Street ViewVorsicht, Google-Kamera!

Der Ort Parum sagte Nein zu Google Street View. Oberstaufen im Allgäu hat Google mit Jubel empfangen. Ein Versuch, beide Orte zu verstehen.

Oberstaufen zeigt sich gerne im Netz. Anders als Parum in Mecklenburg. Darum sind sie hier auch nicht zu sehen.

Oberstaufen zeigt sich gerne im Netz. Anders als Parum in Mecklenburg. Darum sind sie hier auch nicht zu sehen.

Parums Rebellenführer Dr. Wilhelm Meier, telefonisch unverzeichnet, schwieg auf unsere Mail. Wir mahnten, wir warben. Wir rühmten die Seriosität der ZEIT. Nach einer Woche schrieb Dr. Meier: »Ihr Interesse an unserer Aktion freut mich in der Tat, auch wenn ich nicht gerade postwendend zum Antworten komme.«

Nun sitzen wir in Meiers behaglichem Bauernhaus an der Straße nach Boldebuck. Der Hausherr ist ein pensionierter Lehrer, der nach der Wende aus Niedersachsen zuzog, Wurzeln schlug und als Parums Zugpferd ackert. Wir trinken Mokka, vertilgen Frau Heidis raffinierte Plätzchen und hören den Satz: Der Staat ist feige.

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Inwiefern?

Gegenüber Google, sagt Meier. Man muss sich sorgen. Unsere Daten werden systematisch aufgearbeitet nach Kriterien, die wir harmlosen Bürger nicht kennen. Die Reklametechnik: immer raffinierter. Google Street View macht seine Aufnahmen, ohne zu fragen, und wenn wir das nicht wollen, müssen wir Widerspruch einlegen und die Verpixelung unserer Häuser beantragen. Verkehrte Welt! Der Staat wäre zuständig, so wie er Dieben auf die Finger klopfen muss. Aber er hat beim Aufkommen der elektronischen Kommunikationsmittel tief geschlafen.

Meier zeigt seinen Schriftverkehr mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten: resignative Abwimmel-Prosa einer überforderten Behörde. Sklavisch!, zürnt Meier. Bodenlos lahm! Der Mecklenburger Landesbeauftragte war aufgeschlossener, der hat uns beraten, wie wir einen Sammeleinspruch formulieren könnten.

Ende 2010 ging Wilhelm Meier von Haus zu Haus. Er erklärte den Parumern Google Street View und die Gefahren unkontrollierbar wuchernder Datenvernetzung. Meiers Skepsis war oder wurde allgemein. Alsbald meldeten die Medien: EIN GANZES DORF SAGT NEIN ! Journaille fiel ein und verschreckte die Dörfler. Einige fürchteten, Meier wolle Parum von der Landkarte streichen und aus den Navigationsgeräten tilgen. Schon hieß Parum DAS DORF, DAS ES NICHT GIBT. Jetzt zweifelt Meier, dass sämtliche Parumer die Nein-Anträge unterschreiben. Ich bin Realist, sagt er. Die Artikulationsfreude ist nicht überall so ganz gigantisch. Mancher unterschreibt prinzipiell nichts, nicht mal im eigenen Interesse. Nun, dann übersende ich Google eben ein Konvolut individueller Verpixelungsanträge .

Frau Meier, neigt Ihr Gatte zum Barrikadenkampf?

Nein, eigentlich nicht.

Zum Engagement, sagt Meier. Meine Frau kannte mich noch nicht, als ich ’n kleiner 68er war.

Die Türglocke schellt. Ingrid Wagner und Bert Ludwig treten ein. Frau Wagner war einst Buchhalterin der LPG und argumentiert praktisch. Wir hatten schon mehrfach Diebstähle, sagt sie. Ein Pferd wurde geklaut, ein Boot, Kupferdachrinnen. Auf solche Sachen bringt einen Street View. Dagegen hilft doch nicht, wenn sie Gesichter verpixeln.

