BewerbungstrainingBitte nicht hemdsärmelig!

Die Imageberaterin Birgit Wolf verbessert Stil und Auftritt fürs Bewerbungsgespräch. von Ariane Breyer

Wer wissen will, wie es um die Jobchancen junger Ingenieure bestellt ist, braucht sich nur auf einer Karrieremesse der Branche umzusehen. Zum Beispiel auf dem Recruiting-Tag des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in Hanau. Neben meterhohen Anzeigen – »Wir stellen ein!« – stehen dort in tadelloser Businessbekleidung die Unternehmensvertreter und wirken nervöser als die Absolventen. Die scheinen den Kontakt zu ihren möglichen Arbeitgebern eher locker zu nehmen. Der Kandidat mit der selbstgedrehten Zigarette etwa klopft sich ein paar Tabakbrösel vom Jackett. Dann schultert er seinen Sportrucksack, der aussieht, als habe er ihm schon während einiger Trekkingtouren gute Dienste geleistet, und geht sich eine Arbeit suchen. »Das Outfit von Ingenieuren ist deutlich entspannter geworden«, klagt ein Unternehmensvertreter. Mitunter würden die Bewerber in Freizeitkleidung zum Vorstellungsgespräch für eine Projektleiterstelle erscheinen. »Wie Azubis!«

Vielleicht sind solche Beschwerden der Grund dafür, dass Birgit Wolf das Vortragsprogramm auf der Messe in Hanau eröffnet. Die 45-Jährige gehört zweifellos zu den am besten gekleideten Besuchern. Ihr Rock endet exakt unterm Knie, die Absätze sind gerade so hoch, dass die polierten Schuhe als Pumps durchgehen, die Kurzhaarfrisur ist frisch geschnitten. Überhaupt sieht alles an Birgit Wolf neu und frisch und akkurat aus. Dabei ist sie ziemlich erkältet, weshalb sie das Publikum im Voraus um Nachsicht ersucht, falls sie im Laufe der nächsten Stunde gezwungen sein sollte, sich zu räuspern. Ihr Thema: »Etikette für Ingenieure – Wegweiser zum perfekten Businessauftritt«.

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Birgit Wolfs Vortrag ist eine Art Benimmkurs für Arbeitnehmer. Denn das richtige Studium allein macht noch keine Karriere; wichtig sei auch, sagt Wolf, die gute Kinderstube. Nur wer sich einwandfreie Umgangsformen zu eigen gemacht habe, wirke souverän. Das Problem sei aber: Niemand glaube, selbst Nachhilfe nötig zu haben – schließlich werde man im Alltag selten auf unangemessenes Verhalten hingewiesen. »Die meisten Leute sind höflich genug, eine Übertretung nicht direkt zu melden.« – Die Kandidaten auf den Stehplätzen nehmen vorsorglich die Hände aus den Taschen.

Es gibt eine gewisse Widerwilligkeit, sich an Dresscodes zu halten

Die ersten sieben Sekunden entscheiden über den persönlichen Eindruck, und der wird hauptsächlich, nämlich zu 55 Prozent, vom Auftreten und vom äußeren Erscheinungsbild bestimmt. Grund genug für Wolf, den Oberflächlichkeiten mehr Aufmerksamkeit zu widmen: dem Krawattenmuster (»zurückhaltend ist gut«), dem Farbverlauf der Kleidung (»Rosa und Flieder nicht großflächig zum Einsatz bringen«), der optimalen Brillenform und der angemessenen Frisur. Als Wolf schließlich die Bedeutung der täglichen Rasur erwähnt, verlässt der Vollbärtige in der dritten Reihe den Saal.

