Darren Capewell und sein Fang an einem Strand in der Shark Bay. © Marc Bielefeld

Hundert Meter vom Ufer entfernt hört Darren Capewell auf zu paddeln, steht aufrecht in seinem Kajak und treibt übers Meer. Ein vierzig Grad heißer Wind streicht über das grüne Wasser zwischen den Sandbänken und Halbinseln von Shark Bay. Capewell trägt Shorts und einen Basthut, er dreht seinen breiten, muskulösen Rücken in die Brise, lässt sich vom Wind übers Wasser pusten.

»Die Fische kommen mit der Flut rein, die Energie im Meer ist regelrecht zu spüren«, sagt Capewell. Ich paddele ein paar Meter hinter ihm, kämpfe mit den Fliegen, die einen selbst hier draußen noch wahnsinnig machen; Capewell erträgt sie gleichmütig. Er zeigt auf dunkle Flecken im Wasser: »Adlerrochen, acht, neun Stück.« Ein Tier springt in hohem Bogen aus dem Wasser, sein Leib glänzt in der Sonne, die grauen, fast einen Meter breiten Schwingen, der helle Bauch. Capewell sagt, dass sie die Rochen früher gejagt und gegessen hätten. Aber es sei nicht das beste Fleisch.

Wir paddeln weiter die Küste entlang. Capewell deutet auf schwarze Flächen im Wasser, die das ungeübte Auge vom Seegras nicht unterscheiden kann. Doch die Schatten leben. Geigenrochen umschwimmen die Kajaks, ein kleiner Tigerhai, zwei Meeresschildkröten. »Buyungurra nennen wir sie«, ruft Capewell rüber. »Sind lecker, wie Hühnchen.« Ein Delfin kommt heran, seine Flosse, sein Atemloch tauchen aus dem Wasser. »Delfine haben wir nie gefangen, sie schmecken nicht, wir Aborigines nennen sie Irra Buga – ›die aus dem Mund stinken‹.« Mitten in einen Schwarm Fische stößt ein Austernfänger hinab, der Vogel kann metertief tauchen.

»Es ist das, was ich Fremden zeigen will: Mein Land musst du spüren, du musst es von innen heraus begreifen.« Mit »seinem Land« meint Capewell auch jene Weite, die sich am Ufer ausbreitet. Hunderte Kilometer nichts als schattenlose Erde, auf der Kängurus springen und giftige Braunschlangen kriechen; einer ihrer Bisse reicht, um einen Elefanten zu töten. Capewells Reich sind die Wüste und das Meer in der »Bucht der Haie«: zerklüftete Küsten und Inseln, umspült von gleißender See bis hoch zum Cape Peron und zum Ningaloo Reef.

Seit 25.000 Jahren leben die Aborigines-Stämme der Nhanda und Malgana im äußersten Westen, erschaffen von ihrer mythischen Schöpferkreatur, der Regenbogenschlange. Nicht nur das Outback bevölkerten die Ureinwohner, von jeher lebten die Aborigines auch am Meer, wateten durch die Buchten, fischten, jagten Seekühe und versenkten Fallen in den Wellen. Gutharraguda nennt Capewell sein Land, »die beiden Wasser«. Er selbst ist einer von rund hundert Yamaji Wirriya, einer der letzten »Salzwassermenschen«.

Capewell, 41, liegt es am Herzen, die Sprache der alten Aborigines zu benutzen und zu erklären. Die Wörter bestehen aus gutturalen Lauten, Vokabeln eines vergessenen Daseins. In Monkey Mia empfängt Capewell Besucher, erklärt die Wurzeln und Rituale seines Volks. Er sitzt am Lagerfeuer unter Sternen oder paddelt mit Gästen die Küste entlang, sechs Kilometer unter stechender Sonne. Genau genommen ist Monkey Mia nicht mal ein Ort. Nur ein schneeweißer Strand aus Muschelsand, berühmt für die wilden Delfine, die den Durchreisenden vor die Kameras schwimmen. Es gibt ein gutes Resort für Urlauber, eine Bar, ein Restaurant, einen winzigen Supermarkt. Nebenan liegt eine Rangerstation; ab und zu kommen Biologen, um Seekühe und Tigerhaie zu studieren.

Ein Uhr mittags. Capewell, den alle hier »Capes« nennen, sagt, ich paddele falsch. Zu hektisch, zu wenig aus der Hüfte heraus. Ich soll Kraft sparen. Wir haben später noch vier Kilometer vor uns, heimwärts, gegen den Wind. »Trink mehr Wasser, der Hitzschlag kommt schnell.« Er selbst paddelt noch immer im Stehen, er hat sich nicht mal eingecremt. »Ich habe meine Haut.«