Naher Osten Die Revolution wird erwachsen
Die Änderung der Verfassung ist ein großer Schritt auf dem Weg zur Demokratie – auch wenn ich gegen sie gestimmt habe.
© Mahmud Hams/AFP/Getty Images

Ägypter stehen zur Abgabe ihrer Stimmen an
Noch nie in der Geschichte Ägyptens haben so viele Menschen an einer Wahl teilgenommen wie bei dem Verfassungsreferendum am vergangenen Samstag. Etwas mehr als 41 Prozent der rund 47 Millionen Wahlberechtigten beteiligten sich an der Abstimmung – und eine deutliche Mehrheit votierte für die vom amtierenden Militärrat vorgeschlagenen Verfassungsänderungen. Vor der Januarrevolution beteiligten sich in der Regel weniger als fünf Prozent der Wähler an Referenden, und nur rund 20 Prozent gaben bei den Parlamentswahlen ihre Stimme ab.
Die enorm gewachsene Wahlbeteiligung zeigt, dass die ägyptischen Bürger ein kollektives Interesse daran haben, an der politischen Neugestaltung ihres Landes mitzuwirken. Und sie belegt auf eindrucksvolle Weise die Sehnsucht der Ägypter nach Demokratie und demokratischen Erfahrungen.
lehrt Politikwissenschaft an der Universität Kairo. Er ist Mitglied einer Initiative zur Gründung einer sozialliberalen Partei in Ägypten.
Von kleinen organisatorischen Pannen in einigen Wahllokalen abgesehen, verlief das Referendum friedlich. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten standen die Sicherheitstruppen des Innenministeriums außerhalb und verhielten sich neutral, während Richter und Beobachter der ägyptischen Zivilgesellschaft in den Wahllokalen ungehindert ihrer Arbeit nachgehen konnten. Es gab keine Gewalt, keine Verletzten oder gar Tote am Tag des Referendums. Das ist ein enormer Erfolg und ein sehr gutes Zeichen, das hoffnungsvoll stimmt.
Gemeinsam mit einer Gruppe von ägyptischen Politikern, Aktivisten, Denkern und Kulturschaffenden nahm ich in der Nähe des Tahrir-Platzes an dem Referendum teil. Und wie genau 22,3 Prozent der Wähler stimmte ich gegen die vorgeschlagenen Verfassungsänderungen. Denn ich bin davon überzeugt, dass die nun beschlossenen Änderungen und die vorgesehenen Schritte hin zu Parlaments- und Präsidentschaftswahlen eine ganze Reihe von Risiken für den Demokratisierungsprozess bergen.
Sicherlich bewirken die Reformen zunächst eine deutliche Öffnung der ägyptischen Politik. Dass in Zukunft unabhängige Politiker bei den Präsidentschaftswahlen kandidieren dürfen; dass der Präsident künftig nur noch zwei Wahlperioden von je vier Jahren amtieren darf; dass die Befugnisse des Staatsoberhauptes, den Ausnahmezustand zu verhängen, beschränkt werden und die Wiedereinführung des Prinzips der gerichtlichen Kontrolle der Wahlen – das sind alles wichtige Schritte auf dem Weg hin zu einer demokratischen Gestaltung Ägyptens.
Die jetzt angenommenen Reformen verpflichten zudem das neu zu wählende Parlament, innerhalb von sechs Monaten eine verfassunggebende Versammlung einzuberufen, die innerhalb von wiederum sechs Monaten eine völlig neue Verfassung ausarbeiten soll.
So ermutigend all das ist – eine ganze Reihe der Verfassungsänderungen, die jetzt eine Mehrheit gefunden haben, sehe ich mit großer Beunruhigung. So diskriminiert der Artikel 75 eindeutig solche Kandidaten bei der Wahl zur Präsidentschaft (und bei der Ernennung zum Vizepräsidenten), die selbst oder deren Eltern eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Die gleiche Vorschrift schließt Ägypter von der Wahl zum Präsidenten und von der Ernennung zum Vizepräsidenten aus, die mit Ausländern verheiratet sind – ein erschreckender, prämoderner Eingriff des Staates in die Privatsphäre und die höchstpersönlichen Entscheidungen seiner Bürger.