Genau, sagt Meier. Einbrecherbanden klauen keine Gesichter.

Herr Ludwig ist Denkmalpfleger, gebürtig aus Sachsen. In Parum betreibt er mit dem Verein Offene Häuser die Restauration des schlossähnlichen Pfarrhauses, errichtet 1840/41 als das landesgrößte, nach dem Bilde der Hohenzollern-Sommerresidenz Paretz. Google Street View, findet Ludwig, hebele die Balance zwischen Beobachter und Beobachtetem aus. Im normalen Leben beurteile ja die Gesellschaft den Heimlichtuer kritisch. Der Spanner hinter der Gardine, der anonyme Briefschreiber genieße keine Achtung. Auch Google Street View fördere Voyeurismus.

Aber es ermöglicht virtuelle Navigation.

Ich hab auch im Auto kein Navi, sagt Ludwig. Das zerstört bloß den Blick für Zusammenhänge. Landschaft sehe ich zuerst als Kulturlandschaft, nicht als Straßennetz. Mecklenburg ist, wie es ist, weil es jahrhundertelang schwer zugänglich war, spröde, dünn besiedelt, bei relativ intakter Natur. Diese Identität muss man schützen. Die Bevölkerungsprognose ist gruselig. Diese Gegend lässt sich nicht durch unkritische Massenanlockung retten, sondern nur durch Leute, die sich für ein authentisches Land einsetzen.

Herr Ludwig, das gilt als Spinnerkram.

Und Google, sagt Ludwig, benutze ich prinzipiell nicht. Weil da Information antidemokratisch über die Gewichtung gesteuert wird.

Bei Google, erklärt Meier, bekommt man dreieinhalb Zentner Reklame. Die heute 25-Jährigen halten das für Information.

Hat Parums Nein auch mit der Stasi-Erfahrung des Ostens zu tun? Nö, sagt Meier. Nach Ossi und Wessi werde hier nicht unterschieden; er sei Nordi.

Ludwig glaubt, auch in einer bayerischen Kleinstadt wäre solch Kollektivvotum möglich. Die Ortsgemeinschaft entscheide: ob ein Gemeinwesen lebt oder ob es sich für Tourismus und Wirtschaft prostituiert.

Prostituiert?

Ich übertreibe mal ’n bisschen.

Leserkommentare
  1. "Nur weil ich meine bis zu einem gewissen Grad schützen möchte, heißt das nicht, dass kriminell, unmoralisch, prüde oder technologiefeindlich bin." Das unterstellt man Ihnen aber ... und das mit immer drastischeren Folgen. Nicht nur, dass Unternehmen Sie dafür immer skeptischer betrachten und entsprechend ablehnen - auch die Überwachungsorgane des Staates werden Sie dafür zunehmend ins Auge fassen.

    "Immer zwischen Unternehmen, Staat und Individuum unterscheiden..." Das ist eine Sichtweise, die mit der Realität wenig zu tun hat. Niemals waren Wirtschaft und Staat so eng miteinder verknüpft, war der Staat mehr Handlanger der Wirtschaft. Und auch die Handelnden - Politiker wie Unternehmen - haben häufiger direkt von einem Lager in das Andere gewechselt.

    Antwort auf "Vergleiche hinken"
  2. "Jedermann kann zu jeder Zeit von einer öffentlichen Strasse, öffentlichem Weg jede Hausfassade fotografieren."
    Das ist im Grunde nicht einmal mehr nur als falsch zu bezeichnen, sondern vielmehr als vorsätzlichen Manipulationsversuch, etwas zutiefst unmenschliches und gefährliches zu verharmlosen. Es besteht nun einmal ein gravierender Unterschied zwischen einem Bild, dass ich persönlich mit meiner Kamera von einer Hausfassade mache und einer städteweisen Gesamterfassung aller Häuser in einer Datenbank mit Ortsangaben, Adressen, Nachbarschaftsverhältnissen usw.. Es ist ein leichtes, diese Daten mit dem Inhalt anderer Datenbanken zusammenzufassen, maschinell auszuwerten, Profile zu erstellen und Rückschlüsse auf verschiedenste Aspekte der Menschen zu ziehen, die privater kaum sein mögen.
    ... und diese zudem mit Lichtgeschwindigkeit rund um den Erdball immer sofort und direkt JEDEM verfügbar zumachen und zum Speichern bereitzustellen.

