Die Sprache der Veränderung dagegen ist intim, individualistisch. Deswegen ist das Internet ihr Medium – nicht allein, weil man darin anonym sein kann, leidlich sicher vor der Verfolgung der Sittenwächter oder der Geheimpolizei der Hamas. Sondern weil hier eine Sprache der Subjektivität zu entdecken ist. Die Öffentlichkeit des Internets, das ist das Paradox der Befreiung in Gaza, erlaubt diesen Jugendlichen eine freie Privatheit, die sie im allseits kontrollierten Privatleben einer religiös-konservativen Gesellschaft nie hatten. "Wir haben keine politische Agenda", sagt Abu Yazan, "wir wollen nur Rechte."

"Nur Rechte", das hieße für palästinensische Mädchen, mit einem Jungen zu sprechen, ein Konzert besuchen zu dürfen, einfach so, draußen, mit anderen zusammen, wo jeder kommen und zuhören könnte, nicht in einem Hotelzimmer hinter verschlossenen Türen. Oder ein Bier zu trinken, hier in Gaza, wo Alkohol verboten ist, und nicht darüber nachdenken zu müssen, wie man die Scherben des hastig zerbrochenen Glases heimlich entsorgt. "Nur Rechte", das hieße, ins Kino gehen zu können, wie andere junge Leute in der ganzen Welt, und nicht heimlich zu Hause YouTube-Filmchen betrachten zu müssen. "Nur Rechte", das hieße, am Strand von Gaza, wo die blaugrünen Wellen sich spät brechen, schwimmen zu dürfen, auch als Mädchen, oder Wasserpfeife zu rauchen, Hip-Hop zu spielen, diese als westlich-unsittlich verachtete Musik, lieben zu dürfen ohne Angst.

Die junge Bloggerin Asma al-Ghoul wirkt so selbstverständlich angstfrei, wie aus einer anderen Welt nach Gaza in dieses Café verpflanzt, sie trägt die Haare offen, ohne Schleier, sie ist geschieden und lebt mit ihrem sechsjährigen Sohn zusammen. Sie schreibt, nicht nur als Journalistin, sondern vor allem als Bloggerin, das hat sie gelernt auf einem Seminar in Tunis, und es sind ihre Blogs, in denen sie die Verzweiflung ihrer Generation artikuliert. "Vor der Revolution in Ägypten hat mich jeder nur eine ›Querulantin‹ genannt", sagt sie und schüttelt ihre Haare, "aber jetzt sind wir Hunderte, die in Blogs und auf der Straße für eine größere Freiheit kämpfen." Asma erzählt, wie sie einmal aus Protest am Strand entlangradelte, mehrere Kilometer weit, ein Skandal, weil Frauen in Gaza nicht Fahrrad fahren dürfen. Als plötzlich ihr Handy klingelt, zeigt das Display: "Private Nummer". Sie nimmt nicht ab und sagt: "Nur Hamas hat eine private Nummer."

Seit die Feministin zum Symbol der Protestbewegung wurde, ist Asma al-Ghoul Drohanrufe gewohnt, und so zieht die 26-Jährige aus ihrer Handtasche ein Aufnahmegerät und ein großes Mikrofon. "Wenn ich es aufnehme, kann ich deren ›Wir bringen dich um‹ auf meine Internetseite stellen." Sie lacht nicht, es ist ihr ernst. "Hamas und Fatah sind nur eine andere Form der Besatzung. Sie sind kein Widerstand gegen Unterdrückung, sie unterdrücken selbst."

Es sind Sätze wie diese, die das ganze Ausmaß der Veränderung in Gaza deutlich machen. Immer war der palästinensische Blick auf die anderen gerichtet, auf Israel, die Besatzer, die abgezogen sind, aber eine Schlinge aus Grenzen und Blockaden um das Territorium hinterlassen haben. Erstmals ist nicht mehr nur Israel Adressat der Kritik, jetzt gibt es den Gegner auch innen: die Repression der Hamas, aber auch ihre Zerstrittenheit mit der Fatah-Partei, die im Westjordanland regiert, ein Konflikt, der die palästinensische Gesellschaft gespalten hat. "Sie nutzen die israelische Blockadepolitik nur als Ausrede, um uns unsere Rechte vorzuenthalten", sagt Asma, "das muss sich endlich verändern."

Im sichtbaren Alltag von Gaza hat sich noch nicht viel verändert. Noch immer kontrolliert Israel den Zugang im Norden und Ägypten die Grenze im Süden. Abgemagerte, wunde Pferde ziehen auf der Straße klapprige Karren, Schrotthalden türmen sich neben Brachflächen, auf denen früher einmal Häuser standen, die im Krieg 2009 zerbombt wurden. Auf dem Markt gibt es Mangold und Gurken, frische Erdbeeren und Orangen von den Feldern, in der Stadt leben die Männer von winzigen Reparaturen (eine Wegwerfkultur kann sich in Gaza niemand leisten), die Schaufenster sind leer. In den Werkstätten stehen knarrende Transistorradios, alte Waschmaschinen, rostige Motoren, überall dröhnt und hämmert es. Strom gibt es nur acht Stunden am Tag, gefolgt von acht Stunden ohne Strom, dann beginnt der Lärm der Generatoren bei denen, die sie sich leisten können. Noch immer braucht es die illegalen Tunnel im Süden des Gaza-Streifens, bei Rafah, um an verbotene, aber dringend nötige Waren zu kommen, die aus Ägypten eingeschmuggelt werden.

An der Grenze zu Ägypten, im palmengesäumten Niemandsland, das früher die Israelis kontrollierten und das heute die Palästinenser selbst verwalten, hocken die wenigen Familien, die ein Ausreisevisum bekommen haben, im weißen Flachbau der Departure Hall. Sie sitzen neben ihren Koffern und prall gefüllten Plastiktüten und warten, halb freudig, halb ängstlich, denn ausreisen dürfen viele nur, wenn sie schwer krank sind und in einem Krankenhaus in Ägypten behandelt werden müssen.