Genauso beunruhigend im Hinblick auf die Demokratisierung Ägyptens sind die jetzt gebilligten Verfahren und Fristen für die Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung. Aus meiner Sicht wäre es besser gewesen, die verfassunggebende Versammlung direkt vom Volk wählen zu lassen. Das hätte die Bürger stärker und unmittelbarer in den Prozess der Verfassungsgebung einbezogen.
- Datum 30.03.2011 - 18:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.3.2011 Nr. 13
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Muslimbruderschaft allein überlassen werden darf.Nun wird gefordert,die "religiöse Rhetorik und Diskurse im Wahlkampf einzudämmen".
Wenn sie mit dem typisch westlich-säkularen Ansatz antreten,werden sie die Wahl mit Bausch und Bogen verlieren.Ohnehin zeichnet sich eine Zweckallianz zwischen MB,den alten Kadern und dem Militär ab,die zusammen weite Teile der Bevölkerung abdecken könnten.
Man muss die Menschen da holen,wo sie sind und wenn diese auch symbolisch gesehen in der Moschee sind,muss man hier halt pragmatisch agieren.Nur traue ich ihnen das nicht zu.Sie sind viel zu sehr davon überzeugt im Recht zu sein,dabei haben sie eigentlich nichts anzubieten.Wahrscheinlich werden sie immer nur eine Minderheitenmeinung vertreten.
ist, dass die Moslembrüderschaft, zwar verboten,doch meist organisiert ist. Wie schon im Text erwähnt, kann man dies nicht vn den restlichen Parteien sagen.
Ägypten hat einen weiten Schritt nach vorne gemacht, doch jetzt muss vieles passieren und besonderst in den Köpfen der Menschen.
22,3% von 41%
Konnte es bei den Vorbedingungen doch auch nicht, oder? Das Problem bei so weit reichenden Referenden ist das prinzipielle, ob man einer schlechten Lösung zustimmt oder die Situation in der Schwebe belässt.
Ich glaube, für Ägypten wäre eine lange Phase der Unbestimmtheit schlecht gewesen, vielleicht kann die frische Erinnerung den neuen Kräften jenseits des Mangels an organisatorischer Erfahrung zugute kommen.
Bei der Beurteilung des Referendums in Ägypten muss man wissen, dass jeder, der 18 Jahre alt war, wählen durfte. Völlig egal, ob er Analphabet ist oder jemals Zugang zu Bildung hatte. Leider gehören trotz grosser Anstrengungen immer noch Millionen von Menschen zu dieser Gruppe. Es sind vor allem Frauen vom Lande (dort lebt die Bevölkerungsmehrheit), die kaum Bildung erhalten. So kann die niedrige Wahlbeteiligung nicht wundern, denn diese Leute haben andere Probleme als eine neue Verfassung! Das Überleben kommt zuerst.
Ausserdem bildet tatsächlich die Moschee die Bildung vieler Menschen, ganz besonderen der einfachen und wenig Gebildeten.
Es wird eine Herkules-Aufgabe sein, dieses Land in eine Demokratie zu führen. Die Chancen stehen im Moment eher so, dass es einen zügigen Wandel in die Vergangenheit gibt, dank den Muslimbrüdern. Verschiedene Übergriffe und Zwischenfälle in den vergangen Tagen verbreiten im ganzen Lande Angst, Frauen ohne Kopftücher fühlen sich teilweise als Freiwild. Keine rosigen Aussichten..
Ich danke dem Autor für diesen ausgewogenen Artikel! Erstaunt bin ich über die Reaktionen hier. Offensichtlich glaubt man immer noch, dass die Muslimbrüder "es gut meinen". Wenn dann der letzte Christ tot und alle Demokraten mundtot oder vertrieben sind und wir ein neues Gaza haben, dann - vielleicht - wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass nicht alles geglaubt werden darf.
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