"Kernkraftwerke sind umweltfreundlich, sicher und unschädlich"

In der Volkshochschule Wyhler Wald wird derweil aufgeklärt: Wie funktioniert ein Atomkraftwerk? oder Alternativen zur Stromerzeugung in Atomkraftwerken – so lauten die Titel der Vorträge. Wichtige Bücher reicht man von Hand zu Hand durch die Dörfer. Hausfrauen, Bauern, Winzer, Handwerker bilden sich zu Energieexperten aus. Aber auch das Badenwerk macht mobil, lädt zu Kaffeefahrten und informiert: "Kernkraftwerke sind umweltfreundlich, sicher und unschädlich. Die zusätzliche Strahlendosis beträgt im Jahresdurchschnitt weniger als ein Millirem. Das schadet uns nicht. Allein durch die Sonne erhalten wir 35 bis 70 Millirem pro Jahr. Und die Explosionsgefahr? Sie ist ausgeschlossen."

Spätestens die Besetzung des AKW-Bauplatzes im Februar 1975 macht Wyhl bundesweit bekannt. Der symbolische Widerstand wird zum handfesten. Ob in Grohnde an der Weser oder Ohu an der Isar, in den niederelbischen Orten Brokdorf und Brunsbüttel , in Kalkar am Niederrhein oder im hessischen Biblis : Wo immer jetzt Dörfer und kleine Städte zur Kulisse eines bedrohlichen Atomprojekts werden, schreiten Bürger zur Gegenwehr – auch wenn Polizeiknüppel und Wasserwerfer sie vertreiben und es Anzeigen wegen Landfriedensbruch hagelt. "Der Stil der großen Demonstrationen und Platzbesetzungen, der es auf Zusammenstöße mit der Polizei ankommen lässt, stammt von 1968, ebenso wie das ausgeprägte Freund-Feind-Denken", analysiert der Bielefelder Historiker Joachim Radkau in seinem Buch Die Ära der Ökologie.

Längst haben die Atomgegner internationale Unterstützung. Auch in Schweden , den Niederlanden, den USA , Österreich und der Schweiz weiten sich die Atomproteste aus. Sie werden zum Herzschlag der weltweiten Umweltbewegung. Die Stockholmer Umweltkonferenz 1972 und der Bericht Die Grenzen des Wachstums an den Club of Rome im selben Jahr markieren den grünen Aufbruch. In Deutschland engagieren sich auch in den Metropolen fernab der AKW-Standorte immer mehr Menschen "gegen den Atomstaat". Der Kampf um die Meiler wird zur hartnäckigsten Protestbewegung der siebziger und frühen achtziger Jahre, der zähe Streit, der teilweise bürgerkriegsähnliche Formen annimmt, zur längsten Kontroverse in der Geschichte der Bundesrepublik.

Das Sicherheitsrisiko erschreckt immer mehr Menschen. Die Vorstellung, dass in einem einzelnen Kraftwerk das radioaktive Inventar von mehr als 1000 Hiroshima-Bomben lauert, ist ebenso unheimlich wie die Halbwertszeit der radioaktiven Spaltprodukte. "Der Mensch wird 80 Jahre alt, Christus ist vor 2000 Jahren gestorben, und die letzte Eiszeit liegt 11.000 Jahre zurück, aber Plutonium hat eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren", warnen die Experten des 1977 gegründeten Öko-Instituts in Freiburg.

Zur Protestbewegung stoßen immer mehr Physiker, Ingenieure und Techniker. Die Turnschuh-Wissenschaftler wiederum unterstützen Rechtsanwälte wie Reiner Geulen und Siegfried de Witt, die mit ihren Klagen den juristischen Kampf führen. Der größte Sieg ist das Einmotten des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich in der Pfalz. 1975 war im erdbebengefährdeten Neuwieder Becken mit dem Bau begonnen worden, 1986 feierte man die Fertigstellung. Doch zwei Jahre später steht nach höchstrichterlichem Urteil fest: Das AKW bleibt für immer kalt. Die Baugenehmigung war ungültig, weil die RWE-Tochter Société Luxembourgeoise de Centrales Nucléaires den Standort eigenmächtig um 70 Meter versetzt hatte.

Umso lauter dröhnt der Agitprop der Atomgemeinde. "Wer Kernkraftwerke verbieten will, muss auch Streichhölzer verbieten. Achtlos weggeworfen, haben sie schon verheerende Waldbrände verursacht", argumentiert Joachim Grawe, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke. Und sein Kollege Michael Weis erklärt 1988 zur Entsorgung: "Die viel zitierte Atommüllhalde [...] erweist sich gegenüber einem jährlichen deutschen Abfallaufkommen von 500 Millionen Tonnen als vernachlässigbare Größe." So werden abgebrannte Brennelemente mit Kartoffelschalen aus der Küche verglichen.

Die Atomgegner halten dagegen. Gern gebuchter Referent ist neben dem Salzburger Publizisten Robert Jungk der Hamburger Autor Holger Strohm, dessen Buch Friedlich in die Katastrophe, 1973 in kleiner Auflage erschienen, sich nach und nach zum Bestseller der Atomkritik entwickelt. Strohm hat bienenfleißig Fakten gesammelt. In seinen Vorträgen zieht er gern ein Teelöffelchen aus dem Sakko und erklärt, dass solch eine Menge Plutonium ausreiche, um halb Europa umzubringen. Auch SPD-Vordenker Erhard Eppler wird zum Vortragsreisenden wider die Kernkraft. Doch in der eigenen Partei steht er gegen "Atomkanzler" Helmut Schmidt auf verlorenem Posten.

An den Standorten eskaliert indessen der Widerstand. Nachdem in Brokdorf ebenfalls eine Besetzung angekündigt ist, schafft die Staatsmacht Fakten. Am 26. Oktober 1976 nehmen Polizei und Baufirmen bei Nacht und Nebel den Platz in Besitz – Auftakt eines jahrelangen erbitterten Kampfes. Am 13. November kommt es zu einer regelrechten Schlacht um Brokdorf . Der Standort gleicht einer Festung. Bautrupps haben Stacheldrahtzäune hochgezogen, Wassergräben ausgehoben und eine Mauer errichtet. Militante Gegner werfen Molotowcocktails und Steine, die Polizei knüppelt, verschießt Gasgranaten und fliegt mit Hubschraubern Tiefflugeinsätze. Am Ende vertreibt sie die 25.000 Demonstranten, die von Pastoren und Posaunenchören unterstützt werden, mit Tränengas und Wasserwerfern. Auch eine erneut eskalierende, zuvor verbotene Kundgebung von 100.000 Atomgegnern am klirrend kalten 28. Februar 1981 kann den Bau nicht verhindern. Fünf Jahre später geht das AKW ans Netz.