Fußballtrainer : Druck, Familie, Chemie

Warum der FC Bayern so viele Trainer verbraucht.
Ottmar Hitzfeld passte: Hier bei seiner emotionalen Verabschiedung vom FC Bayern © Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Louis van Gaal machte sich auf den Weg. Gerade hatte der Trainer des FC Bayern vom Podium im Pressebereich der Münchner Arena herunter sein Entsetzen über die Niederlage gegen Inter Mailand vorgetragen. Nun strebte er fort. Aber da war noch etwas ungeklärt. Ein junger Reporter vom Radio schlich sich an, er habe da noch eine Frage, »Herr van Gaal«, eine, die er wegen der Exklusivität nicht vor all den Kollegen stellen wolle: »Hadert man nach so einer Niederlage eigentlich mit dem Fußballgott?« Herr van Gaal konnte oder wollte die Frage nicht beantworten. Aber als Beleg, dass es mitunter schwer auszuhalten ist, Trainer des FC Bayern München zu sein, wird er dieses Beispiel knallharten und investigativen Journalismus schon gewertet haben.

Louis van Gaal wird sich dergleichen nicht mehr lange antun müssen. Am 14. Mai, nach dem letzten Spiel der Saison, wird er verabschiedet , voraussichtlich nicht unehrenhaft, da lässt sich der FC Bayern nicht lumpen. Schließlich stand er vor einem Jahr noch groß da: Meisterschaft, Pokalsieg, Finalteilnahme in der Champions League. Aber rausgeworfen haben sie ihn dann doch. Und somit ist wieder eine Allianz gescheitert, die mit Vehemenz und Aplomb verkündet wurde, die sportliche Erfolge versprach und vor allem künden sollte von Ruhm und Ehre und Größe und Einzigartigkeit des Klubs. Wie schon das Bündnis mit Felix Magath, der 2005 und 2006 für Meistertitel und Pokalsiege verantwortlich war und trotzdem vor dem Vertragsende entlassen wurde. Wie die Liaison mit Jürgen Klinsmann, die in der Saison 2008/2009 nur ein paar Monate hielt.

Magath, Klinsmann, van Gaal , so unterschiedlich sie auch sind: Den FC Bayern haben sie nicht lange ertragen. Oder besser gesagt: Der FC Bayern hat sie nicht lange ertragen.

Der Grund ist vorderhand immer derselbe. Misserfolg. Der stellt sich leicht ein beim FC Bayern München , weil der Klub quasi per Vereinssatzung, auf jeden Fall von seinem Selbstverständnis her, alljährlich Deutscher Meister werden muss , dazu alljährlicher Pokalsieger und in der Champions League mindestens bis zum Halbfinale Europa aufzumischen hat. Auch alljährlich. Das ist schwer zu erfüllen.

Es war in diesen Tagen der angekündigten Trennung viel die Rede von Philosophie, von divergierenden Philosophien. Das nämlich steht auch im Anforderungsprofil eines Trainers beim FC Bayern: Er muss passen. Nur zu wem? Zu Uli Hoeneß , dem Präsidenten und langjährigen Manager, dem einstigen Weltmeister? Zu Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden und einstigen Europameister? Zu Franz Beckenbauer , dem Weisen vom Berg und einstigen und heutigen Meister aller Klassen? Es gibt noch einige Einstige beim FC Bayern. Und zu allen muss ein Trainer passen?

Spieltaktisch ist die Antwort schnell zu geben. Auf dem Platz gilt die bayerische Philosophie: Erfolgreich nach vorn, pfiffig-kreativ im Mittelfeld, sicher in der Abwehr, und alles zusammen möglichst hübsch anzuschauen, am besten spektakulär. Gegen diese Order hatte Giovanni Trapattoni verstoßen, dessen defensive Partieanlage die Zuschauer aus dem Stadion trieb und Stürmer Jürgen Klinsmann zu seinem legendären Tritt in die Werbetonne. Dagegen hat auch van Gaal verstoßen, für den die Abwehr eine zu vernachlässigende Abteilung ist, die in seiner Theorie nicht benötigt wird, weil der Gegner ohnehin nicht in Ballbesitz kommt. Kommt er es doch – siehe Misserfolg.

