Film "Winter’s Bone"Heldin der Wälder

Thriller und Amerikaporträt: Debra Graniks schonungsloser Film "Winter's Bone". von Franziska Bulban

Die Menschen in diesem Film sind wie Herbstlaub im Winter. Wie die Blätter, die hier den Boden bedecken. Blätter, die schon vor Monaten von den Bäumen gefallen sind, die langsam von Wind und Kälte zu feinem Staub zerrieben werden – man sieht ihnen nicht mehr an, dass sie einmal voll Leben waren. Der kalte, trockene Winter hat sie alle mürbe gemacht. Alle, bis auf eine: Ree.

In Debra Graniks Oscar-nominiertem Film Winter's Bone haust die 17-Jährige (Jennifer Lawrence) mit ihrer psychisch kranken Mutter und ihren beiden kleinen Geschwistern in einer zugigen Blockhütte in den Bergen Missouris. Um zu überleben, bringt sie ihren Geschwistern bei, zu kochen und Eichhörnchen zu jagen. Routiniert zieht sie den Tieren das Fell ab und zwingt ihren Bruder, sie auszuweiden. "Essen wir das auch?", fragt er, als er die Gedärme in der Hand hält. "Noch nicht", ist die lakonische Antwort.

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Man könnte meinen, dies sei genug Verantwortung für ein Mädchen, dessen Gesicht noch die weichen Züge eines Kindes hat und dessen Hände bereits die Schwielen einer arbeitenden Frau zeichnen. Rees Vater Jessup, ein Drogenmischer, ist verschollen. Um aus dem Gefängnis zu kommen, hat er auch noch das kleine Haus und das Grundstück der Familie als Pfand eingesetzt. Als er nicht zu einem Gerichtstermin auftaucht, droht der Familie die Obdachlosigkeit. Ree hat eine Woche Zeit, ihren Vater zu finden – oder seinen Tod zu beweisen.

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Wild entschlossen macht sie sich auf die Suche, stapft durch Wälder, inspiziert ein ausgebranntes Drogenlabor und befragt Verwandte und Bekannte. Für den Zuschauer beginnt so eine Expedition in eine abgeschottete Subkultur, in der eigene Regeln gelten: Männer machen die Geschäfte, Frauen dürfen nur von Frauen verprügelt werden, und Drogen ersetzen Mitgefühl. "Willst du eine Line? Einen Joint?", fragt ein Kollege des Vaters, als Ree ihn um Rat oder Hilfe bittet. Regisseurin Debra Granik inszeniert Charaktere, die sich hinter Mauern des Misstrauens verschanzt haben und deren freundlichste Geste gegenüber einem verzweifelten Mädchen eine vage Wegbeschreibung ist.

Ree ist ein Fremdkörper in dieser archaischen Hierarchie, sie ist zu jung, sie hat keinen Mann, und sie akzeptiert kein Nein. In ihrem heroischen Starrsinn ignoriert sie die Warnungen aus ihrer Umgebung und begibt sich in immer gefährlichere Situationen. In Winter's Bone lauert die Bedrohung in den Schatten der Wälder, in der Unruhe der witternden Hunde und hinter den abweisenden Gesichtern der Menschen. Auch in dieser Welt ist Blut dicker als Wasser. Nachdem Ree verprügelt wurde, durchbricht ihr unberechenbarer Onkel Teardrop (John Hawkes) sein Schweigen und beginnt, sie zu unterstützen. Er nimmt sie mit auf eine nächtliche Jagd nach der Wahrheit. Als Kind habe sie immer etwas Angst vor ihm gehabt, gesteht sie ihm. "Weil du klug bist", antwortet er. Denn Teardrop weiß, was der Umgang mit seinesgleichen bedeutet. Er macht Ree klar, was sie nicht akzeptieren wollte: Dass zu viele Fragen in dieser Welt tödlich sein können. Doch da sind die beiden der Wahrheit schon sehr nah.

