Nationalmuseum in Peking : Aufklärung in eigener Sache

Chinas neues Nationalmuseum rückt ab von der Revolution – mit Kunst aus Berlin, München und Dresden.
Die große Halle des Pekinger Nationalsmuseums, entworfen vom Hamburger Architekturbüro gmp. © Christian Gahl

Die Architekten sind nicht unbedingt glücklich mit all den weiß-blauen Porzellantöpfen, die palmengeschmückt vor den Pfeilern, vor den Treppen und eigentlich überall in der riesigen Museumshalle herumstehen. Deshalb haben sie die Blumentöpfe, alle auf einem Tischchen mit Dackelbeinen, für die offiziellen Fotos lieber zur Seite räumen lassen. Sie stören das empfindsame, auf reine Ordnung bedachte Architektenauge. Die Chinesen aber wollten die Palmen. Sonst sähe ihr neues, stolzes Nationalmuseum ja vollends aus, als stünde es nicht im symbolischen Zentrum ihres Riesenreichs, sondern irgendwo in Stuttgart, Frankfurt oder Berlin.

Das gewaltige Bauwerk, mit seinen 200.000 Quadratmetern das größte Museum der Welt, verdankt sich Meinhard von Gerkan, Stephan Schütz und vielen weiteren Architekten aus dem Hamburger Büro gmp. Auch für die Akustik sind deutsche Planer verantwortlich, ebenso für die Beleuchtung, sogar die inselförmigen Beete rund um das Gebäude haben Deutsche gestaltet. Und zu allem Überfluss beginnt das Nationalmuseum seinen Ausstellungsbetrieb in dieser Woche mit einer Sonderschau, die aus Dresden, Berlin und München nach Peking gereist ist. Dort kann nun alle Welt sehen: Die Chinesen sind eine offene Nation. Offen für alles Deutsche.

Normalerweise ist ein Museum ja ein Ort des Verwahrens; dieses aber scheint vor allem ein Museum der erstaunlichen Verwandlungen zu sein. Hier zeigt China , wie rasch es sich verändert und wie weit es abrückt von seiner jüngsten Geschichte. Hier will es demonstrieren, wie aufgeschlossen es für die anderen ist, auch für die Kultur des Westens. Sogar die Epoche der Aufklärung, die Zeit der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und der Menschenrechte, wird mit großen Staatsehren empfangen – als deutscher Exportbeitrag in Form einer Kunstausstellung, für zwölf Monate zu sehen, direkt an jenem Platz, auf dem 1989 die Studentenrebellion niedergeschlagen wurde .

Von dort, vom Tiananmen-Platz aus gesehen, scheint alles beim Alten zu sein. Im Norden die Verbotene Stadt, im Westen die Halle des Volkes, im Osten das Nationalmuseum mit seiner kolossalen Pfeilerfassade und den seltsamen Zierformen, halb sowjetisch, halb chinesisch. Ursprünglich sollten sie von einem scharfkantigen Dach überfangen werden, die Architekten wollten ein weithin sichtbares Zeichen der Erneuerung setzen. Doch nach anfänglicher Euphorie entschieden sich die chinesischen Bauherren dagegen. Sie hatten sich zu den Olympischen Spielen viele architektonische Gewagtheiten in die Stadt geholt . Das nationalheilige Ensemble des Tiananmen-Platzes wollten sie nun lieber schonen. Und so ersetzten sie das gewaltige Dach der Deutschen durch chinesische Dialektik.

Wohl kein anderes Bauwerk symbolisiert derzeit die Vielgesichtigkeit der chinesischen Nation besser als das runderneuerte Museum. Nach außen erweckt es den Anschein, als habe sich an der alten bewährten Ordnung nichts verändert (auch wenn der Mittelteil aufgestockt wurde). Im Inneren hingegen blieb fast kein Stein auf dem anderen, über 80 Prozent des Originalbaus wurden verändert. Damit verkörpert dieses Museum vor allem für eine paradoxe Staatsdoktrin, derzufolge alles bleibt, wie es ist, und nichts ist, wie es war – Unveränderlichkeit voller Veränderung.

Wie radikal dieses Paradox sein kann, zeigt sich bereits daran, dass von den ursprünglich zwei Museen am Tiananmen-Platz heute nur noch eines übrig ist. Die chinesische Revolutionsgeschichte wurde geschluckt. Sie hatte ihr eigenes Haus, ihren eigenen Direktor, heute ist sie nur noch eine Abteilung, die zusehen muss, wie sie im Nordflügel des Nationalmuseums unterkommt. Die neue Präsentation spart zwar nicht an Pathos, sie hat auch einiges an Devotionalien der Revolution zu bieten. Doch vom einstigen Mao-Themenpark ist nur wenig übrig. Was einst Revolution hieß, heißt nun im Ausstellungstitel Rejuvenation – ganz antiradikal und unpolitisch: Verjüngung.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

"Yin im Yang" oder "Yang im Yin"

"Wohl kein anderes Bauwerk symbolisiert derzeit die Vielgesichtigkeit der chinesischen Nation besser als das runderneuerte Museum. Nach außen erweckt es den Anschein, als habe sich an der alten bewährten Ordnung nichts verändert (auch wenn der Mittelteil aufgestockt wurde). Im Inneren hingegen blieb fast kein Stein auf dem anderen, über 80 Prozent des Originalbaus wurden verändert. Damit verkörpert dieses Museum vor allem für eine paradoxe Staatsdoktrin, derzufolge alles bleibt, wie es ist, und nichts ist, wie es war – Unveränderlichkeit voller Veränderung"

Es gibt ein schönes Bild aus der chinesischen Kultur, die gerade diese Paradoxa in einer eigenen Lehre auflöst:
Das Taijitu. Es versinnbildlicht die Yin-Yang-Lehre, die u.a. darin gipfelt, daß eines in dem anderen enthalten sei
So kann es sein, daß äußerliche Kaderstruktur im Innern demokratische Elemente enthält. Ebenso kann in einer Demokratie unter der Oberfläche Kadermentalität sich breitmachen. Es gilt den Kern herauszuschälen, mit dem man sich auseinandersetzen möchte.

Nicht zu Ende erzählt

Die zur Schau gestellte Schokoladenseite des deutschen Geschichts- und Selbstbildes. Scheints säuberlich ausgeschnitten - einerseits aus dem europäischen Zusammenhang, andererseits befreit von jedem Blick auf das desaströse Untergang dieser Ideenwelt in der weiteren deutschen Geschichte. Wenn China und wir selbst daran gehindert werden können, die Ideengeschichte der Aufklärung als Kaminsims-Nippes zu verstehen, dann nur, wenn hier konsequent zu Ende erzählt wird. Am Tiananmen Platz wird das wohl kaum möglich sein. Warum also nicht 2012/13 in Deutschland. Chinesische Delegationen wären dazu herzlich eingeladen.