Louis van Gaal machte sich auf den Weg. Gerade hatte der Trainer des FC Bayern vom Podium im Pressebereich der Münchner Arena herunter sein Entsetzen über die Niederlage gegen Inter Mailand vorgetragen. Nun strebte er fort. Aber da war noch etwas ungeklärt. Ein junger Reporter vom Radio schlich sich an, er habe da noch eine Frage, »Herr van Gaal«, eine, die er wegen der Exklusivität nicht vor all den Kollegen stellen wolle: »Hadert man nach so einer Niederlage eigentlich mit dem Fußballgott?« Herr van Gaal konnte oder wollte die Frage nicht beantworten. Aber als Beleg, dass es mitunter schwer auszuhalten ist, Trainer des FC Bayern München zu sein, wird er dieses Beispiel knallharten und investigativen Journalismus schon gewertet haben.

Louis van Gaal wird sich dergleichen nicht mehr lange antun müssen. Am 14. Mai, nach dem letzten Spiel der Saison, wird er verabschiedet , voraussichtlich nicht unehrenhaft, da lässt sich der FC Bayern nicht lumpen. Schließlich stand er vor einem Jahr noch groß da: Meisterschaft, Pokalsieg, Finalteilnahme in der Champions League. Aber rausgeworfen haben sie ihn dann doch. Und somit ist wieder eine Allianz gescheitert, die mit Vehemenz und Aplomb verkündet wurde, die sportliche Erfolge versprach und vor allem künden sollte von Ruhm und Ehre und Größe und Einzigartigkeit des Klubs. Wie schon das Bündnis mit Felix Magath, der 2005 und 2006 für Meistertitel und Pokalsiege verantwortlich war und trotzdem vor dem Vertragsende entlassen wurde. Wie die Liaison mit Jürgen Klinsmann, die in der Saison 2008/2009 nur ein paar Monate hielt.

Magath, Klinsmann, van Gaal , so unterschiedlich sie auch sind: Den FC Bayern haben sie nicht lange ertragen. Oder besser gesagt: Der FC Bayern hat sie nicht lange ertragen.

Der Grund ist vorderhand immer derselbe. Misserfolg. Der stellt sich leicht ein beim FC Bayern München , weil der Klub quasi per Vereinssatzung, auf jeden Fall von seinem Selbstverständnis her, alljährlich Deutscher Meister werden muss , dazu alljährlicher Pokalsieger und in der Champions League mindestens bis zum Halbfinale Europa aufzumischen hat. Auch alljährlich. Das ist schwer zu erfüllen.

Es war in diesen Tagen der angekündigten Trennung viel die Rede von Philosophie, von divergierenden Philosophien. Das nämlich steht auch im Anforderungsprofil eines Trainers beim FC Bayern: Er muss passen. Nur zu wem? Zu Uli Hoeneß , dem Präsidenten und langjährigen Manager, dem einstigen Weltmeister? Zu Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden und einstigen Europameister? Zu Franz Beckenbauer , dem Weisen vom Berg und einstigen und heutigen Meister aller Klassen? Es gibt noch einige Einstige beim FC Bayern. Und zu allen muss ein Trainer passen?

Spieltaktisch ist die Antwort schnell zu geben. Auf dem Platz gilt die bayerische Philosophie: Erfolgreich nach vorn, pfiffig-kreativ im Mittelfeld, sicher in der Abwehr, und alles zusammen möglichst hübsch anzuschauen, am besten spektakulär. Gegen diese Order hatte Giovanni Trapattoni verstoßen, dessen defensive Partieanlage die Zuschauer aus dem Stadion trieb und Stürmer Jürgen Klinsmann zu seinem legendären Tritt in die Werbetonne. Dagegen hat auch van Gaal verstoßen, für den die Abwehr eine zu vernachlässigende Abteilung ist, die in seiner Theorie nicht benötigt wird, weil der Gegner ohnehin nicht in Ballbesitz kommt. Kommt er es doch – siehe Misserfolg.

Auf dem Platz ist allerdings nur ein Teil der Philosophie zu finden. Der andere Teil, der, der noch wichtiger ist, weil für den Erfolg mitunter auch mal Unattraktivität in Kauf genommen wird, der ist irgendwo in den Köpfen des FC Bayern zu suchen, in den Herzen, in den Seelen, wo auch immer man ein Gefühl verstecken kann. Dieser Teil der Philosophie ist nicht wirklich greifbar, manchmal schwankend und am ehesten abzulesen im Wirken von Uli Hoeneß und definiert von den Dingen, die man nicht tut. Man spricht zum Beispiel als Trainer nicht nicht mit den Spielern, wie es Felix Magath tat. Umgekehrt spricht ein Trainer natürlich mit den Vereinsbossen, weil die etwas zu sagen haben und alles vom Fußball und Leben wissen.