    Antwort auf "@10.Empörung!"
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    "Es ist ein leichtes, diese Daten mit dem Inhalt anderer Datenbanken zusammenzufassen, maschinell auszuwerten, Profile zu erstellen und Rückschlüsse auf verschiedenste Aspekte der Menschen zu ziehen, die privater kaum sein mögen."

    gehen sie ruhig davon aus, daß das alles schon passiert ist - ohne google, fundierter als google und vor allem geheimer, als google. ein mitforist hat diese debatte als phantomdebatte bezeichnet. ich füge hinzu: weil man den esel nicht erkennt (erkennen kann, erkennen will), schlägt man den sack. cervantes hat dieses phänomän schon vor über 400 jahren beschrieben und literarisch personifiziert: don quijote.

    'Es ist ein leichtes, diese Daten mit dem Inhalt anderer Datenbanken zusammenzufassen, maschinell auszuwerten, Profile zu erstellen und Rückschlüsse auf verschiedenste Aspekte der Menschen zu ziehen, die privater kaum sein mögen.'

    Glauben Sie denn ernsthaft, dazu bedürfe es der Bilder in Street View, oder die würden auch nur eine signifikante Rolle dabei spielen?

    "Es ist ein leichtes, diese Daten mit dem Inhalt anderer Datenbanken zusammenzufassen, maschinell auszuwerten, Profile zu erstellen und Rückschlüsse auf verschiedenste Aspekte der Menschen zu ziehen, die privater kaum sein mögen."

    gehen sie ruhig davon aus, daß das alles schon passiert ist - ohne google, fundierter als google und vor allem geheimer, als google. ein mitforist hat diese debatte als phantomdebatte bezeichnet. ich füge hinzu: weil man den esel nicht erkennt (erkennen kann, erkennen will), schlägt man den sack. cervantes hat dieses phänomän schon vor über 400 jahren beschrieben und literarisch personifiziert: don quijote.

    'Es ist ein leichtes, diese Daten mit dem Inhalt anderer Datenbanken zusammenzufassen, maschinell auszuwerten, Profile zu erstellen und Rückschlüsse auf verschiedenste Aspekte der Menschen zu ziehen, die privater kaum sein mögen.'

    Glauben Sie denn ernsthaft, dazu bedürfe es der Bilder in Street View, oder die würden auch nur eine signifikante Rolle dabei spielen?

  3. das was Google mit "Street View" in anderen Ländern macht, hätte ein deutscher Dienst, mal in Amerika machen sollen. Straße um Straße, Ort um Ort systematisch abfotografieren und hochauflösend, ohne Erlaubnis ins Netz stellen. Dann wäre aber mit Sicherheit ein Sturm der Entrüstung losgebrochen. Das hätten die Amerikaner nicht mit sich machen lassen, davon bin ich überzeugt!

