RomanDer Mechaniker

Eine Begegnung mit dem Briefbomber Franz Fuchs in jungen Jahren. Ein Vorabdruck aus Gerhard Roths Roman "Orkus".

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erzählte mir Eck voll Begeisterung von einem »Selbstmord-Patienten«, den er am Vortag kennengelernt hatte und der Uhren reparierte, mechanisches Spielzeug und elektrische Modelleisenbahnen. Er überredete mich, ihn wieder in die Grazer Anstalt zu begleiten, denn er hatte diesem Patienten seine Armbanduhr anvertraut, die, wie er sagte, jeden Tag um zwei Minuten vorging und am nächsten Tag »fertig sein« sollte.

Am Abend betraten wir das Gebäude. Es war wie ausgestorben, auf den langen Gängen trübes Licht, wir begegneten keinem Menschen. Der Patient saß im Ärztezimmer hinter dem Schreibtisch, gescheiteltes Haar auf dem breiten Kopf – Querkopf, dachte ich –, große Brillengläser, Schnurrbart, klein. Vor ihm Zahnräder, kleine Schrauben, Uhrmacherwerkzeug, eine Lupe, zwei Armbanduhren und eine Taschenuhr. Er sprang von seinem Stuhl auf und grüßte. Eck nötigte ihn, wieder Platz zu nehmen. Der Patient, Franz Fuchs, so stellte er sich mir vor, war gerade dabei, einen bunt bemalten Wiedehopf aus Blech, der auf einem kleinen Fahrrad im Kreis fuhr, aufzuziehen. Es war ein Spielzeug, das ihm eine Krankenschwester zur Reparatur übergeben hatte. Der Patient mit starkem bäuerlichem Akzent bemühte sich, »Hochdeutsch« zu sprechen, und bemerkte, dass die Krankenschwester staunen würde; sie habe ihm das »Glumpat« (den Mist) erst vor einer Stunde gebracht und daran gezweifelt, dass er mit seinen Bemühungen Erfolg haben würde. Inzwischen fuhr der Wiedehopf schon eifrig im Kreis. Wir lachten, während der Patient ernst blieb. Eck hatte mir erzählt, dass er vor einem Monat angedroht habe, sich zu erschießen. Er habe schon einen Abschiedsbrief verfasst gehabt, den sein Vater – Franz Fuchs lebte bei seinen Eltern in dem kleinen Ort Gralla in der Steiermark – gefunden habe, bevor der Sohn sein Vorhaben in die Tat habe umsetzen können. Daraufhin habe der Vater die Gendarmerie und einen Arzt zu Hilfe gerufen, die Fuchs in die Anstalt einliefern ließen.

Anzeige

Er könne sogar komplizierte Höllenmaschinen bauen, sagte er

Mir fiel auf, dass Fuchs beim Sprechen fortlaufend aufbegehrte, als müsse er kleine Wutanfälle unterdrücken, deren Ursache ich nicht erkennen konnte. Er zeigte uns die primitive Mechanik des Spielzeugs und nannte auf Ecks Verlangen widerwillig die Bestandteile. Früher, sagte er, habe es »vüll kompliziertere Sochn gebn« wie Mondphasenuhren oder Automaten, und er zählte auch eine Reihe von Spielzeugen auf, die mir kein Begriff waren. Die Uhren, sagte er in verächtlichem Tonfall, seien »heutzutog nix mehr wert«. Er wies abwertend auf die beiden, die auf dem Schreibtisch vor ihm lagen. Dann fiel ihm offenbar ein, dass auch Ecks Uhr keine alte war, er zog rasch die Lade heraus und legte sie auf die Platte, die übrigens mit einem grünen Löschblatt bedeckt war. Ein »schönes Stück«, schmeichelte er, um seinen Fehler auszubessern. Sie gehe jetzt »wie neu«. Eck band sie sich begeistert um das Handgelenk und fragte ihn, was er schuldig sei, aber Fuchs wollte kein Geld. Stattdessen begann er, von seinem Physikstudium zu sprechen, das er abgebrochen habe, weil ihn der »akademische Betrieb« gestört habe. Er habe außerdem schon alles durch Selbststudium gewusst, er sei Autodidakt. Irgendwie kam er auf die Unschärferelation und auf Heisenberg zu sprechen. Er erging sich in philosophischen Abschweifungen und genoss es sichtlich, uns in Staunen zu versetzen.

Eck legte ihm hundert Schilling auf den Tisch, ohne dass Fuchs das Geld beachtete. Er war gerade dabei, die Unschärferelation auf das Zusammenleben in der Gesellschaft anzuwenden, seine weißen Hände waren wie zwei unabhängige Lebewesen, die sich gegenseitig festhielten, voneinander lösten und herumschwirrten, um sich wieder zu vereinigen. Eck war von ihm fasziniert, er konnte seinen Blick nicht von ihm abwenden, und ich wusste nicht, wen ich genauer beobachten sollte, den kleinen, korpulenten Patienten, der mir immer mehr wie ein hilfloser Prahler erschien, oder Eck, der den Eindruck eines Hypnotisierten machte. Franz Fuchs hörte plötzlich zu sprechen auf und nahm wieder hinter dem Schreibtisch Platz. Von einem Moment auf den anderen war er zu einem schüchternen Kanzleidiener vor seinem Direktor geworden. Doch bei all seiner Unterwürfigkeit kam auch ein versteckter Stolz und Eigensinn zum Vorschein, die von seiner Schüchternheit nur oberflächlich verdeckt waren. Es war kein aufgesetzter Stolz und kein gespielter Eigensinn, sondern sein wahres Wesen, begriff ich. Nach einer Pause, während er die Zahnrädchen und das Werkzeug vor sich auf dem Tisch anstarrte, schimpfte er zugleich aufbrausend und resigniert, dass das Reparieren dieser Uhren und Blechspielzeuge für ihn eine Schande sei... Er könne ganz andere Sachen bauen: »die kompliziertesten und unmöglichsten Maschinen«, wie er im breiten Tonfall behauptete. Als wir schwiegen, wiederholte er den Satz. Eck fragte ihn jetzt, was er damit meine, und der Patient zuckte mit den Schultern und sagte, dass er »von Flugzeugmotoren angefangen bis Höllenmaschinen« jedes technische Prinzip verstehe... Er könne sich Maschinen ausdenken und auch bauen, an die niemand »zu unserer Zeit« denke. Leonardo da Vinci beispielsweise habe Hubschrauber und Unterseeboote entworfen, als noch niemand an die Möglichkeit zu fliegen oder mit einem Schiff zu tauchen gedacht habe. Ich hatte Mitleid mit Fuchs, und doch verspürte ich Unbehagen.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service