Die Geschichte von Winter's Bone ist tief im Schauplatz, den Ozark Mountains, verwurzelt. Die Gesellschaft, die auch Autor Daniel Woodrell in der gleichnamigen Romanvorlage beschreibt, setzt Granik mit einer ruhigen, eher beobachtenden als erzählenden Kameraführung in Szene. Stellenweise erinnert ihr Film an die Sozialfotografie während der Großen Depression, an die Aufnahmen von gespenstisch zerfallenden Ortschaften und erschöpften Wanderarbeitern in verdreckten Kleidern. Graniks Ozark Mountains sind ein merkwürdig verwahrlostes Territorium, in dem Trailer und Blockhütten wahllos in die Landschaft gestreut sind und Müll im Vorgarten die einzige sichtbare Verbindung zur Konsumgesellschaft ist. Detailversessen hat Granik einige Rollen mit Menschen aus der Umgebung besetzt, ihr nuscheliger Dialekt und ihre wettergegerbten Gesichter verleihen der Handlung einen unaufdringlichen Realismus. Sogar die zerschlissenen Jeans und bedruckten T-Shirts einiger Bewohner wurden als Kostüm genutzt . Es wirkt, als müsse man nur einmal auf einer Landstraße falsch abbiegen und schon sei man mittendrin in der Welt archaischer Familienfehden.

Winter's Bone ist ein zugleich niederschmetterndes und zutiefst beeindruckendes Amerika-Porträt, eine einzigartige Mischung aus Gesellschaftsfilm, Thriller und Familiendrama. Country Noir nannte der Buchautor Daniel Woodrell seine genreübergreifende Erzählweise. In der Tat, ein dunkles Land.

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Leserkommentare
  1. Es ist sehr mutig heutezutage so einen Film zu drehen, wo die Gesellschaft nach bunten und heilen Welt Filmen suchen.
    Ein sehr überzeugendes Abbild von einem Teil des amerikanischen Gesellschaftes wird in dem Film dargestellt und etwas verstörendes während des gesamten Filmes zu spüren.

    Ein gelungenes Stück mit einer überzeugender Schauspielerin.

    3 Leserempfehlungen
  2. Schauspieler notwendig,ein genaues Abbild der Realität in Amerika ist dieser Film!

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  3. "Winter´s Bone" ist in der Tat einer der herausragendsten Filme des vergangenen Jahres und das insbesondere wegen der schauspielerischen Leistung der Hauptdarstellerin. Allerdings sollte man ihn wenn möglich unbedingt in der englischen Originalversion (plus Subs) schauen da die gesprochene Sprachfärbung erheblich zur Authentizität und realistischen Atmosphäre beiträgt. Die sterile deutsche Synchronisation zerstört diese Merkmale wie gewohnt gründlich.

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    • zorc
    • 31. März 2011 15:13 Uhr

    Für, denen der Film nach dem Artikel und den bisherigen Kommentaren abschreckend grimmig erscheint, sollte man vielleicht dazu sagen, dass er außerdem wunderschön gefilmt ist, mit einem verblüffenden Produktionsdesign, das nicht nur authentisch aussieht, sondern authentisch ist, und mit unauffällig, aber nachhaltig genau komponierten Bildern, die alleine schon eine Freude sind. Hier wurde nicht nach dem Lehrbuch ein Film abgedreht, hier hat man über jedes Detail nachgedacht.

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    • dojon
    • 26. April 2011 10:28 Uhr

    Ein guter Film. Allerdings für Liebhaber eines schnellen Schnitts und einer actionreichen Handlung nicht zu empfehlen. Die Heldin ist natürlich völlig unrealistisch gezeichnet, aber das bekommt nur jemand mit, der sich vor Augen halten würde, was für eine gnadenlose Überforderung die Filmhandlung für eine 17 jährige bedeuten würde. Immerhin wird die Heldinnenrolle nicht zu sehr strapaziert, denn letztlich wird der Hauptfigur des Films durch einen Meinungsumschwung der Matronen des Clans geholfen, nachdem sie selbst ihre Sache eigentlich bereits aufgegeben hat.

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  • Schlagworte Film | Country | Dialekt | Geschwister | Obdachlosigkeit | Wald
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