und Missmanagement. »Es ist fast ein Wunder, dass es Leica heute noch gibt«, sagt Günter Osterloh, der lange Zeit die firmeneigene Leica-Akademie leitete und mehrere Bücher zum Thema verfasst hat.

Die jüngste Krise liegt erst zwei Jahre zurück. Die M8, das direkte Vorgängermodell der heutigen Umsatzbringerin M9, hatte die Erwartungen der anspruchsvollen Leica-Kundschaft nicht erfüllt. Als die Finanzkrise auch Leica erfasste, brach der Umsatz ein, das Unternehmen stand kurz vor der Insolvenz. Bis zu jenem 9. September 2009, einem »mystischen Datum«, wie der Vorstandschef Alfred Schopf es formuliert, als Leica in New York gleich drei Neuentwicklungen vorstellte. Die voll digitalisierte Messsucherkamera M9, die Spiegelreflex-Mittelformatkamera S2 und das technisch aufgerüstete Retromodell X1, das an die legendäre Ur-Leica von 1914 erinnern soll.

Offenbar hatten die darbenden Leica-Fans nur auf diesen Moment gewartet. Fast unmittelbar nach der Präsentation zogen die Umsätze stark an. »Der Markt hat das sehr goutiert«, sagt Schopf. Inzwischen geht es Leica so gut wie lange nicht mehr. Im Februar 2011 meldete die Traditionsmarke das beste Quartalsergebnis seit dem Börsengang vor 15 Jahren. Das Neun-Monats-Ergebnis lag um satte 73 Prozent über dem des Vorjahreszeitraums. Trotz der stattlichen Preise für Leica-Produkte ist die Nachfrage so groß, dass man mit der Lieferung nicht nachkommt. Lange Wartezeiten sind die Folge, obwohl das Personal auf aktuell knapp 1100 Mitarbeiter aufgestockt wurde. Wer sich momentan eine M9 zulegen möchte (das Gehäuse allein kostet rund 5000 Euro), muss sich ein Vierteljahr gedulden, beim Noctilux, einem Objektiv für rund 8000 Euro, dauert es sogar bis zu neun Monate. Schopf sagt dazu selbstbewusst: »Mir ist ein Kunde lieber, der über lange Lieferzeiten klagt, als jemand, der unsere Qualität bemängelt.«

Die Präzisionsarbeit bei Leica kommt in weißen Kitteln daher. In den Fabrikhallen schleifen Mitarbeiter die Linsen, vergüten und prüfen sie, im Nebenraum werden Objektive zusammengesetzt. In der größten Werkshalle der ehemaligen Solmser Möbelfabrik, die Leica 1988 bezog, findet die Endmontage der Kameragehäuse statt. »Allein der Entfernungsmesser besteht aus 152 Einzelteilen«, sagt Andreas Dippel von der PR-Abteilung. Fast alle Teile, etwa für die M9, kommen aus eigenen Werkstätten. Die hohe Fertigungstiefe ist ein Erfolgsrezept von Leica. Das Wissen bleibt im Haus.

Die gröberen Arbeiten dagegen sind in ein Zweigwerk in Portugal ausgelagert worden. Dazu gehört auch der zeitaufwendige Prozess, bei dem aus massiven Metallblöcken die Kameragehäuse herausgefräst und von Hand geschliffen werden. »Diese besondere Oberflächenbeschaffenheit spürt man sofort. Das haptische Erlebnis ist mit einem Massenprodukt nicht zu vergleichen«, sagt Dippel. Auch der »honigweiche, saugend-schmatzende Gang« der Leica-Objektive ist eine Eigenart, die von Kennern besonders geschätzt wird. Objektive von Leica liefern selbst bei arktischen Temperaturen oder bei Wüstenhitze beste Ergebnisse. Damit kein Stäubchen die filigrane Mechanik und Elektronik der Leica-Kameras beeinträchtigt, wird in Solms unter Reinraumbedingungen gearbeitet.