»Ingenieure genießen ein hohes gesellschaftliches Ansehen«, sagt Birgit Wolf später. »Zu diesem Selbstbewusstsein gehört manchmal aber auch eine gewisse Widerwilligkeit, sich an Dresscodes zu halten.« Die gelernte Diplom-Kauffrau aus Friedrichsdorf im Taunus machte vor fünf Jahren eine Weiterbildung zum Image-Coach. Seitdem berät sie Techniker auf Jobmessen und schreibt eine Stil-Kolumne im Branchenblatt der Ingenieure, den VDI-Nachrichten. Sie will den Ingenieuren nicht die Individualität austreiben – Karriere mache ohnehin nur, wer authentisch wirke, sagt sie. Es gehe ihr um Respekt. Und der lasse sich eben auch an Umgangsformen und Garderobe ablesen: Während sorglose Hemdsärmeligkeit auf Gleichgültigkeit schließen lasse, werde bei einer gepflegten Erscheinung Kompetenz und Ernsthaftigkeit unterstellt. Wolf hilft Bewerbern dabei, sich ihre Ausstrahlung bewusst zu machen.

Leserkommentare
  1. Ich hatte mich ja schon beim Lesen der gedruckten Version gefragt:
    Warum kommt eigentlich keine Beilage zum Beruf des Ingenieurs ohne die bekannten Klischees aus?

    Vermutlich, um die Motivation des Nachwuchses zu fördern, diesen Beruf zu ergreifen?
    Insbesondere junge Frauen sind natürlich erfreut darüber, einen Beruf mit einem solch glänzenden Image zu ergreifen.

    Könnte es mal ein bisschen konstruktiver gehen? Oder wenigstens ein bisschen realitätsnäher, ehrlicher? So wird das nämlich nix mit der Nachwuchsförderung für die Ingenieurszunft.
    Aber es erfreut natürlich mehr, sich Einzelfälle herauszusuchen, welche das bestehende Klischee bestätigen.

    Mann, Mann...

  2. Zitat: »Ingenieure genießen ein hohes gesellschaftliches Ansehen«

    Schön wärs. Das ist nach meiner Beobachtung eher altersabhängig.
    Bei jüngeren Leuten hat die oben kritisierte Klischeemaschine leider durchschlagenden Erfolg: Ein beliebiger Job in der Finanzbranche hat für viele mehr Strahlkraft, als sich mühsam durch ein schwieriges Studium zu kämpfen, um anschliessend die Karohemdchenträger-Klischees ertragen zu müssen.

  3. ...nicht dass ich es schön fände, dass meine Ingenieurskollegen mit Jack-Wolfskin-Jacke, Trekking-Schuhen und Rucksäcken meine Geschmacksnerven strapezieren.

    Aber: das ist mir immer noch lieber, als die Idee vom stromlinienförmigen Einheitsingenieur, der mehr Wert auf die Form seiner Schuhe legt, als auf gute Arbeit. Leider propagiert die Dame ein wenig die falschen Werte - sinnvoller wäre es doch darauf hinzuweisen, dass in Bewerbungsgesprächen ganz offensichtlich auf die falschen Kriterien geachtet wird, wenn eine falsche Hose zur Zurückweisung eines Bewerbers führt.

    Soweit kann es also noch nicht her sein mit dem Ingenieursmangel.

    PS.: All die Banker, die uns Milliarden und Abermilliarden gekostet haben, waren vermutlich bei weitem schicker angezogen als die hier beschrieben Ingenieure. Scheint viel gebracht zu haben!

    • rws
    • 02. April 2011 21:40 Uhr

    ICE München - Frankfurt 7:00. Der Zug ist gesteckt voll. Es wird warm und die Jackets landen am Haken. Die Hälfte der Mitreisenden trägt - hellblaue Hemden.

    Noch schlimmer ist es unter den Dipl.-Ings. Fachrichtung Maschinenbau. Fast 90% trägt zu den Konfirmandenanzügen (sorry, aber man sieht es einfach, wenn ein Anzugträger den Anzug nicht gewohnt ist) hellblaue Hemden.