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  4. Wohnen wir wieder in der DDR -dort waren die meisten Bauten Volkseigentum. Heute sind in den Bereichen der Innenstädte doch kaum noch Bauten öffentlicher Träger anzutreffen, weil diese die Grundstücke zum Abbau der öffentlichen Schulden "verscherbelt" haben!
    Komisch nur, dass ich vor dem Mauerfall viele Postkarten aus dem Westen gesammelt habe - auch aus Bayern - und da waren sehr viele private Häuser und Grundstücke drauf!
    Wir wurden ja auch nicht gefragt, wenn uns Filmteams aus dem Westen vor dem Mauerfall - ohne unsere Erlaubnis - gefilmt haben. (Auch wenn diese eine Dreherlaubnis besaßen!)
    Wenn die öffentlich-rechtlichen oder anderen Sendeanstalten hier in Berlin ihre Filme drehen und mein Auto ist plötzlich mit drauf - glauben Sie, die fragen mich, ob ich das wollte?
    Wenn mir Kabel Deutschland ständig "auf den Sack" geht, um mir ihr teures Digitalangebot anzudrehen, was ich - solange es noch analoge Sender gibt - nicht haben möchte, dann muss ich auch Einspruch einlegen, obwohl ich keine solchen Anrufe wollte!

    Antwort auf "Wetten, dass...?"
  5. "Es ist ein leichtes, diese Daten mit dem Inhalt anderer Datenbanken zusammenzufassen, maschinell auszuwerten, Profile zu erstellen und Rückschlüsse auf verschiedenste Aspekte der Menschen zu ziehen, die privater kaum sein mögen."

    gehen sie ruhig davon aus, daß das alles schon passiert ist - ohne google, fundierter als google und vor allem geheimer, als google. ein mitforist hat diese debatte als phantomdebatte bezeichnet. ich füge hinzu: weil man den esel nicht erkennt (erkennen kann, erkennen will), schlägt man den sack. cervantes hat dieses phänomän schon vor über 400 jahren beschrieben und literarisch personifiziert: don quijote.

    Eine Leserempfehlung
  6. 'Es ist ein leichtes, diese Daten mit dem Inhalt anderer Datenbanken zusammenzufassen, maschinell auszuwerten, Profile zu erstellen und Rückschlüsse auf verschiedenste Aspekte der Menschen zu ziehen, die privater kaum sein mögen.'

    Glauben Sie denn ernsthaft, dazu bedürfe es der Bilder in Street View, oder die würden auch nur eine signifikante Rolle dabei spielen?

  7. > Erstens sind Privathäuser nicht oft auf Postkarten
    > und diese bilden nicht die Realität ab

    Und Google Streetview ist Realität? Also ich wurde noch nicht von einem Auto angefahren, als ich mir mal die Berliner Stadtautobahn angesehen habe.

    > Google ist ein privatwirtschaftliches Unternehmen,
    > das sich mit Streetview Daten aneignet ohne zu fragen,
    > ob es das darf.

    Visa ist ein Privatwirtschaftliches Unternehmen und die können sehr genau auflisten, was bei wem in welchen Schlafzimmern steht.
    Die Bahn ist ein Privatwirtschaftliches Unternehmen und die können Ihnen noch Jahre später sagen, wann Sie mit der Bahncard oder der Onlinebuchung von wo nach wo gefahren sind
    Ihr Mobilfunkanbieter, Ihr Festnetzprovider, Ihr Internetanbieter kennen Ihren Freundeskreis verdächig genau.
    Nur weil es Google ist, muss das nicht dass alleinige Übel in der Welt sein. Schon garnicht können die Informationen über Einzelpersonen via Streetview erwerben.

    > Man muss als Privarperson Einspruch einlegen,
    > anstatt dass Google fragt ob es filmen darf

    Sie dürfen auch mal nach München oder Hamburg fahren und dort völlig ungehindert überall rumfotografieren. Die Grundlage nennt sich "Panoramafreiheit" und gilt für jedermann in Deutschland. Sie, mich, die ZEIT und eben Google.

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    Antwort auf "Verkehrte Welt"
  8. ob Google Photos von Häuser ins Netz stellt (die man selbst auch fotographieren könnte) ist für mich nicht so wichtig.

    Viel schlimmer ist die Tatsache, dass unsere Kontenbewegungen via Swift-Abkommen in den USA landen. Die Meldung auf SPON (USA verletzen das Swift-Abkommen - dauerhafte Speicherung und viele Zugriffe) ist schnell wieder verschwunden.

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