Auf dem Platz ist allerdings nur ein Teil der Philosophie zu finden. Der andere Teil, der, der noch wichtiger ist, weil für den Erfolg mitunter auch mal Unattraktivität in Kauf genommen wird, der ist irgendwo in den Köpfen des FC Bayern zu suchen, in den Herzen, in den Seelen, wo auch immer man ein Gefühl verstecken kann. Dieser Teil der Philosophie ist nicht wirklich greifbar, manchmal schwankend und am ehesten abzulesen im Wirken von Uli Hoeneß und definiert von den Dingen, die man nicht tut. Man spricht zum Beispiel als Trainer nicht nicht mit den Spielern, wie es Felix Magath tat. Umgekehrt spricht ein Trainer natürlich mit den Vereinsbossen, weil die etwas zu sagen haben und alles vom Fußball und Leben wissen.

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Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Sehr gut

Die Analyse ist treffend. Die Bayern sind als Verein als solcher als arrogant verschrien. Ob das stimmt, darüber kann diskutiert werden, was allerdings auf jeden Fall beim FC Bayern zutrifft, ist die besondere Atmosphäre. Gerade in einem solchen Verein ist kein Platz für einen Alleinherrscher. Bayern geht zwar mag arrogant und selbstherrlich sein, der Umgang mit Spielern und Personal scheint aber weit überdurchschnittlich zu sein. Ich denke da nur an Deisler, in kaum einem anderen Bundesligaverein wäre er so behandelt worden.
Warum allerdings immer wieder Trainerdespoten geholt wurden? Wahrscheins liegt's an Mangel an Selbstreflexion, anders ist das kaum zu erklären. Oder man traut in gewissen Situationen einem Weltklassetrainer zu, sich den Gegebenheiten anzupassen.

Was Heynckes angeht: Wie lange kann der das machen? Mein Topfavorit wäre Thorsten Fink, der kennt sich aus bei den Bayern, ist jung und macht bei Basel einen ordentlichen Job.
Aber wahrscheinlich ist das ein zu kleiner Name für einen solch großen Verein..

Oh Jupp!

Wie man sieht ist Jupp H. sang- und klanglos mit dem aktuellen Bundesligazweiten gegen den spanischen vierten ausgeschieden. Letzte Saison ist er mit Leverkusen in der BL-Rückrunde mit Leverkusen eingebrochen. Vielleicht hätter er mal als Leistungsnachweis Vizekusen zum meister machen können.

Im Prinzip ist Heynckes, wie bspw. Erich Ribbeck, ein Trainer der seltenst etwas außergewöhnlich Unerwartetes erreicht. Eher blieb er stets an der Schwelle des Minimum hängen und wurde entsprechend oft gefeuert. Er mag Hoeneß Busenfreund sein (auch zwei Nationalmannschaftstitel gemeinsam), aber ich sehe trotzdem keinen rationalen Grund den zu verpflichten. Die sportliche Hoeneß'sche "Zukunfts"-Strategie bleibt ein Müllhaufen.

Vielleicht

sollten die Bayern aber auch die Gelegenheit nutzen, um ihren eigenen Chemie-Baukasten einmal zu überprüfen, damit eben diese künftig häufiger stimmt.

Die öffentliche Attacke von Uli Hoeneß gegen van Gaal im Herbst via Sky war unterirdisch. Unvergessen ist auch die "Fußball ist keine Mathematik"-Breitseite von Herrn Rummenigge gegen Hitzfeld. Und das sind ja nur die prominentesten Beispiele in jüngster Vergangenheit.

Irgendjemand der alten Matadoren im Umfeld der Säbener Str. darf immer sein Herz auf der Zunge tragen. Und der Trainer muss solche Stillosigkeiten devot und leiderprobt hinnehmen.
Gleichzeitig wünscht man sich aber jemanden auf dem Trainerstuhl, der mit starkem Ego die Mannschaft, die Presselandschaft und nicht zuletzt die sportlichen Ziele des FC Bayern im Griff behält. Also quasi einen Übungsleiter JekillHyde.
Das macht die Kandidatenliste natürlich sehr übersichtlich. Und es dürfte den FC Bayern auf Dauer in eine unerfreuliche Sackgasse manöverieren.