    In den anderen Punkten gebe ich Frau Wolf ja recht. Insbesondere scheint das Aufbügeln von Anzügen hierzulande leider unüblich zu sein. Aber hellblau geht gar nicht. Das trägt jeder Anfänger. Dann doch lieber anständig rasieren und ein weißes Hemd anziehen.

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    • Zack34
    • 02. April 2011 22:38 Uhr

    auf diesem Fachgebiet erhabener Experte... müssten Sie eigentlich wissen, dass eher der Träger die Wirkung bestimmt, als die Klamotte selbst.

    ps.

    Halb Italien trägt hellblau, und z.B. Schuhe aus braunem Nubuk-Leder. Und die meisten sehen prima aus.

  4. "Sie will den Ingenieuren nicht die Individualität austreiben" – aber bitteschön eine normierte. Oder wie ist das zu verstehen?

    • Acrux
    • 02. April 2011 21:56 Uhr

    beruht nicht wirklich auf seiner Rasur, aber viel eher auf seiner Faehigkeit, Rasierer zu bauen. Wenn man mit Kunden Umgang haben wird, kommt man zur Bewerbung so, wie man zum Kunden gehen wuerde, und wenn nicht, auch. Wenn man fuer ein Unternehmen arbeiten will, dass die "Men in Black" zu seinen Kunden schickt (also z.B. Banken, Versicherungen, Kanzleien etc.), soll man auch so kommen, aber sonst ist es unter Umstaenden sogar wenig foerderlicher overkill, das haengt letztlich sehr von der Branche ab. Im Artikel wird doch nur das one-grey-mouse-fits-all Modell propagiert. Irgendwie werde ich bei den meisten von diesen "Beratern" das Gefuehl nicht los, dass die in Wirklichkeit von einer Grossindustrie gesponsert werden, denen pflegeleichte und ja-sagende Mitarbeiter wichtiger sind als faehige und, wenn notwendig, auch mal kritisch-kreative.

  5. Dazu faellt mir nichts mehr ein! Natuerlich sollte man beim Vorstellungsgespraech in sauberen, gut sitzenden und halbewegs aufeinander abgestimmter Kleidung erscheinen, um seinem Gegenueber Respekt zu zollen. Natuerlich sind Knallfarben und auffaellige Muster auch eher ungeeignet, das sie die Aufmerksamkeit vom Gesicht ablenken - aber alles, was darueber hinausgeht ist doch neurotisch.

    Anzuege und Kostueme sollte man auf keinen Fall extra fuers Vorstellungsgespraech kaufen, finde ich - denn ein ungewohntes Kleidungsstueck am Koerper verunsichert die meisten Menschen - und nichts wirkt unsuveraener, als sich waehrend eines Interviews dauernd an der Kleidung herumzuzupfen. Und leicht underdressed zu sein ist viel weniger peinlich, als frisch frisiert im Kostuem und mit Pumps vor einem Interviewer im Kaputzenpulli zu sitzen.

    Mein Tipp - wenn man die Zeit dazu hat: einfach mal ein paar Tage vor dem Interview am spaeten Nachmittag bei dem Unternehmen vorbeischauen und sich anschauen, wie die Angestellten, die aus dem Gebaeude kommen, gekleidet sind (und sich ggbf. ueberlegen, ob das zu einem selbst passt).

    Wenn ich die Wahl haette, wuerde ich lieber fuer etwas weniger Geld fuer ein Unternehmen ohne dresscode arbeiten, als mir Abend fuer Abend die Frage stellen zu muessen, was ich bloss am naechsten Tag anziehen soll. Da ist ein Gehaltsvorteil schnell in Klamotten versickert.

    • Zack34
    • 02. April 2011 22:38 Uhr

    auf diesem Fachgebiet erhabener Experte... müssten Sie eigentlich wissen, dass eher der Träger die Wirkung bestimmt, als die Klamotte selbst.

    ps.

    Halb Italien trägt hellblau, und z.B. Schuhe aus braunem Nubuk-Leder. Und die meisten sehen prima aus.

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