Uhrenmesse: Simulation der Ewigkeit
Die irrwitzige Welt der Basler Uhren- und Schmuckmesse.
Vergangenen Donnerstag kletterte die Aktie der Swatch Group um 3,3 Prozent: Die Aussichten sind rosig oder golden oder diamanten, denn es ist Baselworld, Uhren- und Schmuckmesse. Das Dorf Basel wird zum Nabel der Welt der Luxusgüter, und Luxus meint Prunk, Verschwendung, Dinge, die den allgemeinen Lebensstandard überschreiten.
Ein Rekordjahr wird angepeilt, knapp 18 Milliarden Franken soll die Ausfuhr der Schweizer Uhrenindustrie 2011 betragen. Sicher, über die Ereignisse in Japan und im nördlichen Afrika sind alle besorgt, das drückt zart auf die Stimmung, aber nicht auf die Umsätze.
Also, Basel, ich bin einer von rund 3000 Journalisten und Journalistinnen, eine Art Flaneur, und wollte ich sämtliche Wege ablaufen, ergäbe das immerhin rund 25 Kilometer. Natürlich fein säuberlich mit Teppichen ausgelegt, natürlich die Erinnerung an das Passagenwerk von Walter Benjamin, aber das sind keine Passagen, sondern Hallen, und wenn es in Paris die »Passage du désir« gibt, so gibt es hier die »Hall of Desires« oder »of Emotions«, »of Feelings« und »Fascinations«. In diesen Hallen befällt einen ab und an ein minotaurisches Gefühl, da wurden 5200 Tonnen Stahl verbaut, Stände oder booths oder Marktbuden, für deren Preis sich unsereins ein luxuriöses Einfamilienhaus bauen könnte.
Auf den Männertoiletten prangen edle Rosengestecke, die Vitrinen werden dauernd von Frauen abgestaubt, das Licht in den Hallen ist schummrig und fein, die dämmrige Atmosphäre verstärkt das Gleißen und Glitzern, das Schimmern und Leuchten der Objekte der Begierde. Da parkt ein Lamborghini vor dem Stand, dort ein Porsche.
Vielleicht 100.000 Besucher aus etwa 100 Ländern strömen nach Basel, und da hat es zu wenige erstklassige Hotels für derart viele erstklassige Menschen in ihren teuren Anzügen, durchaus betucht sind sie und müssen dann halt im Elsass oder gar in Zürich nächtigen. Auch die Basler Restaurants stoßen an ihre Grenzen, decken pro Abend zwei bis drei Mal auf, und da darf eine Käseschnitte 28 Franken kosten.
In der Welt des Chronos oder Luxus spielen derart mickrige Zahlen keine Rolle, in dieser Zeit, in der nur noch ein Idiot eine teure Uhr kauft, um die Zeit abzulesen (das meint der Chef einer großen Edelmarke). Da geht es um Status, das leuchtende Zifferblatt dient der sozialen Distinktion. Und in Gedanken wandle ich mit einer 100.000- oder halt 880.000-fränkigen Uhr an meinem Handgelenk durch die Hallen.
Vielleicht ist es auch schlicht die Simulation der Ewigkeit, und deshalb wähle ich jene Uhr, die erst im Jahre 2100 wieder nachgestellt werden muss.
Die Shuttlebusse fahren die Menschen die paar Hundert Meter raus in die Hall of the Universe, wo es weniger pompös zugeht, der Schmuck und die Uhren aus China und Indien, aus Brasilien und Korea kommen.
Zurück in die Halle 2, wo die Welt aus Edelsteinen und Diamanten und Perlen besteht, wo es Stände gibt, zu denen Privatpersonen keinen Zutritt haben. Die Bewohner dieser Welt des Luxus bleiben unter sich, all die emsigen Männer, all die Krawatten und die Absätze der edel gestylten Dienerinnen sind atemberaubend. Heute ist Samstag, und einige der Stände sind verlassen, die Vitrinen leer – dem Sabbat muss auch in der Welt der Saphire, des Rots der Taubentränen, des Turmalins aus Mosambik gehuldigt werden.
Ach, diese Farben, dieses Grün und Blau und Rot, dieses steinerne Glänzen!
Raus, an die Sonne. Auf einem Rollwagen schiebt ein Mann einige Kartons Veuve Clicquot durch die Menschenbeine. An einem Tisch sitzt Bruno C., Sammler von Uhren, saugt an einer fetten Zigarre. Am linken und am rechten Handgelenk trägt er eine James-Bond-Uhr. Vermutlich wird er sich morgen an der Uhrenbörse für 45.000 Franken von einer trennen.






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